Da sass am Donnerstag kein Unschuldslamm vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen. Der 39-jährige Kosovare hat ein prall gefülltes Vorstrafenregister: Neun Einträge sind darin zu finden.

Für den Prozess in Olten musste der Angeklagte eigens aus Leipzig, wo er derzeit wegen organisierter Kriminalität eine neunjährige Freiheitsstrafe in einem Massregelvollzug absitzt, anreisen.

Der «Ausflug» in die Schweiz hat sich für den Beschuldigten jedoch gelohnt. Denn vom Amtsgericht Olten-Gösgen gabs für den Kosovaren in allen vier Anklagepunkten, mehrfacher Menschenhandel, mehrfache Freiheitsberaubung und Entführung, mehrfache Förderung der Prostitution sowie Vergewaltigung, einen Freispruch.

Dem beschuldigten Mann wurde zur Last gelegt, dass er von August bis November 2001 drei Russinnen von Schleppern übernommen und in ein Puff im Niederamt gebracht haben soll.

Eine der Geschädigten sagte in den polizeilichen Einvernahmen aus, dass sie im Kofferraum eines Autos über die Grenze gebracht worden sei. Dabei will sie den damals 27-jährigen Kosovaren als Täter erkannt haben. Alle drei Frauen gaben bei ihren Einvernahmen zu Protokoll, dass sie gegen ihren Willen eingesperrt und zur Prostitution gezwungen worden seien.

Nicht einmal Einkäufe hätten sie selber erledigen dürfen, sondern der Freundin des Beschuldigten eine Liste mit den benötigten Produkten abgeben müssen. Den Freierlohn kassierte laut Aussagen der Geschädigten der Beschuldigte.

Schwur-Einlage des Angeklagten

Als Orfei den Beschuldigten mit diesen Vorwürfen konfrontierte, stritt dieser alles ab: «Ich hatte nichts mit diesen Frauen zu tun. Ich habe sie nicht verschleppt, nicht eingesperrt und auch nicht angefasst.»

Je länger, je intensiver wurden seine Beteuerungen, bis er schliesslich aufstand, den Koran in der einen Hand hielt, die andere darauf niederlegte und sagte: «Ich schwöre beim Koran, dass ...»

Weiter kam er nicht, denn der Amtsgerichtspräsident, dem zuvor ob den unpräzisen und ausschweifenden Antworten des Angeklagten bereits der Geduldsfaden gerissen war, bereitete dieser Episode ein jähes Ende: «Setzen Sie sich wieder hin. Schwüre haben vor Gericht nichts zu suchen.»

Orfei kritisiert die Ermittlungen

«Was wirklich passiert ist, können wir nicht wissen», machte Orfei schliesslich in der Urteilsbegründung klar. Die Kofferraum-Story kanzelte der Amtsgerichtspräsident jedenfalls als Räubergeschichte ab. Das Gericht hege grosse Zweifel gegenüber den Aussagen der Geschädigten.

Und Orfei monierte: «Weil bei den polizeilichen Einvernahmen keine Adressen festgehalten wurden, konnten die drei Geschädigten nicht zur Hauptverhandlung vorgeladen werden. So wurde dem Gericht die Möglichkeit genommen, ein Urteil über die Glaubwürdigkeit der Frauen zu fällen.»

Überhaupt übte Orfei heftige Kritik am Ermittlungsverfahren, vor allem im Bezug auf den Vorwurf des Menschenhandels. Eine der Geschädigten sei zudem nur rudimentär zum schweren Vorwurf der Vergewaltigung befragt worden, was Orfei nicht verstehen konnte.

Erschwerend sei hinzugekommen, dass nicht weniger als vier Staatsanwälte mit diesem Fall beschäftigt waren. Aus Mangel an Beweisen sprach das Amtsgericht Olten-Gösgen den Kosovaren schliesslich frei.

Zwar keine Verurteilung, aber eine Moralpredigt gabs für den Kosovaren. «Sie sind ganz sicher kein unbescholtenes Blatt», sagte Orfei in Richtung des Angeklagten. «Heute haben Sie einzelne Punkte ganz anders geschildert als in den vorangehenden Befragungen und haben ein riesiges Chaos angerichtet.»

Der bissig aufgelegte Amtsgerichtspräsident missbilligte das Aussageverhalten des Angeklagten. Und er machte klar: «Die Genugtuung können Sie sich abschminken, von uns gibt es mit Sicherheit keinen Rappen.» Eine solche hatte Verteidiger Daniel R. Frey in seinem Plädoyer gefordert.

Staatsanwalt forderte sechs Jahre

Verteidiger Frey konnte sich jedoch über den Freispruch freuen. Ganz anders dürfte die Gemütslage bei Staatsanwalt Pascal Flückiger ausgesehen haben. Denn für ihn gab es keinen Zweifel daran, dass sich die Verbrechen, so wie sie von den Russinnen geschildert wurden, haben abspielen müssen.

Er unterstellte dem Angeklagten zudem in seinem Plädoyer, dass dieser die Verbrechen mit seinen Mittätern zusammen genau geplant habe – mit dem Ziel, sich finanziell zu bereichern.

«Die physische und psychische Gesundheit der Frauen war ihm dabei egal», so der Staatsanwalt. Für die Summe der Taten forderte er eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren.