Salopp gesagt: Die Pariser können ab Mitte Dezember ohne Halt in den abendlichen Ausgang nach Olten. Wenn sie dann, nach durchzechter Nacht in der Bar 97 in der Winkelunterführung, am Morgen mit dem Zug von der Aare an die Seine zurück sollten, müssen sie zuerst in Basel umsteigen, bevor sie im TGV die drei Stunden bis zur Gare de Lyon ausschlafen können.

Immerhin: Eine Neuheit ist es schon, dass der TGV im Bahnhof Olten wieder zweimal pro Tag zu sehen sein wird. Anlass dazu ist, dass die Betreibergesellschaft TGV Lyria entschieden hat, den (einzigen) täglichen TGV von Bern nach Paris ab dem Fahrplanwechsel nicht mehr über Neuchâtel–Pontarlier–Frasne–Dole–Dijon nach Paris zu führen, sondern über (Olten–)Basel–Mulhouse–Dijon. Die Linie durch das Neuenburger Val de Travers war zu langsam, die Fahrgastfrequenzen nahmen ab.

Keine Änderung auf der Hinfahrt

Ab 15. Dezember verkehrt nun also täglich in beiden Richtungen ein direkter TGV via Basel zwischen den Hauptstädten Bern und Paris. Für Bahnreisende ab Olten ändert sich für die Hinfahrt gar nichts: Von 8 bis 18 Uhr bestehen in Olten sechs schnelle Verbindungen nach Paris, alle mit IC nach Basel und Umsteigen auf den TGV.

Kein Umsteigen auf der Rückfahrt

Dasselbe Angebot besteht in der umgekehrten Richtung, wobei nun neu der letzte «heimkehrende» TGV bis nach Bern verkehrt und Reisende bequem auch im Bahnhof Olten aussteigen lässt. Wenn dieser TGV in Frankreich einmal Verspätung einfahren sollte, braucht man sich also nicht mehr um den Anschluss in Basel zu sorgen. Für die Rückfahrt nach einem Paris-Besuch liegt dieser TGV zeitlich attraktiv, und der Halt im Bahnhof Olten ist zweifellos ein Komfortgewinn.

Bescheidener Zeitgewinn für Bern

Eher fraglich scheint hingegen, ob Reisende ab Bern den Wechsel der Streckenführung «ihres» direkten TGV nach Paris als Gewinn empfinden werden. Zum einen ist die zeitliche Lage (Abfahrt in Bern um 9.10 Uhr, Ankunft in Paris um 13.37) alles andere als optimal, um den Tag gut zu nützen; viele Bahnkunden werden lieber früher am Morgen starten oder aber erst gegen Abend reisen wollen.

Zum andern wird die Fahrt Bern– Paris via Basel nur gerade eine Viertelstunde schneller als via Neuchâtel (4 Stunden 27 Minuten statt bisher 4 Stunden 42  Minuten); diesem geringen Zeitgewinn würden etliche Reisende vielleicht die pittoreske Strecke durch den Jura vorziehen.

IC Bern–Olten ist schneller als TGV

Vor allem aber ist der TGV zwischen Bern und Olten ein «Train à petite vitesse»: Weil er aus technischen Gründen (fehlende Ausrüstung für das Zugsicherungssystem ETCS 2) die SBB-Neubaustrecke Mattstetten–Rothrist nicht befahren kann, muss der TGV auf die Stammlinie via Burgdorf–Herzogenbuchsee–Langenthal ausweichen. Darum braucht der TGV für die Strecke Bern–Basel 1 Stunde und 13 Minuten, während ein Schweizer IC oder ein deutscher ICE über die Neubaustrecke in nur 55 Minuten von Bern nach Basel fährt – und das inklusive Halt in Olten.

Ein zeitbewusster Passagier aus Bern wird somit kaum schon um 9.10 Uhr am Bahnhof sein, um den TGV nach Paris zu nehmen. Denn er kann in Bern genauso gut erst um 9.34 Uhr in den IC nach Basel steigen, dort auf den TGV umsteigen und so Paris zur gleichen Zeit, um 13.37 Uhr, erreichen. Wer hingegen für die ganze Strecke den direkten TGV Bern–Paris benützt, braucht für die gleiche Reise 24 Minuten länger.

Verbesserungspotenzial vorhanden

Eine längere Fahrzeit ist wohl kaum der Sinn einer Direktverbindung mit dem weltberühmten Hochgeschwindigkeitszug. Um wirklich attraktiv zu sein, müsste der TGV Bern–Paris die Neubaustrecke befahren können und dann auch in beiden Richtungen in Olten halten.

Um dies zu ermöglichen, müsste TGV Lyria investieren, um einige TGV-Kompositionen für das ETCS 2 aufzurüsten. Zu hoffen ist, dass sich die französisch-schweizerische Bahngesellschaft nicht von Bundespräsident Ueli Maurer beeinflussen lässt, der kürzlich an der Olma den zentralen Bahnknotenpunkt der Schweiz als «trostlosen Bahnhof» schmähte.