Pfarrkirche St. Marien
«Der Stundenschlag ist einfach nur geil» - die Faszination der Glocken

Es gibt Leute, welche Glocken als Belästigung empfinden und solche die nicht genug davon bekommen. Diese machen regelmässig Ton- und Bildaufnahmen und stellen diese ins Internet. Das Balsthaler Geläute erhält dabei gute Noten.

Alois Winiger
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So nahe dran will «friedensglocke» jeweils sein, um den Klang des Glockengeläutes aufzunehmen. Hier im Turm der Marienkirche Balsthal.

So nahe dran will «friedensglocke» jeweils sein, um den Klang des Glockengeläutes aufzunehmen. Hier im Turm der Marienkirche Balsthal.

Zur Verfügung gestellt

Was für ein Gegensatz: Die einen würden das Geläut der Kirchenglocken am liebsten verbieten, weil es für sie eine hochgradige Lärmbelästigung ist. Die anderen können nicht genug davon kriegen, jagen dem Geläut landauf und landab, ja sogar im benachbarten Ausland regelrecht nach, machen Ton- und Bildaufnahmen und stellen diese ins Internet (youtube). Dort treten die Autoren zum Beispiel unter dem Namen «auferstehungsglocke», «friedensglocke» oder «glockenton1» auf, diskutieren über Beiträge und Klang und kommen zu recht unterschiedlichen Ergebnissen.

Das Interesse am Glockengeläute ist erstaunlich gross - und offenbar auch konstant. Schweizer Radio SRF Musikwelle strahlt seit Jahrzehnten samstags jeweils um 17.20 Uhr die Sendung «Glocken der Heimat» aus.

Ein Renner: «Glocken der Heimat»

Ein Volksaufstand wäre denkbar, würden die Radiomacher die Sendung «Glocken der Heimat» aus dem Programm streichen, ausgestrahlt jeden Samstag um 17.20 Uhr auf Radio SRF Musikwelle. Das Interesse ist gross, heisst es bei SRF. Eine riesige Auswahl an Glockengeläut aus der ganzen Schweiz ist vorhanden und als Audio erhältlich. «Fast täglich erreichen uns Anfragen mit der Bitte, das Dossier um weitere Glocken zu ergänzen. Falls Ihre Lieblingsglocken auch in der erweiteren Auswahl fehlen, teilen Sie es uns bitte mit.» Aber nicht nur Radio SRF kümmert sich um Glocken. Es gibt noch die Gilde der Carillonn-eure und Campanologen der Schweiz, gegründet am 3. August 1991 - dem Jahr des siebenhundertjährigen Bestehens der schweizerischen Eidgenossenschaft - in Nax VS. Das Alter der Mitglieder ist durchmischt, mit dabei sind Glockenspieler, bzw. Carrillloneure und Glockenexperten bzw. Campanologen (aus dem Lateinischen campana = Glocke) sowie Glockenliebhaber der Schweiz. Die Gilde selber ist Mitglied der Weltföderation des Glockenspiels (WCF). Behandelt werden bei der Gilde nicht nur Themen, die sich der Schönheit des Glockenklangs widmen, sondern auch solche, die aktuelle Probleme der Allgemeinheit betreffen. Auf der Homepage www.swiscarillon.ch ist zum Beispiel ein Beitrag über eine ETH-Studie zu finden: «Stören Glocken den Schlaf?» (wak)

Informationen über die Glocken

Eine besondere Faszination muss vom Geläute der Pfarrkirche St. Marien in Balsthal aus gehen, denn alle drei genannten Glockenfreunde - so nennen sie sich - haben davon Aufnahmen gemacht. Bei so viel Andrang wundert es nicht, dass man dort beim katholischen Pfarramt gar nicht mehr so genau weiss, wer wann welche Aufnahmen gemacht hat. Der Hoffnung der Autoren, dass auf der Homepage der Kirchgemeinde auf ihr Werk hingewiesen wird, ist man aber bis jetzt nicht nachgekommen.

Andere haben es getan, so etwa die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Oensingen-Kestenholz: Auf ihrer Homepage kann man fünf Minuten lang dem Geläute der Pauluskirche Oensingen lauschen und erfährt darüber hinaus, in welchem Ton die drei Glocken gestimmt sind, welchen Spruch sie tragen (z.B. «Unser täglich Brot gib uns heute»), wie schwer sie sind, wer sie hergestellt und wer dafür gespendet hat. Wobei die Aufnahmen in Oensingen nicht einfach so zustande kamen, wie «glockenton1» berichtet. «Da ich Ton und Bild gleichzeitig aufnehme, befürchtete man zuerst, das Geläute sei ein Vorwand, und man wolle festhalten, wer zur Kirche geht.»

Balsthaler Geläute erhält gute Noten

Was bringt Leute dazu, sich hobbymässig den Glockengeläuten zu widmen? Offensichtlich sind auch junge Tonjäger dabei, wie sich aus einigen Antworten im Internetforum schliessen lässt: «Einfach ein cooles Geläut! Hörs immer wieder im Zug und so. iPod ;)», schreibt «auferstehungsglocke». Und kritisiert wird natürlich auch. «Bischof007Hemmelrath» findet, die sechs Glocken der Marienkirche Balsthal würden viel zu schnell nacheinander eingeschaltet. «Das klingt wenig einfühlsam.»

Pech für ihn: Er müsste sich nur die Aufnahme von «glockenton1» anhören, dort wird nämlich seinem Wunsch entsprochen. Aber woher kommt dieser Unterschied? «Normalerweise geschieht das Einläuten per Computer», erklärt Sigrist Georg Rütti. «Für diese Aufnahmen habe ich ausnahmsweise alle sechs Glocken von Hand zugeschaltet. Da gibts halt Unterschiede.» Immerhin bekommt das Balsthaler Geläute im Allgemeinen gute Noten. Speziell die grosse Glocke - sie sei «eine Wucht».

Frage des Standortes

Bleibt noch der Streit unter den Glockenfreunden, von wo aus das Geläute aufgenommen werden soll. «glockenton1» befürwortet klar die Aufnahme von aussen. Zwar kämen dadurch Umweltgeräusche mit drauf, erklärt er. Und der Klang könne sich je nach Standort ändern. «Aber die Allgemeinheit nimmt den Klang von aussen wahr. In den Turm hinauf steigen kann normalerweise niemand.» Es sei denn, man ist Glockenfreund und fragt vorher bei der Kirchgemeinde an, so wie «friedensglocke».

Er will die Nähe zu den Glocken spüren (trägt selbstverständlich Gehörschutz) und steigt daher hinauf in den Turm, in die Glockenstube. Denn diese könne als Resonanzraum für den Klang ebenso mit ausschlaggebend sein wie etwa das Material, aus dem die Glocken gegossen worden sind.

«Der Stundenschlag ist einfach nur geil».

Ob Drinnen oder Draussen sei letztlich Geschmacksache, meint «friedensglocke». Möglichkeiten zum Vergleich der Geläute gibt es zu hunderten im Internet, darunter viele aus dem Kanton Solothurn, man kann sich darin wahrlich verlieren. Übrigens geht es in den Diskussionsforen nicht nur um das Geläute als Gesamtes, sondern auch um einzelne Töne, so wie etwa bei «manuelrocco28». Er ist begeistert: «Der Stundenschlag ist einfach nur geil».