Gretzenbach

Der schiefe Turm von Gösgen

Von Juli bis September fanden wenige hundert Meter vom Kühlturm des KKW Gösgen entfernt Pumpversuche für das Grundwasserpumpwerk statt.

Von Juli bis September fanden wenige hundert Meter vom Kühlturm des KKW Gösgen entfernt Pumpversuche für das Grundwasserpumpwerk statt.

Aufregung gab es um die Auswirkungen des geplanten Pumpwerks auf das Kernkraftwerk. Wir haben nachgefragt.

Gretzenbach und Schönenwerd brauchen ein neues Grundwasserpumpwerk. Das ist seit Jahren bekannt, weil der Bau des Eppenbergtunnels das Grundwasser beim bisherigen Pumpwerk tangiert.

Der neue Standort steht fest: Das kantonale Amt für Umwelt (AfU) sieht im Wasserversorgungsplan Olten-Gösgen ein regionales Pumpwerk im Gretzenbacher Aarefeld vor. Jetzt stehen die Gemeinden kurz vor der Gründung eines Öffentlich-rechtlichen Unternehmens «Wasserversorgung Unteres Niederamt» auf den 1. Januar 2017.

Pumpen, bis der Kühlturm kippt?

Und dann dies: «Das Kernkraftwerk Gösgen hat uns signalisiert, dass das neue Pumpwerk die Stabilität des Kühlturms gefährden könnte», teilte Hansjörg Merz, Präsident des Bauausschusses, am Dienstag dem Schönenwerder Gemeinderat mit.

Konkret: Die Grundwasserentnahme könnte zu Bodensenkungen führen und so den 150 Meter hohen Kühlturm in Schieflage bringen.

Diese Befürchtung komme für ihn völlig unerwartet, meinte Merz. Aber: «Wenn das zutrifft, können wir das Pumpwerk an diesem Standort nicht bauen.» Die Frage müsse nun abgeklärt werden: «Wir haben das AfU informiert.» Die Nuklearaufsichtsbehörde Ensi werde einbezogen.

Gemeinderäte geschockt

Ungläubiges Staunen war die erste Reaktion der Gemeinderäte. Wie kann es sein, dass das vom Kanton begleitete und mitfinanzierte Wasserversorgungsprojekt plötzlich so grundlegend in Frage gestellt wird?

Der Standort des geplanten Pumpwerks befindet sich etwa 300 Meter vom Kühlturm des KKW Gösgen entfernt. Von Ende Juli bis Anfang September führten die Gemeinden dort ausgedehnte Pumpversuche mit 5000 Litern pro Minute durch, der Hälfte der künftigen Fördermenge von 10 000 Litern.

«Die Ängste und Befürchtungen des KKG sind uns bekannt», bestätigte Rainer Hug, in der Abteilung Wasser des AfU zuständig für Grundwasserschutz, gestern auf Anfrage gegenüber dieser Zeitung. Das neue Pumpwerk erfordere eine Grundwasserschutzzone und eine Konzession. «Diese werden nur erteilt, wenn der Gesuchsteller nachweist, dass bestehende Bauten nicht gefährdet werden.»

Hug wies darauf hin, dass das Pumpwerk Gretzenbach den Grundwasserspiegel nur um wenige Zentimeter senken werde, während die natürliche Schwankung im Niederamt 2 bis 3 Meter betrage. Auch die eigene Grundwasserfassung des KKG für den Fall einer Notkühlung würde den Spiegel unter dem Kernkraftwerk bedeutend stärker verändern als das Pumpwerk der Wasserversorgung. Doch letztlich sei der Nachweis der Unbedenklichkeit Sache der neuen Wasserversorgung.

Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi in Brugg teilte auf Anfrage mit, dass es vom KKG über die Pumpversuche orientiert worden sei. Von einer Gefährdung des Kühlturms sei dabei nicht gesprochen worden.

KKG: «Wir haben gemessen»

Was sagen die Verantwortlichen im Kernkraftwerk selbst? «Wir sind nicht ins Projekt Pumpwerk involviert, aber uns interessiert alles, was im Umfeld unseres Werks vor sich geht», erklärt KKG-Mediensprecher Bruno Elmiger.

Während des Pumpversuchs der vergangenen Wochen habe das KKG deshalb vorsorglich seine Messungen von Grundwasserspiegel und Gebäudesetzungen intensiviert, die es seit Bestehen des Werks mache.

«Diese Daten haben wir jetzt, und sie zeigen klar: Das KKG ist durch die Pumpversuche nicht betroffen, weder hinsichtlich der für unsere Notkühlung verfügbaren Wassermenge, noch hinsichtlich von allfälligen Setzungen.» Das Ensi werde in die Messergebnisse Einsicht nehmen, sagte Elmiger.

Wenn es gewünscht werde, stelle das KKG seine Daten auch den mit den Pumpversuchen für die Wasserversorgung beauftragten Geologen zur Verfügung.
Fazit: Das Kernkraftwerk gibt in aller wünschbaren Klarheit Entwarnung. Gretzenbacher und Schönenwerder können ihr Grundwasser künftig aus dem Aarefeld pumpen – der Kühlturm von Gösgen wird deswegen noch lange kein schiefer Turm von Pisa.

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