Als er nach Wangen bei Olten kam, da wunderte sich manch einer über den Mann mit dem eher dunklen Teint. In der katholischen Galluskirche schwang er mit Pfarrer Adolf Hugo das Zepter, wirkte im Grunde genommen fröhlich, aber redete manchmal eher undeutlich. Nicht selten war zu hören: «Erst haben wir sie christianisiert, jetzt christianisieren sie uns!» Ein Schmunzeln folgte.

Und nun, nach 25 Dienstjahren, davon deren 21 als Diakon, ist vieles anders: Die Frage, wer da wen christianisiere, ist in den Hintergrund gerückt oder gar verschwunden. Man weiss: Der quirlig wirkende Mann namens Sebastian Muthupara kommt aus Asien, genauer aus dem südindischen Bangalore, stammt aus einer sehr katholischen Familie und wollte eigentlich Priester werden. Aber dann kamen ihm Zweifel; die Priesterweihe fand nicht statt.

Er habe – bei Lichte betrachtet – keine guten Vorbilder gehabt. Wasser predigen und Wein trinken! Nicht mit Muthupara. «Meine Eltern waren zwar sehr enttäuscht», sagt der heute 68-jährige Ehemann und Vater zweier erwachsener Kinder. Die Enttäuschung war gar so gross, dass die Kontakte zwischen dem promovierten Theologen und der Familie für zwei, drei Jahre abbrachen und erst mithilfe seines Bruders wieder aufgebaut werden konnten.

Kein Missionar

Sebastian Muthupara erzählt dies alles ohne Groll. Manchmal lächelt er, wenn er beim Reden eine Pause einlegt. Ob er wirklich so fröhlich sei wie er wirke? «Ja, ich bin ein fröhlicher Mensch», sagt er. Und weil Kirchenvertreter noch gerne in Verdacht geraten, missionarisch unterwegs zu sein, schiebt er noch hinterher: «Missionarische Züge gehen mir ab.»

Er wolle niemanden bekehren. Aber mit möglichst vielen Menschen zu reden, sich deren Argumente anzuhören, das sei interessant. Und er lege dabei stets Wert auf Direktheit, Offenheit. Manchmal habe er den Eindruck, genau diese weltliche Unkompliziertheit würden die Leute mögen. «Selbst kirchenferne Personen lassen etwa ihre Kinder taufen und geben zu verstehen, dass ich nicht ganz unschuldig sei daran.» Muthupara lacht, wie so oft. Aber er ist sich nicht sicher, ob die Kirche als Einrichtung die Menschen, die keineswegs unreligiös seien, wirklich zu erreichen vermöge.

Muthupara: Der Familienname bedeutet so viel wie «Perlenberg». Und wenn Sebastian Muthupara so ins Sinnieren gerät, über Gott und die Welt, lässt er jeden einzelnen Gedanken als solchen vom Perlenberg daherrollen. Nein, zu kämpfen gehabt gegen Vorurteile als Diakon habe er nie. «Vielleicht war der eine oder die andere mit meiner Interpretation der Liturgie nicht ganz einverstanden, bevorzugte deshalb den Kirchenbesuch andernorts», sagt er. Heute sei das passé. Muthupara keine Sensation mehr. Denn: Er gehe gern unter die Leute, nicht nur in Wangen, wo er arbeitet. Auch am Wohnort Zofingen, überall. Das schaffe Vertrauen. «Nicht von heut’ auf morgen; aber mit der Zeit», so der Diakon.

Erst als Hilfspfleger

Als er 1983 seiner Frau folgend in die Schweiz kam, hatte er gemäss Weisung der Fremdenpolizei zuerst in der Pflege oder im Gastrobereich zu arbeiten. «In beiden Gebieten fehlte mir die Erfahrung», sagt er. Er entschied sich für die Tätigkeit als Hilfspfleger in einem Altersheim. «Eine positive Erfahrung», etikettiert er diese anderthalb Jahre. Dann ging der in Indien ausgebildete Theologe zu Müller-Martini und arbeitete dort unter anderem in der Programmierabteilung. Später unterrichtete er nach erfolgreichem Didaktikum als Lehrer an der Sekundar- und Bezirksschule.

Und mit 43 Jahren begann der einstige Priesterkandidat die Einführung für den kirchlichen Dienst und trat eine 50-Prozent-Stelle als Pastoralassistent in Wangen an. «Wir waren ein gutes Team, Pfarrer Adolf Hugo und ich», sagt Muthupara. So gut, dass Muthupara sich für die Übernahme der Stelle von Pfarrer Hugo entschied, ohne dies später bereuen zu müssen. «Wir pflegen innerhalb der Kirche hier eine offene Gesprächs- und Konfliktkultur», sagt der Diakon. Das würde vieles leichter machen, Hinterrückskonflikte verunmöglichen.

Wangen gefällt Muthupara und Muthupara gefällt Wangen. So einfach geht das. Deshalb hat sich der Diakon auch weit übers Pensionsalter hinaus verpflichtet. «Ich hab’ mehr Ferien zugestanden erhalten, dafür muss ich meine Stellvertretung selber organisieren», sagt der Diakon. Das gehe reibungslos. Das diesbezügliche Übereinkommen mit der Kirchgemeinde laufe vorerst noch bis ins kommende Jahr.

In Indien ist er sich fremd

Mittlerweile ist Muthupara Schweizer Bürger; das indische Bürgerrecht musste er deswegen aufgeben, weil im Reich Ghandis eine doppelte Staatsbürgerschaft nicht anerkannt wird. «Ich bin entwurzelt», sagt der Diakon keineswegs unglücklich. «Wenn ich Indien besuche, bin ich mir selber fremd.» Gelegentlich habe er den Eindruck, von den Bewohnern hier schon viel übernommen zu haben, erklärt er mit einem heiteren Schmunzeln. Er mag Schnee und empfindet grosse Hitze eher störend. «So wie’s jetzt ist, ist’s gut», sagt er bei sommerlichen 29 Grad Anfang Juni. Und er sei pünktlich. «Wenn ich 10 Uhr sage, dann meine ich 10 Uhr.»

Er lacht, wie so oft. Was er sich von seinem einstigen Zuhause, der Familie in Indien erhalten habe? «Wahrscheinlich eine gewisse Gastfreundlichkeit», meint er, «eine Grossherzigkeit.» Der Vater war Landwirt und führte einen Lebensmittelladen, sagt er. Er, Sebastian, habe das Glück gehabt, nicht in einer Mangelwirtschaft gross geworden zu sein. «Wohlhabend waren wir nicht, aber auch nicht darbend.»