Olten

Der Machtmensch, der Missionar, der Helfer: Christoph Schwager erzählt über das Leben in Peru

Peruanisches Leben skizziert Christoph Schwager in seinem zeitkritischen Erzählstück «Dios mio, mehr Gold!».

Kann man aus der Geschichte lernen? «Wenig» meinen einige, «viel» denken manche und Christoph Schwager versucht, uns auf unterhaltsame Weise zum Nachdenken anzuregen. Über die Geschichte Perus, wo er als Theologe mit seiner Familie in den 1980er-Jahren im Auftrag der Missionsgesellschaft Bethlehem in einer Pfarrei in Lima tätig war. Über die Ausbeutung der Armen durch mächtige Reiche macht er sich unter anderem ernsthaft Gedanken, über die Religion und die in vielem zwiespältige Haltung der Katholischen Kirche.

Aber vor allem über das Gold, das den skrupellosen Eroberer Francisco Pizzaro ins Inkareich lockte. Schwagers neues Stück «Dios mio, mehr Gold!» zeigt, wie sich über Jahrhunderte geschichtliche Parallelen ergeben und dass die Gier des Machtmenschen Pizzaro auch heute noch zu finden ist. Ein Gutteil des am Titicacasee und anderswo geförderten peruanischen Goldes wird in der Schweiz weiterverarbeitet und eigentlich will niemand so genau wissen, unter welch schlimmen Arbeitsbedingungen das Edelmetall gewonnen wird.

Der Machtmensch, der Missionar, der Helfer

Gleich zu Beginn des Abends spielt Christoph Schwager auf einer Cajón, einer peruanischen Kistentrommel, und singt dazu einen Folkloresong. Die Cajón gehört, wie einige andere Kisten auch, zum kargen, von Valerie Soland eingerichteten Bühnenbild und zu den wenigen, aber gut ausgewählten Requisiten.

Musikalische Zwischenspiele aus einem Radio, aber immer wieder auch gesungene Passagen und einige peruanische Folkloretanzschritte geben dem Publikum kurze Ruhepausen. Sie sind nötig, denn Hauptdarsteller Schwager und Regisseur Paul Steinmann vermitteln in den dichten, oft anekdotischen Texten viele geschichtliche Informationen und die dazu passenden Einsichten.

Hauptsächlich drei Figuren und ihre Biografien dominieren und sind durcheinander gemischt: In erster Linie faszinieren die morallosen Ansichten des Machtmenschen Pizzaro, der sich im 15./16 Jahrhundert vom armen Schweinehirten zum angeblich «reichsten Mann der Welt», zum Vizekönig und zum «General Goldesel» emporkämpfte, ohne sich über die Tausenden von Toten, die er zu verantworten hat, Gedanken zu machen. Dazwischen gestellt sind aber auch die aufschlussreichen Tagebuchnotizen des böhmischen Jesuiten Samuel Fritz, der im 17. Jahrhundert die Indios zum Christenglauben bekehren wollte und als Erster den Amazonas kartografierte.

Und schliesslich berichtet Christoph Schwager mit etwas Selbstironie, aber auch einer glaubhaften Ehrlichkeit davon, wie er nach Lima zog, um zu helfen, und dabei vor allem mehr über sich selbst und seine eigene Lebensmotivation erfahren hat. Mühelos wechselt Schwager in seinem 75-Minutenstück, das ohne Pause gespielt wird, von einer Sprache zur anderen. Meist erzählt er in hiesiger Mundart, doch Pizzaro lässt er ein herrisches Spanisch sprechen und übersetzt es fliessend ins Hochdeutsche mit spanischem Akzent. Der Mönch Samuel Fritz böhmelt freundlich durch seine Tagebuchtexte, die freilich teilweise in unsern durch «Political Correctness»-Regeln sensibilisierten Ohren etwas seltsam klingen.

Zahlreiche Nebenfiguren tauchen auf, mit liebevollem Humor beschrieben, Hauptschauplatz aber ist immer die Stadt Lima, die Pizzaro gegründet hat. Schwagers erste Ankunft in der Hauptstadt des Anden-Staates Peru wirkt allerdings etwas gar klischeehaft, doch dies hat Methode. Christoph Schwager bricht die Klischees im Laufe des Abends immer wieder auf, zeigt oft witzig und immer einprägsam, dass alles auch anders gedeutet werden kann.

«Dios mio» ist ein Lehrstück über Macht- und Goldhunger, aber auch ein kaum versteckter Aufruf zu mehr Solidarität.

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