Der Oltner «König» hat sein Altersplätzli gefunden. Kater Toulouse wohnt bei seinem Frauchen Susi Köpfli und ihrem Lebenspartner Bruno Baumann. Bei ihnen fühlt sich der 16-jährige Kater pudelwohl. Er schläft viel, hat geregelte Esszeiten, darf jederzeit auf den Balkon, spielt mit seinen Lieblingsplüschtieren und schaut mit seinen Mitbewohnern am Abend Fernsehen. «Manchmal kommt er näher und schaut uns ganz tief in die Augen.

Er hat diesen durchdringenden Blick. Es ist, als ob er unsere Gedanken aufnehmen würde», erzählt Susi Köpfli. Toulouse hat bereits ein stolzes Alter erreicht. Er hat sich vom Leben in der Altstadt verabschiedet und ist zurück bei seiner Familie. Aber egal, wie alt Toulouse ist, seinen eigensinnigen und königlichen Charakter wird er bis zu seinem letzten Tag niemals verlieren.

Kater Toulouse ist auch in seinem neuen Zuhause ganz der König.


Leben auf der Strasse

Ein harter Kerl, dieser Toulouse. Acht Jahre lang schlug er sich durch die Strassen der Oltner Altstadt durch. Viele Anwohner sorgten für Toulouse. Gaben ihm Essen, Trinken und boten ihm einen Schlafplatz an kalten Wintertagen. Er lief in Büros hinein, schlenderte durch Blumengeschäfte, machte es sich in Beizen gemütlich und genoss die Kaffeerähmli, die man ihm spendierte.

«Dabei vergisst man, dass es bestimmt auch Menschen gab, die ihm nicht immer Gutes wollten», sagt Köpfli in einem besorgten Ton. «Ich habe mir immer Sorgen um ihn gemacht. Vor allem schmerzten jene Momente, in denen er mir in der Altstadt hinterherlief, mich an den Jeans packte und miaute. Er schimpfte mit mir, dass wir nicht mehr in der Altstadt wohnten.»

Als vor acht Jahren Susi Köpflis Ehemann starb, veränderte sich für sie und ihre Familie alles. Sie sahen sich gezwungen, aus der Altstadt wegzuziehen und einen anderen Standort für ihren Papeterie- und Druckerei-Laden zu suchen. Toulouse hingegen blieb beharrlich in der Altstadt. «Diese Veränderungen haben bei ihm tiefe Traurigkeit ausgelöst. Es fiel ihm schwer, es zu akzeptieren. Er hat jahrelang getrauert.»

Altstadt und Umgebung wurden fortan zu seinem Revier. Susi Köpfli hatte einige Male versucht, ihren Kater wieder mit nach Hause zu nehmen – vergeblich. Es sei unmöglich gewesen, ihn drinnen zu behalten. «Er sprang an die Türen und Fenster. Er wollte einfach nur raus», erinnert sich die Papeterieinhaberin. In einem Katzenkistchen brachte sie ihn jeweils in der Nacht zurück in die Altstadt und liess ihn vor der Bijouterie Maegli raus.

Aber wie das Leben so spielt, sah sich Toulouse erneut vor grossen Veränderungen konfrontiert: Viele Altstadtwohnungen und Gebäude änderten sich, neue Restaurant- und Beizenbesitzer übernahmen das Ruder, Menschen, die er kannte und die ihm vertraut waren, starben oder liessen sich pensionieren und verliessen die Altstadt.

Er habe diese Veränderungen wohl nicht verkraftet, glaubt Köpfli. So erkläre sie sich, weshalb sie ihren Toulouse vor knapp zwei Jahren abgemagert und mit kahlen Stellen vorgefunden hat. Glücklicherweise sind diese Tage passé. «Er ist angekommen. Seit er hier ist, hat er nie wieder den Anschein gemacht, als ob er fort will», sagt Köpfli zufrieden.

Verewigt in einem Buch

Nicht selten rufen auswärtige Kunden bei Köpfli im Geschäft an und fragen nach Toulouse. Bis heute noch. Von überall aus der Schweiz, ja sogar aus dem Ausland. Kein Wunder, denn Toulouse ziert das Buchcover des im Jahre 2009 erschienenen Werks «König von Olten» des Oltner Schriftstellers Alex Capus.

Und damit wurde der Kater international bekannt. Ob jetzt die Stadt Olten dank dem Kater oder der Kater dank der Stadt berühmt wurde, sei dahingestellt. Seit damals zumindest trägt Kater Toulouse offiziell seinen Königstitel. «Toulouse gehört zu Olten wie die Alte Brücke zur Aare», sagt Köpfli, während sie Toulouse anschaut, der ruhig auf einem Stuhl am Tisch sitzt und selbst zu wissen scheint, dass er Protagonist einer kleinen unvergesslichen Geschichte aus Olten ist.

Vom Bauer zum König

Der König aber hielt nicht von Anfang an das Zepter in der Hand. Das Licht der Welt erblickte er an einem Sommertag in einem Stall bei den Bauersleuten Gödel und Margrit in Adelboden. Nach Abenteuern auf der Alp mit seinen Geschwistern, Kühen und Hühnern wurde er als junges Kätzchen mit dem Auto von Susi Köpfli und ihrem Gatten nach Olten gebracht.

Er sollte ein Geschenk für Angelo werden, einer ihrer fünf Enkel. Mit zweieinhalb Jahren kam er, der bis dahin noch namenlose Berner Oberländer, eine ganze Woche lang nicht nach Hause. Endlich tauchte er auf und Angelo rief: «Du Luuser! Do esch er.» Und endlich war auch sein Name gefunden: Toulouse, abgeleitet von «Du Luuser».