«Mein Vater war ein Gott im Schiesssport, ein richtiger Pionier», schwärmt Béatrice Auderset-Tanner von ihrem Vater André Tanner. Der vor fünf Jahren verstorbene Patron der Tanner Sportwaffen AG war selbst ein passionierter und erfolgreicher Schütze, aber auch ein Tüftler. So begann er Mitte der 1950er-Jahre mit dem Bau eigener Gewehre. Ausschlaggebend für seinen Eifer war die bittere Niederlage der Schweizer Gewehr-Nationalmannschaft an der WM 1954 in Venezuela. Die Schweizer Delegation war der Konkurrenz, insbesondere was das Material betrifft, unterlegen. Dies wollte der gelernte Feinmechaniker André Tanner ändern. 1955 gründete er in Neuenburg das erste eigene Geschäft, seine Garage diente ihm als Werkstatt. Im gleichen Jahr wurden die von Tanner konzipierten Gewehre bereits von der Nationalmannschaft gebraucht.

1960 wurde die Tanner AG offiziell gegründet, fünf Jahre darauf folgte der Umzug nach Fulenbach. Grund dafür war die zentrale Lage, wie Tochter Béatrice Auderset-Tanner rückblickend erklärt: «Fulenbach liegt im Herzen der Schweiz, das ist für uns ideal.» Sie selbst wohnt immer noch in Neuenburg, betreut dort die welsche Kundschaft und ist zwei Tage pro Woche in Fulenbach, um ihrer Mutter im kaufmännischen Bereich unter die Arme zu greifen. Die Chefin der Firma ist noch immer Hildegard Tanner-Zeiler, die ihrem Mann in allen den Jahren beratend zur Seite stand. «André kamen oft mitten in der Nacht neue Ideen. Diese musste er dann jeweils sofort auf einem grossen Zeichenbrett festhalten», erzählt Hildegard Tanner-Zeiler. Stolz weist sie darauf hin, dass die Tanner AG mittlerweile seit über fünfzig Jahren in Fulenbach produziere.

100 Prozent «Made in Fulenbach»

Nebst Mutter und Tochter beschäftigt die Tanner AG vier Mitarbeiter. Alle sind natürlich leidenschaftliche Schützen. Markus Barrer ist quasi der Schreiner des Teams. Er stellt die Gewehrschäfte her, die komplett aus Holz bestehen. «Französisches Nussbaumholz», präzisiert er und begründet: «Das dämpft den Rückstoss am besten. Die meisten Konkurrenten verwenden das deutlich härtere Buchen- oder Ahornholz.»

Ein einzelner Schaft kostet zwischen 2000 und 3000 Franken und dauert in der Herstellung knapp einen Tag, wobei dies schwierig zu bemessen sei. «Es sind diverse Arbeitsschritte nötig und dann kommt es immer noch darauf an, ob der Kunde eine spezielle Anfertigung oder einen Standardschaft wünscht». Die Tanner-Gewehre seien Qualitäts- und keine Wegwerfprodukte. Sie halten ein Leben lang, unterstreicht er. «Wir stellen den Ferrari unter den Sportwaffen her.» Zum Beweis zeigt er auf ein fast sechzigjähriges Gewehr, das sich gerade im Service befindet. Es ist das vierte Gewehr, das André Tanner überhaupt hergestellt hat, was sich an der Seriennummer leicht verifizieren lässt.

In Fulenbach produziert

«Unsere Gewehre sind alle zu hundert Prozent in Fulenbach hergestellt und halten ein Leben lang», betont auch Béatrice Auderset-Tanner. «Unsere Konkurrenten basteln die Gewehre vorwiegend wie Puzzles aus Einzelteilen zusammen. Bei uns ist jedes Gewehr ein Einzelstück.» Früher verkaufte die Tanner AG im Schnitt ein Gewehr pro Tag, heute zirka noch die Hälfte davon. «Der Verkauf ist ziemlich wechselhaft», sagt Auderset-Tanner. «Aktuell gehen 70 Prozent der hergestellten Sportwaffen ins Ausland.» Deshalb ist sie stets auf internationalen Wettkämpfen präsent, um den Verkauf zu fördern. Wie kürzlich im August an den Militärsport-Weltmeisterschaften (CISM) in Katar.

Ebenfalls mit dabei ist jeweils einer der vier Arbeiter, um vor Ort den Service der Gewehre vorzunehmen und den Athleten bei den Einstellungen ihrer Waffen zu helfen. Dies werde von den Kunden sehr geschätzt, so Auderset-Tanner: «An der CISM-WM waren vierzig Prozent Tanner-Gewehre im Einsatz. Weltweit sind momentan knapp 13 800 Gewehre im Umlauf.» Mit diesen wurden in den letzten Jahrzehnten etliche Erfolge auf internationaler Stufe erzielt: Athleten mit Tanner-Gewehren holten fast 100 Medaillen an Europa- und Weltmeisterschaften, dazu 35-mal Edelmetall an Europacup-Finals und 37 Medaillen an CISM-Weltmeisterschaften. Zudem wurde der Schweizer Rekord über 300 Meter mehr als 100-mal verbessert und acht ehemalige eidgenössische Schützenkönige waren mit Tanner-Gewehren ausgerüstet. Der Letzte war Norbert Sturny 2005 in Frauenfeld.

Ab 6550 Franken ist man dabei

Wer heute bei der Tanner AG ein Gewehr bestellt, kann es morgen bereits abholen, wenn keine spezielle Sonderanfertigung gewünscht wird. 6550 Franken kostet das günstigste Gewehr. Je nach Zusatzteilen steigen die Preise bis auf knapp 8000 Franken. Daneben bietet die Firma auch den Service der Gewehre an. «Unter Voranmeldung können wir innert zweier bis dreier Stunden einen Laufwechsel vornehmen», verspricht Béatrice Auderset-Tanner. Auch das Einschiessen ist direkt vor Ort möglich, im unterirdischen Schiesskeller der Firma in Fulenbach.

Mit Thailand, Vietnam oder auch Indien öffnen sich gerade neue Märkte für die Tanner AG, die stets nach Innovationen sucht. Ein aktuell häufig diskutiertes Thema ist zum Beispiel der Wechsel von Holzschäften zu Metallschäften. Die Firma muss mit der Zeit gehen. So wie es der Gründer André Tanner vorgelebt hatte. «Mein Mann stand auch mit über 90 noch in der Werkstatt und tüftelte an Ideen herum», lacht Hildegard Tanner-Zeiler.