Olten
«Der Baum hat Stress»: Baumsterben auf dem Munzingerplatz

Streusalz setzt den Jahrzehnte alten Kastanienbäume auf dem zentralsten Platz in Olten arg zu. Präventiv werden nun weniger anfällige Bäume gepflanzt und spezielle Bewässerungssysteme wurden eingeführt.

Géraldine Steiner
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Stadtgärtner Walter Egger mit einem geschädigtem Kastanienblatt auf dem Munzingerplatz.

Stadtgärtner Walter Egger mit einem geschädigtem Kastanienblatt auf dem Munzingerplatz.

Patrick Luethy

Die Bäume auf dem Oltner Munzingerplatz leiden. Vier grosse, 60 bis 70-jährige Kastanienbäume auf dem Asphaltplatz zeigen braun-verdorrte Blattränder. Die Bäume der Umgebung sind aber weiterhin grün. Der Bereichsleiter Gärtnerei Walter Egger erklärt: «Es ist das Streusalz aus den vergangenen Wintern.» Mit dem Wasser gelange durch das Salz viel Natrium in den Boden unter dem Parkplatz und werde dort über Jahre gespeichert. Die Bäume bezögen ihre Nährstoffe aus ebendiesem mit Natrium übersättigten aber ansonsten nährstoffarmen Grund. Das Natrium äussert sich in den Blättern durch abgestorbene Zellen – die braunen Ränder – und versetzt den Baum in eine Stresssituation: Am selben braunblättrigen Baum gibt es aber auch blühende Äste. «Das ist in dieser Jahreszeit nicht normal: Der Baum hat Stress», erklärt Egger. Kastanienbäume seien zudem, wie Linden und Ahorn, besonders anfällig. Egger sagt: «Es handelt sich nicht um eine Krankheit, ist aber eine nachhaltige Schädigung.» Trotzdem werden die betroffenen Bäume nicht gefällt, da sie noch keine Sicherheitsgefahr für Menschen darstellen.

Nicht nur Streusalz, auch Miniermotten

Ähnliche Phänomene gibt es auch andernorts in der Stadt. Auch an der Jurastrasse ist ein Baum durch versiegelten Böden und Streusalz geschädigt. Entlang des Weges Richtung Pontonierhaus stehen braunblättrige Kastanienbäume. Hierbei handle es sich allerdings um eine Krankheit. «Kastanienminiermotten», erklärt Egger. Die Bäume seien teils geimpft worden, was jedoch aufgrund der möglichen Auswirkungen auf Bienen umstritten sei. Während sich die Natriumvergiftung bei den Bäumen auf dem Munzingerplatz am Blattrand zeigt, entwickelt sich das Zellsterben der Blätter drunten bei der Badi von innen. Die Larven fressen sich von den Blattadern nach aussen. Optisch unschön, berge für den Baum aber keine Gefahr, meint Egger.

Und die Trockenheit tut ein Übriges

Zu Bodenverdichtung, Salzwasser und Motten kommt die allgemein erhöhte Trockenheit durch den Klimawandel. Diese werde auch den Fichten und Buchen – die sehr empfindlich darauf reagieren – zum Verhängnis. Durch die in der Stadt hauptsächlich mit Asphalt versiegelten Flächen erhöhe sich die Temperatur der Innenstadt weiter. Deshalb seien, so Egger, Grünflächen mit schon etwas älteren Bäumen wichtig. Erst mit etwa 25 Jahren weise ein Baum eine genügend mächtige Krone auf. Baumschatten mache einen Unterschied von fünf bis zehn Grad Celsius aus. «Je älter der Baum, desto kühlender sein Schatten» meint Egger.

«Für die Kastanien auf dem Munzingerplatz kann nicht viel getan werden», so der Stadtgärtner. Zwar regeneriere sich ein Baum durch Blattabwurf und neues Blätterwachstum, doch der Natriumpegel im Boden sorge für die stetige Wiederaufnahme des Stoffs. Eine Bewässerung – durch mit speziellen Nährstoffen versetztes Wasser - könnte die Natriumkonzentration verdünnen, ist an diesem verdichteten Standort nicht sinnvoll. Denn das Giessen direkt am Stamm verhindert, dass das Wasser das weitläufige Wurzelwerk erreicht.

Präventiv werde nun darauf geachtet, weniger anfällige Bäume wie Feldahorn, Ulmen, Gleditschien, Blumeneschen oder Hopfenbuchen zu pflanzen. Auf Platanen werde wegen des Staubs weniger gesetzt. Mehr Bäume zu pflanzen heisse aber auch mehr Pflege und mehr Geld, das dafür nötig wäre. Auch strebt Egger die fortlaufende Begrünung unter den Bäumen direkt am Stamm an. Spezielle Bewässerungssysteme wurden teils implementiert: der Bewässerungssack, um eine effektivere und sparsamere Wasserzufuhr zu sichern oder ein unterirdisches Lokal-Röhrensystem, das Jungbäume mit noch wenig ausgeprägten Wurzeln wässert. Baumfördernde Massnahmen liegen mit der städtischen Politik aber nicht gleich auf. «Die Waage der Umwelt wird durch unser Zutun zunehmend aus dem Gleichgewicht gebracht», weiss Egger. So werde der Munzingerplatz nicht grüner, da sonst Parkplätze eingebüsst werden. Ein weiteres Beispiel ist der neue Bahnhofplatz, der weniger bepflanzt ausfalle, als dies jetzt der Fall sei.