Olten
Den Dingen auf den Grund gehen

Mirko Baselgia stellt im Kunstmuseum aus; der Bündner beherrscht vieel Register: Von morbider Stimmung bis hin zur bedrängter Dichte vermittelt der 32-Jährige jedwelche Art von Atmosphäre.

Madeleine Schüpfer
Merken
Drucken
Teilen
Mirko Baselgia erklärt «Midada da structura» – ein fotografischer Dreiteiler von Bienenwaben.r

Mirko Baselgia erklärt «Midada da structura» – ein fotografischer Dreiteiler von Bienenwaben.r

HR.Aeschbacher

Der 1982 geborene Bündner Künstler Mirko Baselgia ist eine herausragende Persönlichkeit in der heutigen Kunstszene. Verschiedene Preise und Auszeichnungen hat er erhalten, und seine rasante Karriere hat er mit vielen interessanten Ausstellungen gekrönt. Doch wie das oft im Leben ist, plötzlich hat man aus nicht erklärbaren Gründen die Sehnsucht nach einer Wende, nach Vertiefung, nach etwas gänzlich Neuem. Man hält Rückschau, geht in sich, überdenkt seine aufwendige und intensive Arbeit und sucht nach ganz neuen Dingen. So erging es diesem begabten Künstler, und in dieser Ausstellung im Kunstmuseum zeigt er sich von einer vertieften, faszinierenden Seite.

Beim Betreten des Kunstmuseums begegnet man ungewohnten Dingen, einem kraftvollen Renaissancetisch mit Schubladenaufbau, doch für einmal nicht auf dem Boden stehend, sondern an der Decke hängend. Als Zeichen seiner Banca rotta, einer Veranschaulichung der Macht des Geldes auf sein Leben.

Fesselnde Bienenwaben

Fesselnd sind im Erdgeschoss die Bienenwaben, vier Gebilde, aufgezogen auf Aluminium mit Rahmen. Das betrachtende Auge geht den Spuren auf der Wabe nach: die erste klar, unberührt, dann steigert sich die Dichte der Veränderung durch die Bienen im Wabenbild. Man erlebt einen prozessbezogenen Vorgang, der mit den hölzernen Bienenhäuschen eine Verbindung schafft, die neugierig macht, denn der ganze Vorgang bekommt dadurch zusätzliche Lebendigkeit.

Mirko Baselgia besitzt Begabung, den Dingen auf den Grund zu gehen. Dank seiner künstlerischen Sensibilität, seinem Sinn für intellektuelle Abläufe baut er Dinge auf, die in das Leben eingreifen. Sein erdiges Gespür für Materialien ist von grosser Qualität. Holz hat es ihm angetan: Nussholz, Lärchenholz, Arvenholz, die als Palette im Raume hängen. Im nächsten Raum ortet man eine gerillte Holzfläche, die im Dunkeln aufleuchtet und eine Bündnerstube erahnen lässt, seltsam versponnen, so wie in einem Traum, den man sich zurückholen möchte.

Gespür für Materialen

Im ersten Stock entdeckt man einen Wolfskäfig von bedrängender Direktheit. Hinter dem Käfiggebilde taucht man ein in eine gewürfelte Bodenstruktur wie in der Renaissancezeit aus Nadeln, Borke und Holzspänen der Zirbelkiefer von einer Schönheit, die unter die Haut geht. Am Ende der Ausstellung darf dieser Boden erst begangen werden. Baselgia hat ein feines Gespür für Materialien und Strukturen, der Rindsschädel aus Marmor an der Wand, dessen Hörner auf dem Boden liegen, Fellelemente an der Wand, die Dunkelheit des Raums zaubern eine morbide Stimmung hervor, und doch ist alles so ungemein lebendig. Im nächsten Raum geht man in einer erstellten Nische seinen Zeichnungen nach und erlebt in feinen Strichen die Schlachtung oder Hinrichtung eines Stieres, eine Situation, die er selbst erlebt hat. Sie ist von bedrängender Dichte. Seine zeichnerische Begabung ist ausgeprägt, man erkennt, dass da noch viel Potenzial im Künstler steckt.

Ergänzungsausstellungen mit Arbeiten aus dem Sammelgut des Kunstmuseums erlebt man im obersten Stock, und zwar von Martin Disteli, Franz Eggenschwiler, Gunter Frentzel, Walter Graf, Schang Hutter, Flavio Paolucci, Daniel Spoerri, Ernst Thoma, Barbara Wiggli, Werner Witschi, Franz Anatol Wyss und René Zäch.

Vernissage: Samstag, 25. Oktober, 18.30 Uhr; es spricht Cäsar Eberlin, Chef Amt für Kultur und Sport Solothurn; Dauer der Ausstellung bis 11. Januar 2015.