Oltner Film

Demenz: So verfilmen Oltner Schauspieler und Filmemacher ein so schwieriges Thema

Die Hauptdarsteller des neuen Oltner Films «Vom Leben verrückt» erzählen, wie die Dreharbeiten liefen und was sie über das Thema Demenz wissen. Sie werden an der Premiere vom nächsten Donnerstag den Film zum ersten Mal sehen.

Im neuen Film des Oltner Filmemachers Peter Bolliger «Vom Leben verrückt» geht es um zentrale Themen des Lebens: das Älterwerden, Eheprobleme und um Krankheit. Im Zentrum steht der gehörnte Fabian (Jens Wachholz), der sich um seinen demenzkranken Schwiegervater Jakob (Heinz Bolliger) kümmert. Je mehr Zeit er mit ihm verbringt, desto einfacher wird es für ihn, sich auf Jakobs Kommunikationsart einzulassen und eine neue Welt kennen zu lernen – eine verrückte Welt.

Wenn Peter Bolliger Schauspieler für eine Rolle aussucht, dann denkt er deren Persönlichkeit mit: «Ich habe die Darsteller so ausgesucht, weil ich auch Teile ihrer Persönlichkeit im Film wollte: Ihre Ausstrahlung, ihre Art.» Bei dieser Produktion hatte er zum ersten Mal auch einen Profischauspieler an Bord: Jens Wachholz. Der gebürtige Deutsche wohnt in Solothurn und ist vorwiegend in Theaterproduktionen engagiert. Der Dulliker Heinz Bolliger ist der Onkel des Regisseurs und spielt schon seit den 1980er-Jahren in den Filmen seines Neffen mit. Die Oltnerin Brigitte Lüscher ist eigentlich Pflegefachfrau, doch schon seit einigen Jahren steht sie für Peter Bolliger vor der Kamera. Im Gespräch erzählen die drei Hauptdarsteller, was sie mit der Krankheit Demenz verbinden und wie sie die Dreharbeiten erlebt haben.

Wie haben Sie reagiert, als Sie von Peter Bolliger angefragt wurden, in diesem Film mitzuspielen?

Heinz Bolliger: Ich musste es mir lang überlegen. Wir sind alle von Bolliger in seinen Garten eingeladen worden. Damals haben wir uns noch nicht gekannt. Ich wusste, dass er ein Projekt am Laufen hatte, aber nicht, worum es ging und welche Rolle er für mich vorgesehen hat. Als ich erfuhr, dass ich einen Demenzkranken spielen sollte, war ich gar nicht begeistert. Stellen Sie sich vor, die Krankheit würde an mir hängenbleiben (alle lachen). Das war mir zuerst eine Nummer zu gross. Wenn ich das Gefühl habe, ich könne etwas nicht, dann muss ich’s unbedingt ausprobieren.

Jens Wachholz: Ich fand es ein spannendes Projekt und ich habe keine Bedenken gehabt, auch als ich den Rest des Teams kennen gelernt hatte. Peter Bolliger und ich haben schon früh über das Projekt gesprochen. Es ist über einen relativ langen Zeitraum gewachsen. So ist auch die Rolle des Fabians in mir immer blühender geworden.

Brigitte Lüscher: Ich kenne Peter Bolliger gut, da ich schon seit 20 Jahren Filme mit ihm mache. Zuerst habe ich gezögert, weil ich neben meinem Beruf viel zu tun hatte. Nach der Zusammenkunft mit allen Schauspielern war ich aber motiviert. Die Leute waren mir alle sympathisch.

Welchen Bezug haben Sie zur Krankheit Demenz?

Lüscher: Ich bin Pflegefachfrau und habe tagtäglich mit dementen Menschen Kontakt. Ich wusste, dass es schwierig wird, diese Krankheit darzustellen, und war gespannt, wie Bolliger dies umsetzen würde. Die Echtheit und Ehrlichkeit, wie es im Film dargestellt wurde, hat mich überzeugt.

Bolliger: Demenz ist eine gemeine Krankheit. Es kann jeden treffen. Meine Schwägerin, die Mutter von Peter Bolliger, ist demenzkrank. Auch meine Mutter hatte am Ende ihres Lebens mit dieser Krankheit zu kämpfen. Ich musste für die Rolle nicht mehr viel recherchieren. Peter Bolliger hatte auch klare Vorstellungen, wie ich den Demenzkranken spielen sollte.

Wachholz: Ich bin mit dieser Krankheit noch nicht direkt in Kontakt gekommen. Natürliche habe ich Freunde, deren Eltern davon betroffen sind. Ich kenne aus Erzählungen meiner Mutter über meine Urgrossmutter, dass eine Schrägheit ins Leben kommt. Zum Beispiel werden Familienmitglieder nicht mehr erkannt.

Bolliger: Dieser Film behandelt aber viel mehr als nur Demenz. Es geht um Beziehungen und das Leben. Dieser Film will zeigen, dass das Leben mit dieser Krankheit nicht vorbei ist, sondern weitergeht und noch intensive Momente gelebt werden können.

Lüscher: Die Krankheit kann auch Chancen bieten. Sie verrückt die Welt – wie der Titel sagt. Die Perspektive der Demenzkranken auf die Welt ist eine komplett andere als die unsere.

Was war die Herausforderung während der Dreharbeiten?

Bolliger: Für mich war es schwierig, einen Demenzkranken zu spielen. Es sollte ja nicht lächerlich wirken. Zum Punkt zu kommen, wo man sagen kann, ja, so könnte es sein, ist doch ein langer Weg. Der Krankheitsverlauf ist ja auch individuell. Und wir haben nur einen Ausschnitt, eine Momentaufnahme der Krankheit gezeigt. Wir haben also nur eine Phase gezeigt.

Wachholz: Meine Figur Fabian hat den gesellschaftlichen Blick auf die Krankheit Demenz. Es ist eine grosse Verantwortung, eine solche Figur zu spielen und zu sagen: Ich lass’ mal die Welt Welt sein und lass’ mich auf die Krankheit ein. Ich hoffe, mir ist gelungen, zu zeigen, wie ich mich mehr und mehr auf den kranken Jakob einlasse. Es ist eine Herausforderung, diese Entwicklung darzustellen.

Wie war es für Sie, Brigitte Lüscher und Heinz Bolliger, mit einem Profischauspieler wie Jens Wachholz zusammenzuarbeiten?

Lüscher: Super. Ich verkörpere gerne eine Rolle, und wenn ich in einer Rolle bin, dann nehme ich mein Umfeld nur noch aus dieser Perspektive wahr. Wenn das Gegenüber professionell ist und die Rolle ganz und gar verkörpert, wird’s einfacher. Wenn dir jemand gegenübersteht, der am Text rumstudiert, dann falle ich eher aus der Rolle. Jetzt konnte ich einfach nur abliefern und musste mich nicht darum sorgen, ob er es auch kann.

Bolliger: Mich hat es zuerst eingeschüchtert, dass ich neben einem Profischauspieler spielen sollte. Ich habe erwartet, dass ich jede Szene zwanzigmal spielen muss, weil er mich immer korrigieren wird. Das war dann aber nicht so. Ich fand es beruhigend, mit ihm zusammenzuarbeiten. Er strahlt Ruhe und Professionalität aus. Ich hatte auch nie Hemmungen, vor ihm zu spielen.

Für Sie Jens Wachholz: Wie war es, mit Laien zu spielen?

Wachholz: Ich habe noch nie mit Laienschauspielern zusammengearbeitet in einem so grossen Projekt. Ich muss dazu sagen, dass ich über viele Jahre hinweg Schauspieler ausgebildet habe. So wusste ich von der Tendenz, dass Laienschauspieler vor der Kamera alles viel zu gross machen. Ich musste aber in dieser Produktion nur selten intervenieren.

Sind Sie verändert aus den Dreharbeiten herausgekommen?

Wachholz: Klar. Ich bin um eine Erfahrung reicher. Ich habe interessante Menschen und Olten kennen gelernt. Und ich denke schon, dass ich demenzkranken Menschen heute anders gegenübertrete, als ich es vor den Dreharbeiten gemacht hätte.

Bolliger: Mich hat es überrascht, wie viele Menschen sich für die Dreharbeiten interessieren. Ich habe das Gefühl, dass Demenz noch ein Tabuthema ist. Auch das ganze Pflegepersonal des Oltner Altersheims Ruttiger hat schon Tickets für eine Kinovorstellung gebucht. Ich bin gespannt, wie die Leute darauf reagieren.

Lüscher: Ich auch. Die Filmplakate hängen auch im Spital in Olten, wo ich arbeite. Ich wurde von meinen Kolleginnen angesprochen. Sie sind sehr interessiert, wie wir diese Krankheit darstellen. Ich hab durch die Dreharbeiten viele tolle Menschen kennen gelernt. Während der Arbeit waren wir wie eine Familie. Es schweisst zusammen. Am letzten Drehtag war ich richtig traurig, dass es fertig war.

Wie war Peter Bolliger auf dem Set als Regisseur?

Wachholz: Bolliger hat das Drehbuch geschrieben. Das hilft bei den Dreharbeiten, weil er genau weiss, wie etwas umgesetzt werden sollte. Er hatte klare Vorstellungen, wie etwas aussehen soll. Ich fand es sehr angenehm.

Lüscher: Als Schauspielerin ist es optimal, klare Anweisungen zu bekommen. Wenn ich zu ihm gehe und frage, welche Gefühle er will, dann kann er mir eine klare Antwort geben. Er ist sehr fokussiert. Wenn Diskussionen am Set darüber entstanden, wie etwas noch anders gemacht werden könnte, hörte er zu und sagte nicht kategorisch Nein. Wenn ihn eine Idee interessierte, dann probierte er sie aus. Wenn nicht, liess er es sein. Wenn er sicher ist, was er will, dann gibt er schon den Ton an. Das find ich gut. Sonst kommt man nicht vom Fleck.

Bolliger: Das ist das erste Mal, dass Peter Bolliger nur als Regisseur am Set ist. Vorher war er zusätzlich Kameramann. So konnte sich Peter voll auf die Schauspieler konzentrieren, was ich sehr interessant fand.

Haben Sie das fertige Produkt schon gesehen?

Bolliger: Ich habe einen kleinen Ausschnitt gesehen. Den fertigen Film allerdings noch nicht.

Wachholz: Ich werde den Film zum ersten Mal an der Premiere schauen.

Lüscher: Ich werde den Film auch an der Premiere zum ersten Mal sehen. Den Film mit Publikum anzuschauen, das «flashed». Das will ich mir nicht entgehen lassen.

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