Die Prämisse der Delegiertenversammlung: eine edle. «Es sind die Begegnungen und Verbindungen mit Menschen, die dem Leben erst einen Sinn geben.» Voilà. Und dass die Prämisse nicht bloss Worthülse bleiben würde, wäre eigentlich zu erwarten gewesen. Dennoch: Der Aufmarsch für Unbedarfte war dann doch eindrücklich, ja mehr als das. Rund 700 Frauen und Männer, fast ausnahmslos in Tracht gekleidet, bunt und gesprächig, unkompliziert, friedlich und nicht ohne Stolz auf den eigenen und den gemeinsamen Habitus, trafen sich am Samstag in Olten zur Delegiertenversammlung der Schweizerischen Trachtenvereinigung.

1926 gegründet zählt sie heute in 650 Gruppen und 26 Kantonen gut 17 000 Mitglieder. Zweck der Vereinigung so simpel wie anspruchsvoll: Erhaltung, Pflege und Erneuerung der Volkstrachten, des Volksliedes, des Volkstanzes, der Volksmusik, des Volkstheaters und der Mundart. Aber Tracht tragen ist natürlich nicht alles: In Olten etwa wollten rund 250 Delegierte an einer Stadtführung teilnehmen, knapp 50 liessen sich durch den Energietunnel führen, bevor am Nachmittag dann die DV mit Unterhaltungsprogramm in der Stadthalle über die Bühne ging.

17 000: damit liegt die Trachtenvereinigung bezüglich Mitgliederzahlen etwas hinter den Jodlern (21 000) und deutlich hinter den Schwingern (50 000) zurück. Etwa ein Nachwuchsproblem? Therese Hulmann, OK-Präsidentin der Veranstaltung in Olten und seit 34 Jahren im Trachtenverein Olten (Tanz) engagiert, sieht das nicht so eng. «Im Solothurnischen lässt sich schon ein eher geringeres Interesse feststellen, hingegen finden die Vereine im Aargauischen und im Kanton Bern regen Zuspruch.

Und Roland Meyer-Imboden, Präsident der nationalen Trachtenvereinigung meint: «Die Mitgliederzahlen sind schon eher rückläufig, wobei man sagen kann, dass sich in der Innerschweiz das Trachtenwesen sehr gut behauptet, während vor allem in urbanen Gebieten und speziell in der Agglomeration das Interesse kontinuierlich schwindet.» Gründe dafür ortet der Präsident im Umstand, dass in der Trachtenbewegung der Wettbewerbsgedanke vollständig fehlt. «Wettbewerb ist bei der Jugend meiner Einschätzung nach sehr gefragt, während bei uns halt zu Recht der soziale Moment, das Gesellige im Vordergrund stehen.

Die Rund 700 verschiedenen Trachten zählen zweifelsohne zum wertvollen Kulturgut der Schweiz. Dessen sind sich die Trachtenvereine auch bewusst. Denn darunter gibts auch echte Raritäten. So etwa die Männertracht aus dem Schwarzbubenland, von der gerade mal drei Exemplare existieren. Eine davon trägt Bruno Gschwind aus Himmelried; die seine ist praktisch neu, wurde erst letzten Herbst fertig. «Man muss ein bisschen angefressen sein davon», gibt er zu verstehen. «Ganz ehrlich: Anders ist nicht zu erklären, dass man dafür eine vierstellige Summe ausgibt.»

Zusammen mit seiner Lebenspartnerin wirkt er bei der Trachtengruppe Thierstein mit. Logisch also, dass auch Partnerin Simone Schweizer gestern Samstag eine Schwarzbubentracht trägt. Zwischen 50 und 100 Stück solls davon noch geben, meint sie. «Es ist durchaus möglich, dass noch solche in Privathaushalten vorkommen.» Das Duo Schweizer/Gschwind trägt die Tracht übrigens ausschliesslich zu festlichen Anlässen, auch zu Trauerfeiern, wobei die Tracht dann mit zusätzlichen Attributen getragen wird.

Die Delegiertenversammlung geht im Übrigen gemäss Anträgen der Geschäftsleitung über die Bühne. Nach knapp zweieinhalb Stunden administrativer Abarbeitung gehts dann zum Apéro. Die Tenues sitzen noch immer perfekt: Keine Flecken auf dem mit handgefertigen Stickereien versehenen Brustplätz, die Göller (samtenes Achselstück bei Frauentrachten) sitzen akkurat und die Hübli auf den Köpfen der Frauen wirken so unverrückbar, als wären sie angeschweisst. Auf dem Vorplatz der Stadthalle wagen zwei jungen Frauen einen lüpfigen Volkstanz, es fehlt noch der männliche Part. «De wotti de doch d’Ärmel hinderelitze», sagt einer und gesellt sich dazu. Eine friedliche, unkomplizierte und auch der Tradition verpflichtete Gesellschaft eben.