«Das tönt de öppe gar ned gruusig!» So quittiert Dirigent Christoph Moser den soeben schön verklungenen Kanon «Abendstille überall». Die etwa 40 Sängerinnen und Sänger des Oratorienchor Olten haben sich wie jeden Dienstagabend im Singsaal des Oltner Hübelischulhauses zu einer Probe versammelt.

Nach dem obligaten «Einturnen» mit allerlei Stimmbildungsübungen und dem erwähnten mehrstimmigen Abendlied steht die Chorprobe ganz im Zeichen des bevorstehenden traditionsreichen Sommernachts-Konzertes. Nächsten Sonntag wird in der Oltner Friedenskirche unter anderem das berühmte Mozart-Requiem erklingen, nebst dem viel weniger bekannten «Magnificat-Alleluja» aus der Feder des Brasilianers Heitor Villa-Lobos und zwei Orchesterstücken.

Seit August in Probe

Seit letztem August sind die Sängerinnen und Sänger aus Olten und Umgebung mit Eifer und offensichtlich steigender Nervosität dabei, die beiden Werke einzuüben. Schon vor 12 Jahren präsentierte die inzwischen über 200-jährige Chorgemeinschaft, damals noch als «Gesangverein Olten», dieses letzte grosse, nicht vollständig fertigkomponierte Mozart-Werk mit grossem Erfolg an ihrem längst zur Tradition gewordenen Sommernachtskonzert.

Damals kam die bekannte Fassung von Franz Xaver Süssmayr zum Zug; kommenden Sonntag erklingt nun die aktuellere, aber viel seltener gespielte Version von Robert D. Levin in der Friedenskirche. Der amerikanische Komponist hatte es sich zur Aufgabe gemacht, gewisse Unzulänglichkeiten in der Fassung des Mozart-Schülers auszumerzen und mit seinen Ergänzungen zu versehen – ohne dass das Meisterwerk seinen Zauber verliert.

Entsprechend merkt man aufs erste Zuhören gar nicht viel an Veränderung, nur an wenigen Stellen der 14-teiligen Totenmesse mussten sich diejenigen Chormitglieder, die schon 2004 mitgesungen hatten, umgewöhnen.

Eine ganz besonderer Moment

Im «Lacrimosa» endet der von Mozart vollständig zu Ende geschriebene Teil des Requiems, für die folgenden Teile hat der Meister bekanntlich nur noch Entwürfe und Skizzen hinterlassen. Um diese bemerkenswerte Stelle hervorzuheben, hat sich Chorleiter Moser etwas Besonderes einfallen lassen. Nach dem 8. Lacrimosa-Takt bricht der Chor unvermittelt ab – und nach einer kleinen Pause des Gedenkens an das Genie Mozart wird das Orchester die sechsminütige Komposition «The Unanswered Question» des Amerikaners Charles Ives intonieren.

Einen speziellen Part übernehmen die Bläser in diesem mystischen Stück voller Trauer und Magie, welches auch schon etliche Male als Hintergrundmusik bei Film-Todesszenen eingesetzt wurde.

Im Anschluss an diese «Unbeantwortete Frage» von Ives werden Chor und Orchester – einmal mehr konnte das Huttwiler Kammerorchester unter Konzertmeister Martin Kunz zur Mitarbeit gewonnen werden – das Lacrimosa nochmals beginnen und dann das Requiem fertig aufführen.

Man merkt es der Probe an: Die Choristen aus allen Altersstufen freuen sich und versuchen, auch in der x-ten Probe alles zu geben. Speziell die schwierigen, bis zu siebenstimmigen Läufe im Magnificat-Alleluja des Brasilianers Villa-Lobos haben es in sich – und auch die im ziemlich schnellen Tempo gesetzten Requiem-Fugen stellen hohe Anforderungen.

Nicht immer ist Christoph Moser einverstanden; dem Ohr des charismatischen Dirigenten, Flötisten, Musikschullehrers, Kulturpreisträger und Politikers entgeht nichts – und so kurz vor der Generalprobe duldet er schon gar keine Unsauberkeiten mehr.

Vollblutpolitiker und Frohnatur

Politiker? Richtig – der 55-jährige Vollblutmusiker aus Worb ist schon seit Jahren in der Exekutive der Gemeinde mit dem berühmten «Blauen Bähnli» tätig, Ressort Bildung und Kultur (wen wundert’s?). Schon fast zwanzig Jahre dirigiert er sehr erfolgreich die Worber Chorgemeinschaft «Cantica Nova», entsprechend konzertieren die beiden Chöre unter seiner Leitung schon viele Jahre gemeinsam zusammen und erfreuen das Oltner und das Worber Publikum immer wieder mit ihren hochstehenden Sommerkonzerten.

Die meisten Sängerinnen und Sänger sind offensichtlich motiviert, gehorchen bereitwillig allen Inputs des Dirigenten und hängen an seinen Lippen. Speziell erfreut man sich immer wieder an den zahlreichen träfen Sprüchen und witzigen Bemerkungen des Berners. Der witzigste Spruch war nach einer leicht missratenen Requiem-Fuge zu hören: «Wenn de das ned besser werd, singe mer am Konzärt haut de doo nomou de Abendstille-Kanon!» (mio)