Die NamenDamen

Das Städtchen Fridau ruht in sicherer Au

Mit dieser Fassadenmalerei erwies der Erbauer der Liegenschaft an der Fahrgasse 2 in Fulenbach, Nähe Stadtacker, der alten Stadt Fridau die Reverenz, die bis 1375 an dieser Stelle stand. Die Malerei mit den Schäfchen drückt wohl eine volkstümliche Deutung des Stadtnamens aus: Fridau (oder Friedau), die friedliche Au.

Die NamenDamen zeigen die vielfältigen Zeugen von Krieg und Frieden in der Region auf. Was die Flur- und Ortsnamen über Geschichten verraten.

«Krieg und Frieden» ist nicht nur Titel des berühmten Romans von Tolstoi, sondern auch Inhalt der heutigen Kolumne. Denn auch in Region und Kanton zeugen etliche Flurnamen von Krieg oder Frieden.

Solothurnern kommt bei diesem Thema vielleicht zuerst der Name der Gemeinde Kriegstetten im Wasseramt in den Sinn. War dies der Schauplatz einer Schlacht, wurde in Kriegstetten nicht nur (wie heute) politisch und mit Worten, sondern auch mit Waffen Krieg geführt? – Nein, dieser Siedlungsname hat eine ganz andere Wurzel. Historisch dürfte der Ort «Chriechstetim» geheissen haben, das bedeutet so viel wie «Niederlassung des Chriach». Der Ortsname setzt sich zusammen aus dem althochdeutschen Personennamen «Chriach», der sich auf den Volksnamen der Griechen bezieht, und dem Dativ Plural «-stetim» des Wortes «–stat», was wiederum Stelle, Ort, Raum, Wohnstette bedeutet.

«Krieg» um Landstücke

Mehr mit Krieg zu tun haben die in Olten-Gösgen und Thal-Gäu verbreiteten Flurnamen Chriegacker, Chriegsmatt, Chriegler oder Chriegerhöfli. Das schweizerdeutsche Wort Chrieg, neuhochdeutsch Krieg, bedeutet «bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Stämmen, Völkern, Staaten», kann in der Mundart aber auch «Zwist, Rauferei, Rechtsstreit oder Prozess» meinen.

In Flurnamen verweist Chrieg meist auf einen Rechtsstreit um die entsprechende Flur. Der Chriegacker (bekannt in Gunzgen, Hägendorf, Lostorf) ist somit ein Acker, die Chriegsmatte (Däniken, Gretzenbach) eine Matte, um deren Besitz jeweils gestritten wurde.

Auch der Chriegler in Härkingen, Nieder- und Oberbuchsiten dürfte ein Ort gewesen sein, um den häufig gestritten worden ist. Dazu gehören die Flurnamen Chriegleracker (Härkingen), Chrieglergraben (Niederbuchsiten) und Chrieglermatt (Kestenholz, Niederbuchsiten).

Nicht auszuschliessen ist aber im Einzelfall ein Bezug zum Familienname Krieg oder Krieger, der aus einem Übernamen für einen streitlustigen Menschen hervorgegangen ist. In diesem Fall würden Flurnamen auf den Besitzer des jeweiligen Landstückes verweisen, so sicherlich beim Chriegerhöfli in Mümliswil-Ramiswil. Auch ein Chriegacker und eine Chriegmatte kann im Einzelfall, sofern der Familienname im Gebiet belegt ist, auf einen Acker beziehungsweise eine Matte einer Person namens Krieg hinweisen. Es kann nicht bei jedem Flurnamen mit Sicherheit entschieden werden, ob nun der Familienname oder aber das Appellativ Krieg namenmotivierend war.

Frieden durch Einfriedung

Nach dem Krieg folgt meist der Frieden, so ist auch in der Namenlandschaft beides vertreten. Doch in derselben Bedeutung?

Das Namenelement «Frid» lässt sich auf das schweizerdeutsche Verb fri(e)de(n) in der Bedeutung «einfrieden, umzäunen; mit Hecke, Mauer, Zaun schützend umgeben» zurückführen. Hier liegt das althochdeutsche Wort frîten in der Bedeutung «hegen, schonen» zugrunde.

Flurnamen mit dem Element Frid verweisen demnach auf eingehegte Grundstücke, Einfriedungen, meist in Form eines Lebhags (Hecke), eines Zauns oder einer Mauer. Oder aber sie bezeichnen das Land bei einer solchen Einfriedung. Ein Frid ist im Jahr 1500 in Laupersdorf belegt, weiter finden wir in unseren Akten den Fridacker (Niedergösgen) und die Fluren Fridbach, Fridbachacker und Fridbachmatt (Gretzenbach, Schönenwerd).

Ein Fridbach bezeichnet ganz einfach einen Grenzbach. Weiter gibt es die Fridgasse (Hägendorf) und das Fridental (Trimbach). Die Strassennamen Friedenstrasse (Fulenbach, Olten) und Friedensweg (Fulenbach) hingegen dürften moderne Strassenbezeichnungen sein, da es keine historischen Belege dazu gibt.

Mit einem Fridhag umgebene Örtlichkeiten schützten die mit Getreide oder ähnlich bepflanzten Flächen primär gegen den Zutritt von Weidvieh. Grundstücke, die eingefriedet waren, genossen dadurch auch Rechtsschutz und/oder markierten zudem oft Grenzen, zum Beispiel von Zelgen. Fridhag meint grundsätzlich eine Einzäunung oder einen Grenzhag. Belege dafür finden sich in unseren Akten in sehr vielen Gemeinden, in Holderbank dazu die spezielle Schreibweise Fridethag und die dazugehörige Fridethaghütte.

Im Ausnahmefall kann Fried auch den Familiennamen Fried bezeichnen, der wiederum auf eine Kurzform des althochdeutschen Personennamen Friedrich zurückgeht. In Flurnamen benennt Frid in diesen Fällen den Besitzer des jeweiligen Grundstücks.

Ein Fri(e)dhof, wohl das bekannteste Wort in dieser Kategorie, bedeutete ursprünglich «eingehegter Raum» und bezeichnete den Vorhof eines Hauses oder der Kirche. Durch kirchliche Weihe wurde dieser Kirchhof zur Begräbnisstätte.

Fridau – die Stadt in Fulenbach

Von besonderer Bedeutung für die Geschichte der Region Olten-Gäu ist die Fridau. Wie steht es damit – war im einstigen Amt Fridau immer Frieden?

Der Name Fridau dürfte heute den meisten nur noch als Bezeichnung des ehemaligen Pflegheims und Kurhauses am Jurahang oberhalb von Egerkingen bekannt sein, das zurzeit vom Kanton Solothurn als Durchgangszentrum für Asylsuchende genutzt wird. Bei der Fridau handelt es sich aber auch um eine ehemalige Frohburger Stadt, die in der heutigen Gemeinde Fulenbach lag, und um das gleichnamige Amt, das die sieben Gemeinden im Untergäu umfasste. Hägendorf, Rickenbach, Wangen, Gunzgen, Kappel, Boningen und Fulenbach.

In der Antiquarischen Korrespondenz von 1864 ist zu lesen, dass in der Fulenbacher Oelmühle am linken Aareufer bei oberflächlichem Nachsuchen, Spuren von alten Mauern aus Kalkstein gefunden worden sind. Die Sage sieht in ihnen Überreste des Städtchens Fridau. Diese Mauerreste stehen in einer tal- oder muldenförmigen Vertiefung, die heute noch «Stadtgraben» heisst.

Eine reiche, klare Quelle, die darin zum Vorschein kommt, heisst «Stadtbrunnen». Die Bedeutung des Stadtnamens Fridau ist nicht ganz klar, vermutlich aber «freie Au» oder «sichere Au», gebildet aus dem mittelhochdeutschen Adjektiv vri «frei, nicht gebunden, freigeboren» oder aber dem mittelhochdeutschen vride «Friede, Ruhe, Sicherheit, eingehegter Raum» und dem althochdeutschen Grundwort -ouwa, heute -au «Insel, Ufergelände, feuchte Wiese am Wasser».

Das Geheimnis des Eefriedens

Schliesslich treffen wir in der Region auf den Flurnamen Eefrid. Erinnert ein Ort dieses Namens etwa an ein Ehepaar, das immer in himmlischem Frieden lebte?

Der Flurname Eefrid in Erlinsbach, Matzendorf und Laupersdorf bezeichnet eine gesetzliche Einhegung von Grundstücken gegeneinander, insbesondere den Grenzzaun zwischen den Zelgen, aber auch das eingefriedete Land selbst. Das Wort Ehe hat nämlich nicht nur die Bedeutung einer gesetzlich und kirchlich anerkannten Lebensgemeinschaft zwischen Mann und Frau, sondern kann auch allgemein «Recht, (göttliches) Gesetz», in der mittelhochdeutschen Sprache «endlos lange Zeit, Ewigkeit; altherkömmliches Gewohnheitsrecht» und im Althochdeutschen «Gesetz, Vertrag, aber auch Testament» bedeuten. So ist ein Eehag etwas Ähnliches wie ein Fridhag, nämlich ein von Gesetzes wegen aufzurichtender Grenzzaun.

Die Deutung des «Eefriedens» ist also ziemlich nüchtern und erdgebunden. Das Geheimnis des ewigen Friedens in der Ehe hat auch die Flurnamenforschung noch nicht gelüftet.

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