WIR-Regionalgruppe
Das Schweizer Mittelland ist eine WIR-Hochburg

Die Wirtschaftsring-Genossenschaft in der Region Olten-Solothurn-Oberaargau, die mit der Komplementärwährung WIR arbeitet, gibt es bereits seit 50 Jahren. Im Interview erklärt Vorstandsmitglied Petra Müller, was an der Idee dran ist.

Urs Huber
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Regionalvorstand von links Daniel Bitterli (Olten), Anton Brun (Däniken), Petra Müller (Wangen) und Präsident Peter Bieli (Langenthal). Es fehlt Markus Bösiger (Langenthal).

Regionalvorstand von links Daniel Bitterli (Olten), Anton Brun (Däniken), Petra Müller (Wangen) und Präsident Peter Bieli (Langenthal). Es fehlt Markus Bösiger (Langenthal).

HR.Aeschbacher

Die WIR-Regionalgruppe Olten-Solothurn-Oberaargau feierte am Freitag in Olten ihren 50. Geburtstag. Am selben Tag und in derselben Stadt wurde vor einem halben Jahrhundert die Gruppe ins Leben gerufen.

Gründungsort war das Restaurant Löwen. Petra Müller, Vorstandsmitglied der WIR-Regionalgruppe gibt Einblicke ins Wesen der WIR-Idee.

Die Wirtschaftsring-Genossenschaft wurde 1934 gegründet; also vor knapp 80 Jahren; die Gruppe Olten-Solothurn-Oberaargau 30 Jahre später. Wie ist diese zeitliche Verzögerung zu erklären? Die 1960er Jahre gehörten doch zu den Wirtschaftswunderjahren, derweil das WIR-System als eine Folge der Krisenjahre gilt.

Petra Müller: Von einer zeitlichen Verzögerung kann man so nicht sprechen. Der Aufbau eines für die Schweiz völlig neuen Komplementärsystems setzte viel Idealismus, Überzeugungskraft und Geduld voraus. Es war eine riesige Knochenarbeit, welche die Pioniere zu leisten hatten mit anfänglichen Schwierigkeiten im Sinne von «Kinderkrankheiten», die zusätzlich noch vom Zweiten Weltkrieg unterbrochen wurde. Diese Aufbauarbeit nahm enorm viel Zeit in Anspruch und zuerst wurden die WIR-Gruppen in den grösseren Zentren entwickelt. Unsere Region wurde von diesen Zentren aus «bearbeitet».

WIR-Wirtschaftsraum

Die Wirtschaftsring-Genossenschaft wurde 1934 durch Werner Zimmermann und 15 weitere Personen gegründet. Während der Weltwirtschaftskrise in den Dreissigerjahren des 20. Jahrhunderts und der damit verbundenen knappen Liquidität horteten Unternehmen ihr Geld, anstatt es zu investieren. Dies verstärkte die Knappheit der Geldmenge.
Mit der Gründung der Wirtschaftsring-Genossenschaft reagierten Gewerbetreibende auf diese Krise mit dieser Selbsthilfe-Initiative. Um etwas gegen die Geldhortung zu unternehmen, wurde die Komplementärwährung WIR geschaffen, die auf der Freigeld-Theorie von Silvio Gesell basiert. Der Wert des WIR ist an den Schweizer Franken gebunden (1 WIR = 1 CHF). Ein Hauptmerkmal ist die Zinsfreiheit. Als ein Anreiz, das Geld schnell wieder auszugeben und unter den Teilnehmern - kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) in der Schweiz - für Umsatz zu sorgen, werden die Guthaben auf den Konten nicht verzinst. (otr)

Wie steht es in Ihrer Region grundsätzlich um die Akzeptanz der Währung «WIR», die sich eng an den Franken lehnt?

Das Schweizer Mittelland darf ohne weiteres als eine der WIR-Hochburgen bezeichnet werden. Gerade in unserer Region Olten-Solothurn-Oberaargau ist WIR als Zahlungsmittel weit verbreitet. Die Akzeptanz kann dementsprechend als ausgezeichnet gewertet werden.

Die letzten fünf Jahrzehnte im Überblick: Wie hat sich die Akzeptanz des WIRS verändert?

Die Entwicklung des WIR-Systems war in den letzten 50 Jahren beeindruckend. Die WIR Bank hat sich mittlerweile als Mittelstandsbank mit dem Schwerpunkt KMU klar positioniert und etabliert; und zwar nicht nur im WIR-Bereich, sondern in den letzten 13 Jahren auch im Schweizerfranken-Bereich. Das WIR-System selber wurde verfeinert. Zahlreiche neue, auf die Bedürfnisse unserer Zielgruppe zugeschnittene Produkte und Dienstleistungen wurden eingeführt. All das hat dazu beigetragen, dass die Akzeptanz der WIR Bank im Allgemeinen und der WIR-Verrechnung im Besonderen spürbar zugenommen hat.

Wie würden Sie einem Sechstklässler das WIR-System erklären.

Gar nicht! Um das Wesen und den Nutzen eines Komplementärsystems zu verstehen, muss man zuerst das Funktionieren der Volkswirtschaft begreifen. Wenn der Fragende so weit ist, lässt sich das WIR-System etwa so erklären: Die WIR-Verrechnung ist ein geniales Marketing- und Netzwerkinstrument für KMU, die als bargeldloser Zahlungsverkehr unter den angeschlossenen WIR-Teilnehmern mit einer eigenen Währung funktioniert. Dadurch wird eine gegenseitige Berücksichtigung der WIR-Teilnehmer erzielt, was zu zusätzlichen Aufträgen, mehr Umsatz, eine bessere Auslastung des eigenen Betriebs und schliesslich damit auch zu mehr Gewinn führt.

Wie viele Teilnehmer zählt die WIR-Gruppe Olten-Solothurn-Oberaargau?

Wir stehen kurz vor dem 400. Mitglied und die Tendenz ist steigend.

Wie wird Mann/Frau WIR-Mitglied?

Am WIR-System können grundsätzlich alle KMU mit Sitz in der Schweiz teilnehmen. Wer sich dafür interessiert, nimmt am einfachsten mit dem Beratungszentrum der WIR Bank Kontakt auf oder informiert sich direkt bei den 14 WIR Gruppen in der Schweiz.

Wo kann ich mit WIR in der Region einkaufen, wie ichs mit dem Franken im Geldbeutel tun kann?

In unserer Region gibt es zahlreiche Geschäfte des Fachhandels sowie Metzger, Bäcker, Apotheken, Hotels und Restaurants, die mit WIR arbeiten. WIR-Teilnehmer finden einander problemlos, sei es über den digitalen Marktplatz der WIR Bank oder einfach, weil man einander kennt. Gerade in ländlichen Regionen spielt Letzteres eine wesentliche Rolle.

Wo liegen die Vorteile für WIR-Teilnehmende?

Mit dem WIR-System will die WIR Bank Genossenschaft die KMU in der Schweiz fördern. Ein einzigartiges Netzwerk. Damit lässt sich – wie vorhin erwähnt – Auftragseingang, Umsatz und Gewinn vergrössern sowie die Auslastung des eigenen Betriebs verbessern. Zudem bietet die WIR Bank den Teilnehmern äusserst günstige WIR-Kredite an, die sich auch mit Krediten in Schweizerfranken bestens kombinieren lassen. Langfristig gesehen sind diese Kreditmodelle die kostengünstigsten Finanzierungsangebote, die auf dem Schweizer Markt zu finden sind. Auch das gehört zur aktiven Förderung der KMU.