Das Ehepaar Krieg-Straumann und sein Sohn waren jahrelang gemeinsam in der Schützi beschäftigt. Wie funktionierte die Zusammenarbeit?

Oli Krieg: Wie das wahrscheinlich in jedem Familienbetrieb funktioniert, in dem der Vater gleichzeitig noch der Chef ist: Es gibt Vor- und Nachteile. Zum Beispiel gibt es wohl kaum etwas Flexibleres als ein Familienunternehmen, vor allem weil bei uns alle alles machen – vom Aufbau über den Barbetrieb bis hin zum Putzen. Manchmal gab es aber auch schwierige Momente, etwa wenn man morgens zur Arbeit fährt und noch Probleme von zu Hause mitnimmt. Alles in allem hatten wir aber ein gutes Miteinander. Und für die Schützi war es eine kostengünstige Konstellation, weil ich als Einziger fest angestellt war und die anderen vom Team nur auf Abruf zur Verfügung standen.

Wie siehst Du die Sache?

Esthi Straumann: Mir war am Anfang nicht bewusst, auf was ich mich da einlasse. Es ist nämlich eine grosse Herausforderung mit den verschiedenen Rollen, die man hat, umgehen zu können. Zudem haben sich Privat- und Arbeitsleben völlig vermischt. Es gab kaum noch eine Trennung. Die Schützi war unser Baby.

Ihr bezeichnet den Job bei der Schützi beide als Traumberuf, bei dem sich Arbeit und Freizeit vermischten. Das ist nicht immer nur von Vorteil.

Esthi: Das war sicher auch belastend und ein Grund für den Entscheid, gemeinsam ein Jahr vor dem eigentlichen Pensionsalter aufzuhören. Denn diese Arbeit braucht auch extrem viel Energie.

Dir, Oli, wurde es dann tatsächlich auf einmal alles zu viel. Du bist 2017 ein halbes Jahr lang ausgefallen.

Oli: Ich hätte nicht damit gerechnet, dass mir das einmal passieren könnte. Das Burnout hat sich so ausgewirkt, dass ich morgens am Computer sass und arbeiten wollte, aber wie blockiert war und einfach nichts mehr ging. Angefangen hat es, als ich mehrere Sachen gleichzeitig machen sollte: Es ging um die Verlängerung der zehnjährigen Leistungsvereinbarung, das 20-jährige Bestehen der Schützi stand an und ich merkte, dass mein Nachfolger wirtschaftlich nicht nachhaltig so weiterfahren konnte wie bisher. So habe ich etwas die Orientierung verloren. Zum Glück kam ich dank meines Nachfolgers Thomas Knapp, der dies ja auch schon erlebt hatte, an einen guten Psychologen, der mir die Augen geöffnet hat. Ich sei ein typischer Fall: Nämlich jemand, der mit Herzblut an einem Projekt arbeitet, dies zum Teil aufgebaut hat und nun an einen Punkt angelangt ist, wo man bemerkt, dass es nicht mehr vorwärts geht oder Sand im Getriebe ist.

Wie hast Du diese Zeit erlebt?

Esthi: Das Schwierigste war, bis er es geglaubt hat, dass es nicht mehr geht. Ich musste Oli vor die Wahl stellen: Entweder passiert nun etwas oder ich mache nicht mehr mit.

Wie lief der Betrieb in der Schützi weiter?

Esthi: Ich bin zum Teil in die Bresche gesprungen und habe zusammen mit unserem Sohn Django das Tagesgeschäft geführt. Zudem zogen wir jemanden Externen hinzu, weil klar war, dass Oli keine Pause machen kann, wenn ich voll weiterarbeite.

Wie hast Du es dann geschafft, wieder zurückzukehren?

Oli: Mein Psychologe hat mir zuerst empfohlen, mich für eine Zeit lang ganz aus dem Betrieb zurückzuziehen, und mir einen Klinikaufenthalt nahegelegt. Letzteres konnte ich mir aber nicht vorstellen. Trotzdem musste ich mich vom Betrieb klar abgrenzen, ging beispielsweise jeden Morgen im Wald spazieren und konnte dann nach fünf Monaten wieder mit einem 35-Prozent-Pensum einsteigen. Nach meinem Burnout begannen wir uns zudem zu überlegen, wie es weitergeht, und kamen dann zum Schluss, dass wir uns frühzeitig pensionieren lassen wollen.

Ein Auslöser des Burnouts war nach deinen Ausführungen auch die angespannte Beziehung zur Stadt und die harzige Verhandlung bei der auslaufenden Leistungsvereinbarung. Wie seht ihr die Sache im Nachhinein?

Oli: Für mich ist dies zum einen ein politisches Versagen, zum anderen wurde die Schützi aus meiner Sicht in der Stadtverwaltung immer als Fremdkörper wahrgenommen, weil wir für die Verlängerung der Leistungsvereinbarung, aber auch für andere Sachen wie Bewilligungen kämpfen mussten. Und dies macht einem mit der Zeit auch persönlich zu schaffen. Ich merkte, dass ich oft am Schluss der Betrogene bin. Im Grunde genommen ist die Schützi aber für die Stadt – verglichen mit anderen Gemeinden – eine günstige Variante, eine Mehrzweckhalle für Kultur, Vereine, Firmen und Private für ihre Zwecke zur Verfügung zu stellen. Vielleicht liegt dieses zum Teil vorhandene Unwissen über die Schützi auch daran, dass wir selbst zu wenig nach aussen kommunizieren. Wir haben beispielsweise in meinen 16 Jahren nie Werbung gemacht für die Schützi als Veranstaltungslokal, höchstens für einzelne Anlässe.

Esthi: Ich sehe das eigentlich gerade umgekehrt. Für mich müssten sich die anderen informieren. Wenn eine Stadt ein Kulturzentrum hat, müssten die zuständigen Stellen und auch die Politiker wissen, wie das funktioniert, und sich vielleicht auch mal hier blicken lassen. Für mich hat zudem vonseiten der Stadtverwaltung die Wertschätzung gefehlt.

Ihr habt erwähnt, dass die Schützi finanziell günstig ist für die Stadt. Ein Grund dafür ist, dass die Stadt für die Kulturveranstaltungen kein Geld direkt zahlt, sondern die Schützi diese durch kommerzielle Anlässe querfinanziert. Funktioniert dieses Modell auch in den kommenden Jahren?

Oli: Ja, das hat auch mein Nachfolger Thomas Knapp so vor. Er möchte sogar die kommerziellen Anlässe besser vermarkten und offensiv auf Kundensuche gehen. Knapp hat dank seines Netzwerks als Verleger auch die nötigen Kontakte dazu, die mir zum Teil gefehlt haben. Dies ist eine grosse Chance für die Schützi. Andererseits ist es der Auftrag des Geschäftsführers, vorwiegend für kulturelle Anlässe in der Schützi zu sorgen. Dies ist auch so in der bisherigen Leistungsvereinbarung festgehalten. Der Trägerverein entschied danach, dass zwei Drittel der Anlässe kulturell sein sollen und diese durch kommerzielle Anlässe querfinanziert werden müssen. So fliessen pro Jahr rund 50'000 Franken in die Kultur. Wenn ich die Schützi aber nach rein betriebswirtschaftlichen Gesetzen führen würde, könnte man schon Geld damit verdienen.

Wieso machst Du es dann nicht?

Oli: Wir haben nicht den Auftrag, Geld zu verdienen, sondern einen Ort zu schaffen, wo Kultur stattfinden kann. Und das Ziel ist dann erreicht, wenn wir eine ausgeglichene Rechnung haben. Das geht aber nicht, ohne dass viele Veranstalter oder auch wir zum Teil ehrenamtlich arbeiten. Wenn wir zum Beispiel selbst Konzerte veranstalten wie früher etwa mit dem Label Rainbowbeatz oder Wortwelten, dann beziehen wir keinen Lohn. Oder wenn ich für den kulturellen Adventskalender 23 Sternschnuppen oder für die Oltner Kabarett-Tage arbeite, buche ich das unter Hobby ab. Dadurch habe ich zwar offiziell eine 70-Prozent-Anstellung, bin aber trotzdem 100 Prozent hier.

Es gab zum Teil auch unangenehme Vorfälle: Erst vor kurzem wurde euch von einer antifaschistischen Gruppierung vorgeworfen, ihr würdet eine Nazi-freundliche Band auftreten lassen. Es kam aber auch schon vor, dass ein Konzert wegen eines Stadtratsentscheids abgesagt wurde. Wie kam es so weit?

Oli: Bei mir ist es so: Wenn ich meine Vorabklärungen getroffen habe, dann ziehe ich eine Veranstaltung durch, auch wenn ich meine besten Freunde damit brüskieren sollte. Das war damals ein Deutschrock-Konzert mit einer Band, die anscheinend einen Nazi-Anstrich gehabt haben soll. Eine Gruppierung hat direkt auf Stadtratsebene Druck gemacht und so entschied die Regierung, dass das Konzert abgesagt werden müsste. Wir hatten damals zum Glück keinen schriftlichen Vertrag, sodass die Veranstalter keine Schadenersatzforderung stellen konnten.

Du hattest selbst auch schon Anfragen, die du ablehnen musstest?

Oli: Das ist ein paar Mal vorgekommen. Sicher dreimal habe ich schon Anfragen von der rechtsextremen Pnos, der Partei national orientierter Schweizer, erhalten, die ich abgelehnt habe. Für mich ist es aber auch wichtig, dass gegen rechts wie links mit gleich langen Ellen gemessen wird. Die Punk-Konzerte, die hier veranstaltet werden, sind zum Teil ziemlich deftig. Es sind oft dieselben Leute zu Gast, die sich dann darüber beschweren, wenn wir ein Konzert aus der eher politisch rechten Black-Metal-Szene zulassen.

Den grössten Tumult gab es einst bei einem unerwarteten Anlass.

Oli: In der Tat. Katholische Jugendliche durften selbst einen Anlass organisieren, inklusive DJ und Barbetrieb. Plötzlich artete der Anlass wegen des hohen Alkoholkonsums aus. Um halb zwölf kriegte ich ein Telefon, es gäbe keinen Schnaps mehr, was eigentlich nicht sein konnte. Später kam es zu Meinungsverschiedenheiten und die Jugendlichen gerieten aneinander. Zum Glück fand die Schlägerei draussen statt, bis die Polizei dann eingreifen konnte. Zu Schaden kam aber nichts und niemand.

Auch Lärmreklamationen waren immer mal wieder ein Thema. Gibt es derzeit Anwohner, die sich beklagen?

Oli: Leider nicht (lacht). Die letzte Lärmklage hatten wir vor rund vier Jahren. Das heisst, es ist nicht nur ein positives Zeichen, wenn es keine Reklamationen gibt. Sondern es zeigt, dass die richtig fetten Konzerte mit 400 bis 500 Besuchern immer seltener werden. Es gab Zeiten, da hatte ich fast bei jedem Konzert Reklamationen und nachts Anrufe erhalten. Ich selbst wurde wegen Nachtruhestörung mehrmals verurteilt. Der Rückgang hat sicher aber auch damit zu tun, dass ich die Leute ernst genommen habe und zum Beispiel auch schon morgens um halb zwei ins Schlafzimmer eines Anwohners ging und tatsächlich feststellen musste: Es ist zu laut.

Oft ist die Rede vom Schützi-Geist: Was macht dieser aus?

Oli: Das ist eher ein verhängnisvoller Geist, weil dies unsere Hilfsbereitschaft für alle beschreibt. Leute können irgendetwas planen und wissen dann, dass es am Schluss funktioniert, was immer auch ursprünglich beabsichtigt war.

Esthi: Das war unser Credo. Es ist alles machbar – auch wenn es für uns manchmal sehr anstrengend war, dies umzusetzen.