Kulturangebot

«Das Oltner Publikum ist extrem kritisch und hat sehr hohe Ansprüche»

Vier Protagonisten im Gespräch über die Kulturstadt Olten in der Confiserie Suteria (von links): Rainer von Arx, Christof Schelbert, Rhaban Straumann und Regina Graber.

Vier Protagonisten im Gespräch über die Kulturstadt Olten in der Confiserie Suteria (von links): Rainer von Arx, Christof Schelbert, Rhaban Straumann und Regina Graber.

Das Kulturangebot in der Stadt Olten ist grösser und vielseitiger denn je. Trotzdem gibt es eine latente Unzufriedenheit unter Veranstaltern und Künstlern. Woran liegt das? Darüber haben wir mit vier Protagonisten der Oltner Kulturszene gesprochen.

Man sagt, Olten sei wegen seiner vielen Vereine, einiger Sportmannschaften in hohen Ligen und der guten Infrastruktur eine Sportstadt. Ist Olten als Pendant dazu auch eine Kulturstadt?

Rhaban Straumann: Gemessen am viel zitierten «Bilanz»-Ranking und am Kulturangebot: sicher ja. Auch gemessen an der Wettbewerbssituation, die man als Veranstalter und Künstler hat: Denn niemand hat so viel Konkurrenz wie in Olten, weil kein Publikum so schnell weg ist und nach Basel, Bern, Luzern oder Zürich geht. Olten hat als einzige Kleinstadt eine Grossstadt-Konkurrenz. Gemessen hingegen bezüglich Finanzen und dem politischen Rückhalt: nein.

Stimmt das Angebot auch von der Qualität her?

Rainer von Arx: Die Qualität ist da: Wir haben Player, die in ihrer Szene sehr gut sind – aus Künstler-, aber auch aus Veranstaltersicht. Während meiner 12-jährigen Zeit im kantonalen Kuratorium war augenfällig, dass in Olten viel mehr läuft als in Solothurn. Wenn man das Angebot dann noch mit Städten wie Aarau oder Zofingen vergleicht, finde ich, dass wir ein Angebot haben, das einzigartig ist in der Region. Welche Stadt hat zum Beispiel ein Stadttheater und zwei Kleintheater?

Straumann: Solothurn hat nur ein Stadttheater in Kleintheatergrösse (alle lachen). Die Frage nach der Qualität der Kultur in Olten ist eigentlich sinnlos, weil ja keine Stadt so viel Konkurrenz hat. Daher: Wir in Olten müssen gut sein, sonst könnten wir gar nicht existieren. Ein Beispiel: Meine ersten drei Premieren gab ich in Baden, Luzern und Langenthal, bevor ich den Mut hatte, nach Olten zu kommen. Weil ich wusste: Das Oltner Publikum ist extrem kritisch und hat sehr hohe Ansprüche.

von Arx: Bezüglich Vermarktung hingegen sind wir deutlich bescheidener. Bei einer Strassenumfrage würden die Leute sagen, Solothurn sei Kulturstadt des Kantons – wegen der Literatur- und Filmtage oder dem Kofmehl.

Regina Graber: Das sind einfach Leuchttürme, die Leuten hängen bleiben, die nicht so kulturaffin sind.

Straumann: Und das aufgrund der Idee des Kantons, der eine Leuchtturmpolitik betreibt.

Dann hat Olten eher ein Leuchtturm- und Vermarktungsproblem?

Christof Schelbert: Ein Leuchtturmproblem haben wir eigentlich nicht, das hat mit Solothurn zu tun. Aber was wir häufig vergessen: Wir sind eine Kleinstadt und manchmal auch ein bisschen kleinstädtisch.

Das heisst?

Schelbert: Kleinstädtisch im Sinne von kleinkrämerisch und rappenspalterisch. Alles muss so billig wie möglich sein. Der gewisse Stolz, auch jemand sein zu wollen, fehlt Olten: Als etwa ein Konzertsaal, ein Stadttheater oder ein Aarequai gebaut wurden, ging es der Stadt viel schlechter. Man wollte damals ein Zeichen setzen und hatte ein Selbstbewusstsein.

Kommen wir zum finanziellen Aspekt: Die städtischen Institutionen wie Stadtbibliothek, Stadttheater und die drei städtischen Museen sacken den Löwenanteil der Nettosubventionen der Stadt von knapp 4 Millionen Franken ein. Für die weitere Kultur bleiben rund 170000 Franken übrig. Was halten Sie davon?

Straumann: Die städtischen Institutionen sind wie die kulturellen Grundversorger mit fixen Betriebskosten und Angestellten, die davon leben. Das ist der eine professionelle Bereich. Der andere, grössere Bereich mit deutlich weniger Zustupf ist ehrenamtlich. Das ist aber in Ordnung, weil gerade dies die Leidenschaft und das Feuer der Veranstalter ausmacht. Das einzige, womit ich nicht einverstanden bin, sind die 24000 Franken für die Förderung des Kulturschaffens in der Stadt Olten. Das ist massiv zu wenig Geld.

von Arx: Und es ist ein Rohrkrepierer. Subsidiäre Förderung heisst nämlich, dass Geld vom Kanton nur dann fliesst, wenn die Gemeinde etwas zahlt. Eigentlich muss das kantonale Kuratorium dieses Gesetz im Sinne der Kultur flexibel handhaben, weil der Kanton einsieht, dass es nicht geht, kein Geld zu sprechen, obwohl Olten als Stadt nichts zahlt. Das heisst, unter Umständen geht ein Kulturschaffender zweimal leer aus, weil der Kanton und die Stadt nichts zahlen.

Schelbert: Allerdings sind es auf Kantonsebene nur Lottogelder, die verteilt werden. Nicht der Kantonsrat entscheidet, wie viel Geld in die Kunst fliesst, sondern ein ausgewähltes Gremium wie das kantonale Kuratorium. In Olten sind es Steuergelder. Das führt zu einer anderen Diskussion. Man muss aber auch sagen: All die Stipendien und Stiftungen, auch von kantonaler Ebene, reichen für Künstler nicht aus, um überleben zu können.

Straumann: In der Schweiz gibt es keine Stadt, die gross genug ist, um als Künstler nur von ihr leben zu können.

Graber: Aus meiner Sicht hat die Stadt Olten auch keine Vision für die Kultur: Was will Olten aufbauen, was fördern und was erhalten? Vor allem der letzte Aspekt ist in Olten vorrangig mit den bereits genannten institutionellen Leuchttürmen. Daher gibt es für alles andere extrem wenig finanziellen Spielraum.

Schelbert: Bei der Sache mit der Vision bin ich nicht deiner Meinung: Das darf nicht Aufgabe der Politik sein. Die Politik soll die Mittel und die Infrastruktur zur Verfügung stellen, aber die Politiker sollen nicht versuchen, Kulturpolitik zu machen.

Graber: Sie machen es trotzdem.

Straumann: Wenn ich unsere fünf Stadträte anschaue, dann kenne ich nur ein Mitglied, das häufig an kulturellen Anlässen anzutreffen ist. Eines noch vereinzelt – alle andere sehe ich nie. Bei den Gemeindeparlamentariern ist es nicht besser. Diese Leute entscheiden aber über Dinge, wovon sie eigentlich gar keine Ahnung haben.

Schelbert: Aber kaum ein Parlaments- oder Stadtratsmitglied wird doch wegen seiner kulturellen Kompetenz gewählt!

von Arx: Aber bei anderen Themen ziehen die Politiker auch Experten bei, etwa beim Gewässerschutz oder bei der Raumplanung. Bei der Kultur hingegen nicht. Nur weil jeder schon einmal ein Buch gelesen und ein Theater gesehen hat, darf er in diesem Bereich Entscheide fällen.

Graber: Es gibt städtische Richtlinien für finanzielle Unterstützung kultureller Aktivitäten aus dem Jahre 2004 und ein Reglement zur Förderung kulturellen Schaffens aus dem 1987, das 2017 teilrevidiert worden ist. Unklar ist einfach, wer auf der Behördenseite ein Know-how hat, die Vergabe der Gelder fachmännisch abzuwickeln. Daher kämpften wir von Pro Kultur Olten für eine Kulturfachstelle, damit diese Entscheide für die Politik kompetent vorbereitet werden.

Schelbert: Es war auch ein Fehler, die Kulturförderungskommission abzuschaffen.

von Arx: Wenn die Stadt schon keine Vision hat, hatte ich Freude am Parlamentsentscheid zum «Coq d’Or» und der angestrebten Leistungsvereinbarung. So wird vielleicht bald versucht, gewisse Kulturinstitutionen auf zwei, drei Jahre hinaus zu denken. So wissen wir als Veranstalter, die nächsten paar Jahre können wir mit dem Geld planen. Man fühlt sich wie als Partner. Dann musst du bei Abrechnungen oder Gesuchen auch nicht mehr versuchen «z‘bschisse».

Straumann: Und ich verplempere als Ehrenamtlicher auch nicht mehr so viel Zeit, um alle Gesuche und Abrechnungen zu machen, sondern kann mich aufs Veranstalten konzentrieren.

von Arx: Bei den Oltner Kabarett-Tagen zum Beispiel plane ich jetzt schon das Programm fürs Jahr 2021/22. Ohne Leistungsvereinbarung der Stadt würde dies gar nicht funktionieren.

Die Stadt Olten verteilt unterschiedlich viel Geld für die ehrenamtlichen kulturellen Angebote. Sollen die Gelder künftig unabhängig vom Antrag an den Stadtrat nach gewissen Kriterien vergeben werden?

Schelbert: Ein grosses Missverhältnis ist augenfällig bei den beiden Kleintheatern, wo das eine 25000 und das andere nur 5000 Franken erhält. Trotzdem bin ich dagegen, dass Regeln aufgestellt werden, weil die Angebote – ausser beim erwähnten Beispiel Theaterstudio und Schwager-Theater – so unterschiedlich sind: die Sparten, die Programme oder die Bedürfnisse.

Straumann: Die ehrenamtlichen Veranstalter wollen sich nicht dreinreden lassen: Wenn ich schon freiwillig etwas tue, dann will ich möglichst frei in der Gestaltung sein. Ich fände es zum Beispiel konstruktiver, wenn die Stadtverwaltung einen Budgetposten hätte, den die ehrenamtlichen Veranstalter flexibler anzapfen könnten, etwa nach einem schlechten Jahr oder für Spezialprojekte.

von Arx: Und dass vielleicht Budgets fair verglichen werden: Wenn zum Beispiel die beiden erwähnten Kleintheater ein ähnliches Programm haben und unter dem Strich gleich viel Geld ausgeben, dann ist es nicht logisch, wieso das eine viel weniger erhält als das andere. Andererseits sollen auch artfremde Aspekte bei der Beurteilung nicht berücksichtigt werden: Ich höre immer wieder, dass Kulturvermittler ehrenamtlich arbeiten sollen oder geschaut wird, ob jemand im Brotjob genug Geld verdient.

Graber: In meinen Augen müsste bei der Budgetierung auch die junge Kultur berücksichtigt werden. Die fehlt jetzt fast vollständig. Das heisst, die Stadt sollte auch wissen, in welche Richtung es gehen soll. Und nicht nur auf Gesuche reagieren, die reinkommen.

Da taucht Ihre Idee von der Vision wieder auf.

Straumann: Ich weiss nicht, ob es eine Vision braucht. Vielleicht ist es auch der fehlende Dialog. Es findet kein Dialog statt zwischen den Politikern, den Kulturveranstaltern und den Kunstschaffenden. Und da kommen wir zu einem weiteren Punkt: Wer ist mitverantwortlich für den Dialog? Das sind die Medien! Schelbert: Was ich schade finde, ist, dass wir in Olten niemanden mehr haben, der kompetent kritisch über einen kulturellen Anlass schreiben kann. Nicht nur berichten und nacherzählen, was geschehen ist.

Das ist aber nicht nur ein Problem Oltens.

Straumann: Nein, das ist ein grundsätzliches. Als ich als Künstler anfing, erhielten wir auf einer Tournee 20 bis 30 Besprechungen. Jetzt sind es deren 3 bis 4.

von Arx: Das Positive ist doch: Wenn ich Platz in der Zeitung will, erhalte ich ihn auch, obschon ich als Veranstalter vielleicht den Bericht selbst schreiben muss. Da sind wir bei den CH Media immer noch besser dran als bei einem «Tages-Anzeiger» oder einer «Berner Zeitung». Ich hatte schon die Idee eines Netzwerks, damit ich übers Jazzkonzert schreiben kann und der vom Jazzkonzert übers Kleintheater. So hätten wir zumindest einen Aussenblick.

Warum sind die Medien für die Kulturveranstalter und -schaffenden so wichtig? Als Vorberichterstattung, damit jemand kommt, oder eine Besprechung…

Straumann: … die kann positiv oder negativ sein. Das ist egal, aber es muss gut geschrieben sein. Das ist wichtig. Die Frage ist aber auch: Was ist eigentlich die Aufgabe einer Regionalzeitung? Es ist klar, dass nicht jede Veranstaltung besprochen werden kann. Aber die Zeitung könnte über Veranstaltungen berichten oder auf solche hinweisen, die man nicht schon aus dem Fernsehen kennt, um die Neugierde zu wecken. Wenn wir nur noch den Massengeschmack bedienen, wird die Kultur und folglich der Mensch einfältig.

Ein kritischer Blick auf die Kultur ist also erwünscht?

Alle einstimmig: Unbedingt!

Schelbert: Wir können uns nicht selbst kritisch beschreiben. Das wirkt komisch. Kritik heisst aber nicht, dass der Journalist nur kritisieren muss. Er darf auch loben. Es sollte ein Aussenblick sein.

Straumann: Dass in Olten solch drastische Sparmassnahmen bei der Kultur möglich waren, hat ja auch mit einem Bewusstsein in der Bevölkerung zu tun. Wie kommt es dazu? Liegt es daran, dass der gesamte Kulturbereich bei den Medien zusammengekürzt wurde und damit weniger wertgeschätzt wird?

Schelbert: Um noch einmal auf den Anfang zurückzukommen mit dem Vergleich zur Sportstadt Olten. Darüber wird viel mehr berichtet als über Kultur. Und das halte ich für einen unglaublichen Fehler!

Es gibt Anlässe wie im vergangenen Dezember die 23 Sternschnuppen oder Auftritte von Künstlern wie Pedro Lenz, die sind gut bis sehr gut besucht. Anderes findet fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Gibt es in Olten genügend Interessierte für die vielfältigen Veranstaltungen?

Schelbert: Jein. Wir sind am Schluss eine Kleinstadt mit knapp 20000 Einwohnern.

Graber: Oft nehmen wir uns unter Veranstaltern auch Publikum weg. Das heisst, dieselben Kulturinteressierten sind oft an unterschiedlichen Veranstaltungen anwesend.

von Arx: Ich glaube eher, dass Konkurrenz belebt und noch mehr Leute anzieht. Aus meiner Sicht ist das Oltner Publikum allerdings labelaffin. Irgendjemand muss ihm sagen, dass etwas gut ist. Ein Beispiel: Die meisten Künstler, die an den Oltner Kabarett-Tagen auftreten, kennt niemand. Aber die Leute vertrauen unserer Marke. Daher braucht es Promotoren wie die Medien. Aber auch untereinander müssen wir unsere Angebote besser gegenseitig empfehlen.

Straumann: Olten ist zwar eine Kleinstadt, aber es ist auch eine Zentrumsstadt. Die Kulturstadt Olten braucht das auswärtige Publikum – Besucher aus der Region, aber auch von weiter weg. Die Leute kommen auch aus Bern, Basel oder Zürich hierher.

von Arx: Andere Leute lassen sich ja auch von uns inspirieren. Es machte mich stolz, als die Leipziger Veranstalter nach Olten kamen und wissen wollten, welches die Geheimnisse unserer Kabarett-Tage sind.

Graber: Das führt aber ebenso dazu, dass in einem Kunstmuseum nicht nur Regionale ausstellen.

Schelbert: Ja hoffentlich! Wir müssen uns doch nicht ständig selbst betrachten. Das wäre ja stinklangweilig. Ein Mensch und Künstler lebt doch auch davon, dass er rausgeht.

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