Deutsches Fernsehen, Dezember 1957: Die «Tagesschau» zeigt Bilder aus Stockholm – Albert Camus bekommt den Literaturnobelpreis. Mit 44 Jahren zählt der französische Autor und Philosoph zu den jüngsten Preisträgern. 1960 stirbt Camus bei einem Autounfall in Frankreich. In einer Mappe wird das handschriftliche Manuskript «Der erste Mensch» gefunden. Gespiegelt in der Figur des Jacques Cormery erzählt Camus von seiner Kindheit, die er mit seiner fast tauben, analphabetischen Mutter und einer dominanten Grossmutter im Armenviertel Algiers (Algerien) verbringt.
Der Autor schildert Jacques als Menschen ohne Wurzeln, der – auf der Suche nach einer Vaterfigur – über die eigene Herkunft reflektiert und sich zum «ersten Menschen» mit eigener Moral entwickelt. Das letzte, unvollendete Werk des Franzosen ist ein intimes, bewegendes Selbstzeugnis. Wurde es erst deshalb 34 Jahre nach Camus’ Tod veröffentlicht? Wie auch immer: Wer das Buch liest oder an dessen Verlebendigung auf der Bühne teilnimmt, wird sich nicht als Voyeur vorkommen. Sondern als diskreter, selbst noch so kleinen Verästelungen von Situationen, Stimmungen und Befindlichkeiten gebannt folgender Beobachter.

Mehrstimmig angelegt

Die erwähnte, auf einer Leinwand projizierte Tagesschau-Einspielung ist der Prolog zu Martin Mühleis’ (Idee, Textbearbeitung, Regie) mehrstimmig angelegter Produktion. Auf der Bühne sitzt der Schauspieler Joachim Król auf einem Barhocker; hinter und neben ihm ist das fünfköpfige L’Orchestre du Soleil platziert. Christoph Dangelmaier hat eine Musik komponiert, die ebenso Jazz, arabische wie französische Klänge (Musette) verwendet, um eine von Meer, Hitze und flirrendem Licht geprägte Atmosphäre zu evozieren. Die Musik unterstützt den Schauspieler, indem sie dem Gesprochenen als Soundtrack unterlegt ist; steht aber auch für sich – etwa in den kurzen Pausen. Der Zuschauer weiss dann, dass ein Szenenwechsel erfolgt.
Figurentheater entsteht
Was er auch weiss, und darüber je länger je mehr staunt, ist die Entfaltung eines Figurentheaters. Król, nur kurz ins Buch blickend, da meistens mit dem Körper das Gesprochene bekräftigend, imaginiert mit einer Vielfalt gestischer und stimmlicher Nuancen Camus’ Figuren so plastisch, dass wir ihnen in unserem Kopfkino voller Neugier begegnen.

Züchtigende Grossmutter

Die quälende Armut ist allgegenwärtig und findet in Gestalt der strengen, züchtigenden Grossmutter ihren Ausdruck; die Mutter ist scheu und lebt in einer eigenen Welt, zu der ihr Sohn keinen Zutritt hat; Jacques selbst ist ausgelassen, leidend, nachdenklich und vergnügt. Beispielsweise dann, wenn er mit dem sprachbehinderten Onkel Etienne zur Jagd geht und dieser den Buben am Ende fragt: «Bist du froh?» Król senkt hier seine Stimme, denn die folgende Schilderung darf nicht Nachdruck, sondern nur Leichtigkeit erfahren: Jacques schiebt seine kleine Hand in die grosse, schwielige seines Onkels; ein Zeichen von Zärtlichkeit, die es in der Familie ansonsten nicht gibt. Dafür gibt es bei Jacques wegen seiner Herkunft die Scham, die ihn vor allem später, als er das Gymnasium besucht, umtreibt. Wie der Bildungshunger des Buben durch den Lehrer Germain gefördert wird; wie Bildung – dies eine Kernaussage – für alle möglich sein muss: Elend und Idylle liegen bei Camus nahe beieinander und erfahren durch Joachim Króls Gestaltung eine Lebendigkeit und Dichte, die unter die Haut geht.
Der Text könnte aktueller ja auch nicht sein: Albert Camus beleuchtete in seiner Zeit scharfsichtig menschliche Gewissensprobleme – und diese sind noch immer dieselben.