«Das gerügte Versäumnis wiegt nicht derart schwer ...» Die Beschwerdepartei hat für diese stadträtliche Beurteilung bloss ein geflügeltes Wort übrig: «Das ist der Gipfel!» Dann schiebt sie hinterher: «Es ist einfach unglaublich, dass die Stadt nach der ‹Gold-Dach-Affäre› nichts dazugelernt hat.» Oha, da ist Feuer im Dach. Wo? Auf der alten Holzbrücke in Olten, einem an sich schon brandgefährdeten Ort; genauer gesagt bei jener Wand, die – soweit dies ein Laie beurteilen kann – auf fachmännische Art und Weise eingezogen wurde, aber halt dennoch stört. Natürlich nicht jeden, aber doch. Die Wand nämlich ziert seit geraumer Zeit die Aussparung zwischen erstem und zweitem Brückenjoch auf der Aare abwärts gewandten Seite der Brücke. «Sie nimmt Licht und Sicht», sagt die Beschwerdepartei. Was vor ein, zwei Jahren unter Umständen noch für eine provisorische Baute hätte gehalten werden können, die im Rahmen der Sanierung Liegenschaft Hauptgasse 2 angebracht wurde, erweist sich nun als Definitivum. Und die Wand war auch immer als solches gedacht. Bloss: Das konnten nur Insider wissen. Viele haben sich im Laufe der Zeit an die Veränderung gewöhnt, viele, aber nicht alle. Für Letztere bleibt die Wand so etwas wie ein Stolperstein; mit Nachhall.

Nachhall: Damit ist der Umstand gemeint, dass die Wand eine aufsichtsrechtliche Beschwerde an den Oltner Stadtrat provozierte. Und zwar vor dem Hintergrund, dass für den Einzug der Wand weder ein diesbezügliches Baugesuch eingereicht noch ein solches je publiziert worden war. Die Beschwerdeführer nämlich finden, dass die Holzbrücke so etwas wie «öffentliches Gut von grosser historischer und kultureller Bedeutung» und dementsprechend auch der Kreis der Einspracheberechtigten ein weiter sei. Zudem habe heute jeder Private für minimalste Änderungen an einer Baute ein Baugesuch einzureichen. Die Beschwerde vom März 2015 beziehungsweise die dadurch initiierten innerbetrieblichen Nachfragen bestätigen auch just zumindest einen der Vorhalte. Denn gemäss der für Altstadt- und Schutzzone gültigen Verordnung ist ein Baugesuch in jedem Fall zwingend. Die bearbeitenden Stellen aber hatten das Projekt wohl als unproblematisch und marginal eingeschätzt. Um den bürokratischen Aufwand zu minimieren, wurde die schriftliche Zustimmung Einspracheberechtigter quasi «in rollender Planung» eingeholt. Die Zustimmung des kantonalen Denkmalschutzes, ohne dessen Nicken – bildlich gesprochen – schier kein Nagel an der Brücke eingeschlagen werden darf, war ebenfalls gegeben. Zudem war die in dieser Frage oberste Instanz von allem Anfang ins Geschäft involviert. Das ändert aber nichts daran: Wo kein Baugesuch vorliegt, kann auch keines publiziert werden.

Bilanz der Beschwerde: Mangel erkannt. Konsequenz: Das Baugesuch wird Mitte April 2015, also längst nach Einzug der Wand, nachgereicht, von der Altstadtkommission gutgeheissen und – nicht publiziert. Denn gemäss kantonaler Bauverordnung ist die Publikation eines Baugesuchs nicht erforderlich «bei Bauvorhaben von untergeordneter Bedeutung, die keine erheblichen öffentlichen und nachbarlichen Interessen berühren.» Und ferner: «In solchen Fällen ist das Bauvorhaben betroffenen Nachbarn auf andere Weise zur Kenntnis zu bringen.» Der Stadtrat bezeichnet den zu recht beanstandeten Mangel des fehlenden Baugesuchs als «Versäumnis» und gibt in seiner Antwort an die Beschwerdepartei zu verstehen: «Das gerügte Versäumnis wiegt nicht derart schwer, als dass personalrechtliche oder gar disziplinarrechtliche Massnahmen geprüft werden müssten.» Es liege auf der einen Seite bloss ein formelles Fehlverhalten vor; «materiell wurden die entsprechenden Abklärungen und Bewilligungen eingeholt.» Auf der andern Seite könne es mal vorkommen, dass bei kleineren Bauvorhaben das Einholen einer Baubewilligung versäumt werde, worauf die zuständige Behörde Frist für das Einreichen eines entsprechenden Baugesuchs setze. «In der Regel wird auch gegenüber Privaten bei solchen Versäumnissen keine Strafe auferlegt», so der Stadtrat.

So weit – so klar: Der Wand haftet der Makel des versäumten Baugesuchs an, die Publikationspflicht dagegen ist nach wie vor strittig. Was heisst schon «von untergeordneter Bedeutung» für ein Bauwerk aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts, welches getrost als effektives Wahrzeichen der Stadt angesehen werden darf? Doch jenseits juristischer Fragen und Einschätzungen: Welche Ursache liegt der strittigen Baute eigentlich zugrunde? Sie ist das Produkt eines kleinen Gegengeschäfts zwischen der in diesem Belang mitwirkenden Altstadtkommission, der letztendlich massgebenden kantonalen Denkmalpflege und der Privateigentümerschaft Liegenschaft Hauptgasse 2.

Skeptiker rümpfen ob solcher Konstellation die Nase, lassen zwischen den Zeilen die Vermutung nach Vetternwirtschaft durchblicken und orakeln, wohl deshalb habe die offizielle Seite die Sache möglichst unbürokratisch und ohne Aufhebens realisiert sehen wollen. Mauschelei eben. Das hingegen weisen die Verantwortlichen von Baudirektion, Altstadtkommission und Denkmalpflege strikt von sich.

Der Handel, auf den kleinsten Nenner gebracht, könnte titeln: Wand für Pappel. Die Geschichte dahinter – etwas verzwickt und zweiteilig. Im Zuge der Ufersanierungen mussten vor einigen Jahren zwei Schwarzpappeln auf dem der Aare zugewandten Privatgrundstück der Liegenschaft Hauptgasse 2 entfernt werden. Die Altstadtkommission bewertete die Bäume als «das Stadtbild prägend». Stadtbild prägend darum, weil die Pappeln auf alten Stichen und vielen Repräsentationsabbildungen nie fehlen. Nach der Ufersanierung sollten deshalb wieder solche Bäume platziert werden, und zwar an ihrem ursprünglichen Standort; auch auf vielseitigen Wunsch aus der Bevölkerung. Dies ist der erste Teil der Geschichte. Der zweite Teil: Die Privateigentümer stimmten der Anfrage durch die Altstadtkommission zu, machten aber geltend, dass ihr Grundstück vom ersten Brückenabschnitt heraus in regelmässigen Abständen durch Passanten verunreinigt werde. Die Schliessung dieses Abschnitts könnte Abhilfe schaffen.

Man wurde handelseinig. Die Altstadtkommission schlug vor, den fraglichen Brückenabschnitt mit einer Plexiglasscheibe zu schliessen. Zur Diskussion stand ferner auch eine Netzvariante. Letzten Endes bestimmte die von allem Anfang an ins Geschäft involvierte kantonale Denkmalpflege: Eine Holzwand werde dem Charakter der Holzbrücke am meisten gerecht. In diesem Sinne wurde auch entschieden, das Holz seinem natürlichen Alterungsprozess auszusetzen und unbehandelt zu verwenden. Im Übrigen, so die Verantwortlichen auf Behördenseite, welche die Aufregung um die Wand nicht ganz nachvollziehen können, lasse sich die Baute mit Leichtigkeit wieder entfernen. Voilà.

Bliebe noch anzumerken, dass die «das Stadtbild prägenden Pappeln» nirgends in einem Grundbucheintrag festgehalten sind. «Andere Auflagen, welche die Wiederanpflanzung solcher Bäume notwendig machen, gibt es ebenfalls nicht», so die Beschwerdepartei. Dies bestätigt auch die städtische Bauverwaltung. Die Wiederanpflanzung von Schwarzpappeln sei sicher gut gemeint. Aber: «Der Preis dafür ist zu hoch», findet die Beschwerdepartei. Also stellt sie sich weiterhin auf die Hinterbeine, wie der Volksmund so sagt: Sie hat Mitte Juli eine weitere aufsichtsrechtliche Beschwerde beim kantonalen Departement für Bau und Justiz eingereicht, wo man ihr informell allerdings wenig Hoffnung auf Erfolg macht. «Es kann wohl kaum von Missständen oder Unordnung in der Gemeinde, einer offensichtlichen Missachtung der öffentlichen Interessen oder einer schweren Rechtsverletzung gesprochen werden, nur weil eine Baubewilligung erst nachträglich eingeholt wurde», so der O-Ton aus Solothurn.

Die Beschwerdepartei hält an ihrem Vorhaben fest.