«Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl», singt Herbert Grönemeyer in einem seiner Lieder. Und es trifft zu, denn Heimat hat für jeden eine andere Bedeutung. Für den einen ist Heimat, wo er seine Familie hat, für den anderen, wo er aufgewachsen ist. Und wieder für einen anderen ist Heimat dort, wo er sich sicher fühlt.

Für Alexandra von Arx ist Heimat das, was fehlt, wenn sie im Ausland ist. Sie ist die Autorin der Kurzgeschichte «OlteNetlO», die sich mit dem Ort der Kindheit auseinandersetzt. Dieser Text wurde nun im Rahmen des Buchfestivals virtuell um die Welt geschickt. Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt und Region Olten übersetzten die Zeilen in ihre Muttersprache, wobei sie auch den Schauplatz in ihre ursprüngliche Heimat verlegten. So entstand eine Sammlung aus demselben Text in 15 verschiedenen Sprachen, darunter griechisch, kurdisch, englisch, finnisch, japanisch oder russisch. Doch bei vielen blieb es nicht beim reinen Übersetzen. Denn mit dem Schreiben kamen auch die Erinnerungen.

Wunden des Kriegs sitzen tief

«Ich wollte dem Muster treu bleiben», erzählt Bernie Müller. «Aber ich habe mich immer und immer wieder in meinen Erinnerungen an früher verloren.» Vor knapp 24 Jahren kam die Lehrerin von Nordirland her in die Schweiz. Hauptgrund war ihr Mann, den sie in ihrer Heimat kennengelernt hatte. Mit ihm hat die 60-Jährige heute zwei erwachsene Kinder. Im Haus wird immer noch Englisch gesprochen. «Für uns ist das am natürlichsten», erklärt Müller. Ihre Kinder sprechen akzentfrei Deutsch, ihr selbst hört man die Irin an.

Bevor sie in die Schweiz zog, konnte sie kein Wort Deutsch. «Ich habe nur teilweise am Sonntagmorgen einen Deutschkurs im Fernseher geschaut», erzählt die gebürtige Nordirin und lacht. Geholfen habe das nicht. «Am Anfang war es sehr frustrierend, sich mit niemandem unterhalten zu können.» Trotzdem habe sie sich in der Schweiz schnell wohlgefühlt, habe schnell Freunde und ein Zuhause gefunden. «In Olten gibt es für alle etwas, Musik, Theater, viele verschiedene Sportarten.»

Doch so sehr ihr Herz für Olten schlägt, so sehr ist es zerrissen. «Ein Stück von mir wird immer in Nordirland bleiben», sagt Müller. Es sei aber nicht so, dass sie Heimweh hätte. «In meiner Heimat hätte ich keine Kinder grossziehen wollen.» Denn Nordirland ist noch immer gespalten, die Wunden des Kriegs zwischen Protestanten und Katholiken sind noch immer tief. Deshalb hat Müller auch nicht über ihren eigentlichen Geburtsort geschrieben, sondern über die Stadt Enniskillen, wo sie zur Schule und später zur Arbeit ging.

«Die Erinnerungen an meinen Geburtsort waren zu schmerzhaft.» Ein Freund der Familie wurde dort im Krieg erschossen. Das gab den Ausschlag für den Wegzug in die Schweiz. «Ich habe viele schöne Erinnerungen an meine Heimat», so die Nordirin. «Aber eben auch sehr viele traurige.»

Eine Heimat von vielen

Genauso geht es Bestun Salem. Auch für den Kurden wurde die vermeintlich einfache Aufgabe emotional: «Irak, Iran, Türkei, immer auf der Flucht.» So beginnt seine Geschichte, die ebenfalls vom ursprünglichen Text abweicht. «Ich wollte meine Geschichte nicht nur wörtlich, sondern auch emotional übersetzen», erklärt der 49-jährige Dolmetscher. Wie Müller wuchs auch Salem während der Kriegszeit auf. «Meine Heimat sind sehr viele Orte», erzählt der gebürtige Kurde. «Wir sind immer gewandert. Da bleibt überall ein Stück von dir liegen.»

Deshalb ist auch Salem hin und hergerissen, Olten sei eine Heimat von vielen weiteren Heimaten. Doch hier fühle er sich sicher, hier sei er zufrieden und glücklich. In der Schweiz lebt Salem nun seit 20 Jahren. «So lange war ich sonst nie am selben Ort», meint der Dolmetscher und lacht. Mit seinem Text könne er nun etwas zur Stadt beitragen und so ein Stück Heimat zurückgeben. «Ausserdem half es mir, meine Geschichte zu verarbeiten», sagt Salem. «Ich habe da viel Herz reingepackt.»

Vielfalt der Welt aufzeigen

Müller und Salem sind nur zwei Beispiele von vielen Oltnern, die während des Übersetzens in ihre Heimat zurückversetzt wurden. «Für viele war die Aufgabe sehr emotional, viele haben den Text adaptiert und nicht einfach übersetzt», sagt Alex Summermatter, Veranstalter des Buchfestivals. Er hatte die Idee, die Geschichte um die Welt zu schicken, weil in Olten rund 110 Länder vertreten seien. «Ich finde es sehr spannend, wie die Vielfalt der gesamten Welt in Olten zusammenkommt.»

Auch Alexandra von Arx, Verfasserin des ursprünglichen Textes, ist ob des guten Echos erfreut: «Es rührt mich, dass mein Text auf Sprachreisen ging und nun in Versionen vorliegt, die ich zum Teil nicht einmal lesen, geschweige denn verstehen kann.» Von Arx wird zusammen mit weiteren Verfassern von Texten am Samstag, 17. November, um 12.30 Uhr in der Schützi Olten an einem Gespräch über die Geschichte teilnehmen. Auch da wird wohl die Frage nach Heimat aufkommen.