Olten
Das Ende des menschlichen Daseins auf der Bühne präsentiert

Die Dachschadengesellschaft gibt Samuel Becketts morbiden Einakter «Endspiel». Wer sich nicht vor verfaulten Zähnen scheut und dafür Freude an hintersinnigem Theater hat, ist dort am richtigen Ort.

Martin Bachmann
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Beten wird in «Endspiel» zur unmöglichen Mission.

Beten wird in «Endspiel» zur unmöglichen Mission.

Bruno Kissling

Mit der aktuellen Inszenierung des Stücks «Endspiel» von Samuel Beckett wagt sich die Oltner Theatergruppe Dachschadengesellschaft in die Welt des absurden Theaters vor. Die vier Schauspielerinnen und Schauspieler präsentieren in gekonnter Art und Weise menschliche Abgründe und nehmen das Publikum mit ans Ende des menschlichen Daseins. Ein Augenschein von der öffentlichen Generalprobe am vergangenen Donnerstag.

Kurz nach der Apokalypse: Der blinde und gelähmte Hamm (Jakob Müller) sitzt in seinem Rollstuhl. Er vertreibt sich die Zeit damit, seinen Adoptivsohn Clov (Michi Bosshard) mit seinem Zynismus und unsinnigen Anweisungen zu quälen. Immer wieder verlangt er von ihm, auf die Leiter zu klettern und mit dem Fernglas mal nach dem Ozean, mal nach der Erde zu schauen. Clov, dessen Beine steif sind und der somit zwar noch gehen, aber nicht mehr sitzen kann, erfüllt seinem bösartigen Vater jeden noch so seltsamen Wunsch. Dabei referiert dieser über sein «herrliches Elend». «Welches Elend könnte grösser sein, als meins?» fragt er mit schiefem Grinsen.

Nachdem er ein weiteres Mal seinen Diener und Ziehsohn mit den Worten «Warum bringst du mich nicht einfach um?» verhöhnt hat, kriecht Hamms Vater Nagg (Tamara Rüfenacht) aus seiner Tonne und verlangt lautstark nach «seinem Brei». Der Mann, dessen Zähne am Verfaulen sind, wird darauf mit einem Stück Zwieback abgespeist. Gedankenverloren mümmelt der verkrüppelte Sippenchef, welchem beide Beine bei einem Unfall abhanden gekommen sind, an seiner kümmerlichen Mahlzeit.

Beinprothesen

Kurz darauf windet sich auch seine Frau Nell (Annetta Wyss) aus ihrem Verschlag. Bei demselben Unglück verlor auch sie wie ihr Mann beide Beine. Nagg macht sie darauf aufmerksam, dass er mit ihr Geschlechtsverkehr wünscht. Angewidert verweigert sie ihm den Wunsch. Und da beide sich nicht mehr richtig bewegen können, endet die Szene mit dem Versuch Naggs, seine Frau zu küssen. Aber auch dieser Plan scheitert.

Also beschliesst er, Nell den Witz vom Schneider zu erzählen. Darüber habe sie doch früher immer gelacht! Nell beginnt daraufhin zu weinen, denn sie erinnert sich bei der Schneidergeschichte immer an ihre Verlobung mit Nagg. Dieser ist jedoch von dem billigen Schwank derart begeistert, dass er bereits während seiner Erzählung ein seehundartiges Gegrunze von sich gibt. Hamm befiehlt daraufhin Clov, seinen Vater mit Hilfe von dessen eigener Beinprothese zurück in sein Loch zu bugsieren, was Clov denn auch dienstfertig tut.

Jesus und Zwieback

Das Stück von Samuel Beckett, inszeniert von der Oltner Regisseurin Kerstin Schult, beginnt bei der Dachschadengesellschaft mit einer technoiden Version des AC/DC-Klassikers «Highway To Hell». Das Quartett eröffnet den Abend mit einer kleinen Tanzchoreografie zur Musik und zeigt damit gleich, wo der Hammer, beziehungsweise der Messias hängt. So wird ein besonders kitschiges Gemälde von Jesus an einem Haken befestigt.

In den Händen hält der Gottessohn allerdings nicht wie sonst üblich ein kleines Lamm, sondern eine Schachtel Zwieback; das Gebäck von dem sich Hamms Vater Nagg nach der Apokalypse ernähren muss. Die kleine Showeinlage, untermalt mit Hardrock, zeigt damit gleich zu Beginn der Aufführung den morbiden Charakter des Einakters. Die Figuren suhlen sich denn auch in der Sinnlosigkeit ihres Daseins. Besonders spannend ist die Beziehung zwischen Hamm und Clov.

Beide sind aufeinander angewiesen, jedoch verabscheuen sie sich gegenseitig. Clov hasst sich für sein devotes Verhalten gegenüber seinem Vater, während diesen genau die Unterwürfigkeit seines Sohnes im Grunde anwidert. Besonders bizarr ist die Sequenz, als Hamm nach «seinem Hund» verlangt. Aus Mangel an echten Tieren musste Clov für seinen Vater einen Hund aus Leder herstellen. Das Spielzeug ist allerdings noch nicht ganz fertig, ihm fehlen noch ein viertes Bein und das Geschlecht. Doch Hamm kümmert sich nicht darum und herzt gemeinsam mit Clov die Hundeattrappe.

Abhängigkeit und Angst

Über «Endspiel» wurde schon viel diskutiert und geschrieben und es existieren diverse Interpretationen über dessen Botschaft und die auf den ersten Blick sinnlosen Dialoge. In der Version der Dachschadengesellschaft kommt aber das zwischenmenschliche Moment der vermeintlichen gegenseitigen Abhängigkeit und der Angst, diese zu brechen, sehr deutlich zum Tragen. Wer sich nicht vor verfaulten Zähnen scheut und dafür Freude an hintersinnigem Theater hat, sollte sich die kommenden Aufführungen nicht entgehen lassen.