«Was nun?» Diese Frage prangte 1997 auf dem Titelblatt des «PCO-Spiegels», der Hauszeitung der Portlandcementwerk AG Olten. Diese Frage stellten sich alle Arbeiter in Olten SüdWest, nachdem der Verwaltungsrat der PCO im Januar 1997 den Entscheid bekannt gegeben hatte, die Herstellung von Klinker, einem Zement-Halbfabrikat, in Olten auf Ende Jahr aufzugeben. Diese Nachricht schlug bei der Belegschaft wie eine Bombe ein. Mit einem solchen abrupten Ende hatte niemand gerechnet – trotz der rückläufigen Entwicklung im Bausektor seit Anfang der 1990er-Jahre, die nach der gescheiterten EWR-Abstimmung und der Immobilienkrise einsetzte.

Hermann Spielmann, der Direktor der PCO, verteidigte den «gründlich überlegten und unausweichlichen Entscheid der Aktionäre». Der Zementverbrauch in der Schweiz sei seit 1989 von 6 auf 4 Millionen Tonnen oder um 35 Prozent zurückgegangen. Von den aktuell zehn Fabriken, welche Zement herstellten, würden fünf für die Deckung des Bedarfs genügen. Zudem würden immer mehr Zementsorten verbaut, welche aus weniger als 90 Prozent Klinker bestehen (siehe Text links). Die Aussichten waren wenig rosig, und um eine Strukturbereinigung kam man nicht mehr herum.

Eigentlich war geplant, die Produktion in der Zementi bis Ende Jahr laufen zu lassen. Aber am 26. September 1997 war den Vorratssilos trotz intensiver Auflockerungsbelüftung kein Rohmehl mehr zu entlocken. Daraufhin wurde um 15.04 Uhr die Flamme im Zementofen gelöscht. Drei Monate vor dem geplanten Ende. Nun galt es nur noch, die Anlagen ordnungsgemäss abkühlen zu lassen. Somit war endgültig Ofen aus und die Zementi-Ära in Olten abgeschlossen.

Schwierige Zeit für Belegschaft

Einen Sozialplan hatte die PCO abgelehnt. Nur ein Mitarbeiter konnte sich vorzeitig pensionieren lassen. Die Geschäftsleitung setzte ein Projektteam ein, um die Mitarbeiter bei der Suche nach einer neuen Stelle zu unterstützen. Der damalige Direktor Hermann Spielmann appellierte an die Flexibilität der Betroffenen: «Ist jemand bereit, mehr oder weniger jede Arbeit anzunehmen? Ist man bereit, weiter zu reisen oder gar umzuziehen? Ist man bereit, weniger zu verdienen?», fragte er sie. «Sehr viel hängt von der Einstellung ab, und da muss sich das Denken Einzelner noch wandeln», schrieb er ihnen in der Hauszeitschrift. Die Stellensuche gestaltete sich nicht einfach. Am 18. April standen von den ursprünglich 97 Angestellten 64 ohne definitive Lösung da, am 15. November waren es immer noch 20 Mitarbeiter. «Never give you up!» gab ihnen Roger Seiler von der Betriebskommission mit auf den Weg.

Nächste Hiobsbotschaft

Eine Woche nach der Nachricht von der Schliessung der PCO traf am 21. Januar 1997 eine weitere Hiobsbotschaft ein. Die Hunziker Baustoff AG stellte ihre Produktion am Zementweg in Olten ebenfalls ein. Dem Nachfrageeinbruch wegen der Rezession im Bausektor standen massive Überkapazitäten gegenüber. Die lokale Sektion der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI) versuchte, die 90 Arbeitsplätze in Olten zu erhalten und präsentierte Alternativvorschläge. Das Auslieferungslager und die Kieswerke sollten weiter betrieben werden.

Bruno Schafer, damals Gewerkschaftssekretär der GBI, erinnert sich: «Es war eine intensive Zeit, alle zwei bis drei Tage fanden Betriebsversammlungen statt.» Als die Unternehmensleitung noch vor Ablauf der Konsultationsfrist bereits Kündigungen aussprach, verabschiedeten die Mitarbeiter spontan eine Protesteingabe. Vor dem Firmeneingang in Olten übergab die versammelte Belegschaft gemeinsam dem Abwicklungs-Koordinator Paul Schütz das Protestschreiben. Seit 1994 waren gemäss Obligationenrecht die Firmen bei Massenentlassungen verpflichtet, die Arbeitnehmer zu konsultieren und allfällige Vermittlungsbemühungen des kantonalen Amts für Wirtschaft abzuwarten. Speziell an der Protestaktion der Hunziker-Belegschaft und des GBI war, dass sich der Personalchef mit den von der Entlassung bedrohten Mitarbeitern solidarisierte. «Schliesslich konnten sie in Verhandlungen mit dem Delegierten des Verwaltungsrats einen Sozialplan erreichen», stellte Bruno Schafer mit Genugtuung fest. Für 13 Mitarbeiter konnte der Arbeitsplatz in Olten gerettet werden. Und die Entlassenen erhielten eine Abgangsentschädigung nach Dienstjahren.

Quellen: Oltner Tagblatt 1997; PCO-Spiegel 1997; Andreas Hauser, Olten, Architektur und Städtebau, 2000; verschiedene Oltner Neujahrsblätter; Historisches Lexikon der Schweiz.