Früh am Morgen stand der Lostorfer Erich Leimgruber diesen Samstag auf, um pünktlich in den 6.45-Uhr-Inter-City-Zug nach Mailand steigen zu können. Nicht um zu shoppen oder Pizza zu essen, sondern um einen Weltrekord aufzustellen. Er und weitere 419 Alphornbläserinnen und -bläser, die sich im Frühjahr für die Teilnahme angemeldet hatten, bliesen sich auf dem Domplatz ab 16 Uhr in das «Guinness-Buch der Rekorde». Noch nie waren vorher so viele Alphörner gemeinsam im Ausland gespielt worden (wir berichteten). Für Leimgruber und die meisten seiner Mitbläser startete das erste Konzert aber bereits am Vormittag auf dem Expo-Gelände (Schweizer Pavillon), wo sie den Schweizertag an der Weltausstellung beehrten. Ein kleiner Teil der Alphörner wirkte bei diesem Auftritt allerdings noch nicht mit. Ohnehin ist der Schweizer Pavillon nicht für so viele Personen gedacht.

Schnell mussten die Bläserinnen und Bläser nach ihrem ersten Auftritt dann alles zusammenpacken und in die Cars steigen, um pünktlich für ihren Hauptauftritt vor dem Mailänder Dom einzutreffen.

Wie VIPs zum Dom

Ganz so zügig kommt man im Verkehr Mailands aber nicht vorwärts. Üble Verhältnisse herrschen in der zweitgrössten Stadt Italiens, noch schlimmer, wenn gerade Anlässe wie die Expo oder ein Weltrekordversuch stattfinden. Deshalb begleiteten Carabinieri (Polizei) die sechs Cars, in welchen ein Grossteil der Volksmusiker chauffiert wurde. Die Polizeieskorte auf Motorrädern verteilte sich auf den Konvoi. Zwei Carabinieri führten ihn an, zwischen jedem Car fand auch einer Platz und den Schluss besorgten auch ein paar. So wurden die Musiker rassig durch den dichten Verkehr geschleust und durften sich kurz wie VIPs fühlen. «Das war das Beeindruckendste!», sagt Erich Leimgruber strahlend. Ohne polizeiliche Begleitung hätten sie es womöglich nicht rechtzeitig zum Auftritt geschafft. Allgemein lobt Erich Leimgruber: «Der Transport war super organisiert.»

Sechs Lieder in einer Stunde

Zunächst fand der Vorlauf statt, bei dem die Aufstellung organisiert und Zählungen vorgenommen wurden. Sehr viele Zuschauer waren live dabei, als die 420 Schweizerinnen und Schweizer schliesslich anfingen, ihre Hörner zu blasen. Ein Auftritt, den Touristen nicht jeden Tag zu sehen kriegen und sie deshalb in Scharen zum Domplatz strömen liessen. Auch für Erich Leimgruber war es ein Auftritt der besonderen Art: «Es war gewaltig. Als wir zu spielen anfingen, bekam ich Hühnerhaut.» Ein Dirigent sorgte während einer Stunde für einen reibungslosen Ablauf des Programms. Ein paar Fahnenschwinger und Tambouren begleiteten den Auftritt.

Top drei

Für Erich Leimgruber gehört der Auftritt in Mailand zu seinen drei grössten Konzerten, bei denen er schon dabei sein durfte. Seinen ersten grossen internationalen Auftritt erlebte er vor ein paar Jahren, als er mit neun weiteren Alphornbläsern nach Shanghai reisen durfte, um dort am International Folklore Festival teilzunehmen. Die zusammengewürfelte Truppe trat gemeinsam mit drei Fahnenschwingern auf und musste nur einen sehr kleinen Betrag der Reise selbst bezahlen. Im Jahr 2013 schraubte er sein Alphorn für den grössten Schweizer Alphorn-Event auf dem Gornergrat VS zusammen. Dort erklangen an jenem Tag rund 300 Alphörner. Er ist also schon viel herumgekommen dank seinem Hobby.

Der Hobby-Alphornbläser hat aber auch bereits mehrere «normale» Konzerte hinter sich. Er spielt gerne auf Geburtstags- oder Hochzeitsfeiern: «Wenn ich anderen damit eine Freude bereiten kann, dann habe ich auch Freude», sagt Leimgruber. Bis vor zwei Jahren spielte er noch mit seinem Onkel zusammen und stand 15 bis 20 Mal pro Jahr auf der Bühne. Seit einem Jahr ist er in der Alphorngruppe Goldisberg bei Herzogenbuchsee und übt einmal pro Woche in einer 12-köpfigen Gruppe. «Für einen guten Ansatz (beim Mundstück) sollte man aber schon täglich üben», erzählt der passionierte Volksmusiker. Dann sind auch zehn Lieder in einer Stunde kein Problem.

Zweite «Karriere»

Der Bereichsleiter Bau und Unterhalt des Werkhofs Olten ist seit 41 Jahren im Jodlerverband. Angefangen mit dem Instrument Alphorn hat Leimgruber im Jahre 2000 und startete damit, nach dem Jodeln, seine zweite «musikalische Karriere». Jede Woche nahm er eine Unterrichtsstunde bei Bernhard Wichser in Brugg und erzielte schnelle Fortschritte. «Nach einer gewissen Zeit wollte ich auch was anderes für mich finden, falls mir das Jodeln mal verleiden würde», erklärt er.