Kabarett-Tage
CVP-Ständerat Pirmin Bischof über die Macht der Satire

In seiner Gastkolumne schreibt Pirmin Bischof über die Gurkerl-Version des diesjährigen Cornichon-Preisträgers Alfred Dorfer. Bischof ist CVP-Ständerat des Kantons Solothurn und Gründungsmitglied der Oltner Kabarett-Tage.

Gastautor Pirmin Bischof
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Cornichon-Preisträger Alfred Dorfer während seiner Vorstellung am Mittwochabend im Stadttheater.

Cornichon-Preisträger Alfred Dorfer während seiner Vorstellung am Mittwochabend im Stadttheater.

Bruno Kissling

Kabarett sei nicht aktuell? Gestern Donnerstag forderte der neue österreichische Bundeskanzler Christian Kern sein Volk zu mehr Optimismus und positivem Denken auf. Doch bereits in der Nacht zuvor hatte sein Landsmann Alfred Dorfer auf der Bühne der schweizerischen Kabarett-Hauptstadt Olten eine Vorahnung: «Optimismus ist die offene Form von Informationsmangel.» Olten hat damit wieder einen zwiespältig würdigen Preisträger für das diesjährige Cornichon, für seinen österreichischen Gewinner wohl das «Oltner Gurkerl».

Es ist heikel, wenn ein Politiker über den Auftritt eines Satirikers so quasi eine Theaterkritik schreiben soll. Es ist heikel, weil sich dann das Objekt zum Subjekt aufschwingen will. Auch für Alfred Dorfer ist die Politik eine der reichsten Ideenlieferantinnen. Unter Berufung auf Frank Zappa meint er: «Politik ist die Unterhaltungsabteilung der Wirtschaft.» Der österreichische Bundespräsident sei wie der Dalai Lama: Er habe im eigenen Lande nichts zu sagen. Und die Demokratie kommentiert er: «Wir lassen wählen, bis das Ergebnis stimmt.»

Zur Schweizer Immigrationspolitik sagt er: «Haben Sie eigentlich Universitäten oder kaufen Sie auch das Wissen einfach zu?» Dorfer bezeichnet die systematischen Frauenbelästigungen in der Kölner Silversternacht als «Rassismus», nämlich Verachtung einer Menschengruppe wegen ihres Geschlechts, die zutiefst verabscheuungswürdig sei.

Umgekehrt hat der Europäer Dorfer klare Vorstellungen einiger Partnervölker: So hat er deutsche Professoren in Österreich nach dem Motto erlebt: «Wir wissen nichts, das aber besser.» Oder (wie es der Germanistik-Dozent fein ziseliert): «Nicht das Erreichte zählt, sondern das Erzählte reicht.» Und Engländer definiert er kurzerhand als Menschen, die ein Leben lang ohne das auskommen, was wir als «Essen» bezeichnen.

Dorfer leidet an der heutigen Sprache, die eher noch Gequatsche oder Wording sei. Der «Vollidiot» sei heute «verhaltenskreativ». Und statt «tot» sei man heute in einem «Existenzsabbatical».

Überhaupt seien «Liebe Tod Wahrheit Jenseits» seine Themen. Und er packt sie ohne Tabus an: «Dank Alzheimer lernen wir uns täglich neu kennen.» Gerade in seinen genau beobachteten Alltagsszenen ist Dorfer aber nicht nur der Sprachkünstler. Gestik und Mimik geben seinen Figuren erst Kontur: dem nachgebildeten griechischen Diskuswerfer, dem gigolohaften Skilehrer in Tirol oder dem mit sparsamsten Bewegungen kokettierenden Reggae-Tänzer.

Fast jugendlich legt der 54-Jährige ein leichtes und verspieltes Denken aufs Parkett, das mitreisst. Er beteuert, nicht im deutschen Sinne «bissig» sein zu wollen. Das heisse, sich mit dem Publikum auf «populistische» Art gegen einen nicht anwesenden Dritten zu verschwören. Der Abend zeigt aber, dass er das Publikum geistig und emotional fordert und im Griff hat.

Kurz: Für mich als Fasnächtler und stolzes Gründungsmitglied der Oltner Kabarett-Tage und natürlich als Politiker steht fest: Alfred Dorfer verdient das «Gurkerl». Nur in einem stimme ich ihm höchstens satirisch zu: «Ich hab nichts Intelligentes zu sagen – aber das haben Sie ja von mir auch nicht erwartet.» Bravo!