Die Schweizer seien die bessern Deutschen, nur wüssten sie das nicht: Gleich zu Beginn seines Auftrittes im «Hexenkessel Olten» am Mittwochabend im Stadttheater provozierte Christoph Sieber das Publikum mit dieser bissigen Bemerkung. Und erntete bloss Gelächter. In seinem Kabarettprogramm «Hoffnungslos optimistisch» brachte Sieber denn auch durchweg Satire ohne jede politische Korrektheit. Seit einiger Zeit verlange man vom Kabarett, dass es auch Antworten gebe, konstatierte er. Das Ziel seines Abends aber sei erfüllt, wenn man mit mehr Fragen hinausgehe, als man reingekommen sei. Und für dieses Ziel setzte sich der 47-jährige schwäbische Cornichon-Preisträger mit allen Mitteln ein – in einer intelligenten Mischung aus rasanter Stand-up-Comedy und moralischem Politkabarett.

Aktuelle Gesellschaftsthemen

In seinem fast zweistündigen, seit drei Jahren stetig aktualisierten Soloprogramm greift der im Schwarzwalddorf Niedereschbach aufgewachsene Bürgermeistersohn aktuelle, soziale und politische Gesellschaftsthemen auf. Da geht es beispielsweise um Goldfische, deren Langzeitgedächtnis nur drei Sekunden lang ist, um unser Verhältnis zum Handy und ganz besonders zu Siri, oder um den Albtraum von Kühlschrank und Haustüre, die im Smarthome miteinander vernetzt sind und uns draussen stehen lassen, wenn wir keine Milch heimbringen.

Christoph Sieber ( Mitternachtsspitzen, 03.09.2016) - Was sind unsere Werte ?!

Christoph Sieber ( Mitternachtsspitzen, 03.09.2016) - Was sind unsere Werte ?!

Cornichon-Preisträger Christoph Sieber sinniert über die Werte unserer heutigen Gesellschaft.

Oder dann führt uns Sieber die Macht der Algorithmen vor Augen – unter anderem am Beispiel eines Patienten, dem der Arzt gerne einen Herzschrittmacher geben würde, die Algorithmen aber nicht. Bloss eine schreckliche Zukunftsvision? «Diese Zukunft ist schon Gegenwart», stellt Christoph Sieber lapidar fest. Da gibt es nichts mehr zu lachen und Sieber weiss selber, dass gewisse Themen unserer Zeit Beklommenheit auslösen, wenn man sie ehrlich betrachtet.

Hie und da streute der auch als TV-Moderator bekannt gewordene Kabarettist jedoch längere, heitere Sketchs in seine Comedy-Standpauken. Beispielsweise liess er uns die Mitarbeiterversammlung der Bäckerei Häberle miterleben, wo der Firmenchef im besten Neuschwäbisch eine Benchmark setzt, die Credibilität beim Customer wiedergewinnen will und ein Brainstorming veranstaltet – «alle schwatzen durcheinander, keiner hört zu» –, weil man herausfinden muss «how to make Häberle great again».

Wenn das Lachen erstirbt

Der in Köln lebende Kabarettist Christoph Sieber ist blitzgescheit und angriffig, er ist wortgewaltig und argumentiert präzis. Bewusst setzte er nicht nur auf Lacher und viele Pointen, sondern wurde zwischendurch bitterernst, wenn er beispielsweise reiche Leute und deren Verhalten sezierte, ironisch «Gesetze aus dem Buche Goldman Sachs» zitierte und abschliessend nüchtern kommentierte: «Systemrelevant sind immer die Banken und nicht die Bevölkerung.» Gekonnt veräppelte er auch Frauenklischees, griff Rechtspopulismus an oder gab den Eltern im Publikum den einfachen Tipp, nach Hause zu gehen, die Kinder zu wecken und ihnen zu sagen: «Hört nicht auf die Eltern!»

Ganz zum Schluss nach einem Rap im Stil der Jugend von heute verlas er mit «Ich will mich nicht daran gewöhnen» eine Art politisches Credo und merkte nebenbei an, dass auf all die grossen Fragen, die er aufgeworfen habe, auch Siri keine Antwort wisse.