Oltner Kabarett-Tage

Claude Schoch: «Um Kabarett zu verstehen, braucht es ein gewisses Alter»

Kabarett-Tage-Gesamtleiter Claude Schoch beim Interview in der Geschäftsstelle in Olten.

Kabarett-Tage-Gesamtleiter Claude Schoch beim Interview in der Geschäftsstelle in Olten.

Was ist Kabarett? Wie hoch ist die Gage der Kabarettisten? Und wieso kommen so viele ausländische Kabarettisten nach Olten? Ein Gespräch mit dem Leiter Claude Schoch zum Start der Oltner Kabarett-Tage.

Die 29. Oltner Kabarett-Tage starten am Mittwoch mit der Cornichon-Preisverleihung an den Österreicher Alfred Dorfer. Er zeigt im Stadttheater eine «Gurkerlversion» seines Programms «bisjetzt». Insgesamt treten über 50 Künstler an zehn Spielorten in der Stadt Olten auf.

Das grösste Satire-Festival der Schweiz bietet von politischem Kabarett mit Hagen Rether oder Horst Evers über Musik-Kabarett mit Simon & Jan oder Lars Reichow bis zu Slam-Poeten wie Interrobang oder Die Eltern eine breite Auswahl. Die Turmrede wird von Renato Kaiser gehalten. Ein weiteres Highlight ist «Best of Zytlupe», das Radio SRF1 live aus dem Stadttheater sendet.

Herr Schoch, was verstehen Sie unter Kabarett?

Claude Schoch: Kabarett ist eine kritische und vertiefte Auseinandersetzung mit einem aktuellen Thema aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft mit einer Verpackung – humoristisch, satirisch oder sonst wie kreativ. Und das Ganze muss so unterhaltsam sein, dass es Leute gibt, die eine oder zwei Stunden zuhören und dafür etwas zahlen.

Was ist für Sie der Unterschied zwischen Kabarett und Comedy?

Bei Comedy fehlt für mich die Tiefe. Comedy hat eigentlich nur das Ziel zu unterhalten. Bei einem Kabarettisten steckt zudem eine Haltung zu einem Thema dahinter, der Comedian muss die nicht haben, sondern kommt auf die Bühne, um die Leute mit seinen Pointen eine Stunde bei Laune zu halten.

Die jüngere Generation kennt eigentlich nur noch Comedy, vor allem aus dem TV, Kabarett ist eher etwas für ältere Leute.

Das ist eine Realität. Wir haben schon ein paar Mal versucht, ein Format für Junge zu machen, in Lokale zu gehen, wo Junge verkehren. Das funktionierte kaum. Wir merkten, dass es zwar ein hehres Ziel ist, aber wohl der falsche Moment. Um Kabarett zu verstehen, braucht es vielleicht ein gewisses Alter. Mit dem Poetry Slam bieten wir aber auch für Junge Formate, die sie ansprechen könnten. Aber spezifisch Kabarett-Vorstellungen, um junge Leute abzuholen, machen wir nicht mehr.

Sie haben den Poetry Slam erwähnt, bei dem Texte – oft abgelesen – einem Publikum vorgetragen werden. Ist das nicht eher nur eine mögliche Vorstufe zum Kabarett, sozusagen ein Kabarett light?

Vom Konzept her ist der Poetry Slam vergleichbar mit dem Kabarett, weil sich beide mit Worten vertieft mit einem Thema auseinandersetzen. Aber es ist so, der Slam-Poet muss noch einen Schritt machen, weil die einzelnen Texte, die er vorträgt, noch kein zusammenhängendes Programm ergeben. Aber die Poetry-Slam-Szene ist eine Fundgrube für mögliche spätere Kabarettisten.

Auffällig ist, dass viele der eingeladenen Kabarettisten aus dem Ausland stammen, auch der diesjährige Cornichon-Preisträger Alfred Dorfer ist ein Österreicher. Sind die Schweizer Kabarettisten zu zahm?

Das würde ich so nicht sagen. Aber es ist ein Fakt, dass der Fundus von Kabarettisten, die für die Kabarett-Tage und auch den Cornichon-Preis infrage kommen, in der Schweiz viel kleiner ist wegen des eingeschränkten geografischen Gebiets. Von den bisherigen Kabarett-Tage-Preisträgern ist die Hälfte Schweizer, die andere Hälfte Deutsche und ein paar Österreicher. Zudem verstehen wir unser «Cornichon» nicht als Nachwuchspreis, sondern als Auszeichnung für einen gestandenen Kabarettisten, der schon mehrere Programme gezeigt hat.

Werden die Kabarett-Tage im Ausland, zum Beispiel in Deutschland, überhaupt wahrgenommen?

Leute aus der Kabarett-Szene kennen uns. Das merken wir, wenn wir zu Veranstaltern gehen oder Künstler anfragen. Aber wenn man Leute auf der Strasse befragen würde, sind ihnen die Oltner Kabarett-Tage kein Begriff. Dafür müssten wir TV-Präsenz haben.

Wie werden die Kabarettisten ausgesucht?

Wir haben zum einen ein Programmteam, das jährlich rund 80 Vorstellungen besucht. Zum anderen gibt es ganz bestimmte Veranstaltungen wie die Künstlerbörse in Thun oder Freiburg/D, wo an mehreren Tagen Dutzende Kabarettisten im Viertelstunden-Takt auftreten. So sehen wir, wer Newcomer ist, wer von den Gestandenen ein neues Programm oder eine neue Figur eingeführt hat. Ziel ist es, dass zwei Leute von uns das ganze Programm gesehen haben, bevor wir einen Kabarettisten engagieren.

Wie schwierig ist es, Kabarettisten in die Kleinstadt Olten zu lotsen?

Das ist in der Regel kein Problem, weil es für die meisten Kabarettisten eine Referenz ist, da wir eine kritische Auswahl treffen. Auch ökonomisch ist es für ausländische Kabarettisten interessant, weil sie hier in der Regel mehr verdienen als in Deutschland oder Österreich.

Wie hoch ist die Gage?

Das ist sehr unterschiedlich. Es kommt auf den Bekanntheitsgrad und vor allem auch auf den Auftrittsort an. In einem kleinen Theater mit weniger als 100 Plätzen ist die Gage kleiner – zwischen 1500 bis 2500 Franken. In einem grossen Haus, wie etwa dem Stadttheater mit über 400 Plätzen, kann die Gage bis zu mehrere tausend Franken betragen. Sie ist also abhängig von der Zahl der Zuschauer und den damit berechneten möglichen Einnahmen. Danach wird mit dem Kabarettisten verhandelt.

Müssen die Künstler auch einen Bezug zu Olten haben?

Nein, dieses Kriterium gibt es nur bei der Turmrede, dass sich der Vortragende – sei er Schweizer oder Ausländer – einen Bezug zu Olten herstellen muss.

Nächstes Jahr feiern die Kabarett-Tage ihren 30. Geburtstag. Ist etwas Spezielles geplant?

Das Speziellste ist der Quai Cornichon, der eingeweiht werden soll und von den Behörden bereits bewilligt ist. Der Oltner Künstler Werner Nydegger hat von den 30 Cornichon-Preisträgern je eine Chromstahl-Tafel erstellt, die wir als Installation vor der Klostermauer in der Oltner Innenstadt präsentieren werden. Dazu laden wir möglichst viele Preisträger ein. Das genaue Programm ist aber noch nicht bekannt. 

Eine andere Idee ist die Erweiterung des neu eröffneten Schriftstellerwegs mit einer Kabarett-Tour. 

Diese Erweiterung ist das Werk von Region Olten Tourismus. Wie mir die Verantwortlichen verraten haben, soll die Kabarett-Tour ein Geschenk sein an uns. Start- und Zielpunkt könnte der Quai Cornichon sein. Weitere Details besprechen wir nach den Sommerferien.

Wie sieht die Zukunft der Kabarett-Tage generell aus?

In den nächsten drei bis vier Jahren wird sich grundsätzlich wohl nicht viel ändern: Die Kabarett-Tage beginnen am Mittwoch mit der Preisverleihung und gehen elf Tage später am Samstag zu Ende. Was variieren kann, sind die Spielorte – dieses Jahr sind wir etwa zum ersten Mal im Kino Capitol. Vielleicht gibts auch mal eine Veranstaltung in der Stadtkirche. Zudem haben wir mit «Kabarett meets ...» ein Format, das inhaltlich jährlich ändert. Dieses Jahr verbinden wir Kabarett mit Literatur.

Gibts Ideen für neue Formate?

Was mich interessieren würde, wäre ein Stammtisch-Kabarett in einer Beiz, wo der Kabarettist – ohne auf einer Bühne zu stehen – nahe bei den Gästen sein Programm vorträgt. Das müsste nicht unbedingt in Olten sein, denn da haben wir Spielorte. Das andere wäre fremdsprachiges Kabarett in einfachem Französisch oder Englisch. Da gibt es allerdings ein Problem: Wir kennen die Kabarettisten im nicht deutschsprachigen Raum kaum.

Zudem existiert dieses Jahr keine Plattform, wo übers Kabarett diskutiert wird.

Wir haben dies drei Jahre lang versucht mit einem Kabarett-Talk, symbolisch sogar einmal im Oltner Gemeinderatssaal. Für uns Veranstalter war die Sache interessant, aber für die Kabarettisten schwierig, weil es niemand interessierte. Die Leute wollen wohl eher Kabarett konsumieren, statt darüber zu diskutieren. Trotzdem würde ich den Kabarett-Talk gerne wieder aufnehmen, wenn wir eine geeignete Form gefunden haben, die beim Publikum gut ankommt.

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