Hatten auch Sie kürzlich Post vom Circus Royal in ihrem Briefkasten? Ein Couvert mit ein bis zwei Freikarten, einer Einladung und weiteren Rabatt-Coupons? Gut möglich, denn der zweitgrösste Schweizer Zirkus setzt voll auf das Freikarten-Prinzip.

30'000 Gratis-Eintritte wurden allein für die sechs Aufführungen in Olten per Post oder von Zirkus-Angestellten persönlich verteilt. Das sind fast doppelt so viele Freikarten, wie Olten Einwohner hat. Gültig sind sie zudem nur an den beiden Abendveranstaltungen heute Freitag und morgen. Kurios: Nur 300 Plätze im Zirkuszelt sind jeweils für die Gratis-Eintritte reserviert. «Es hät, solangs hät», heisst es auf dem Coupon. Überzählige Besucher mit Freikarten, die trotzdem in den Zirkus wollen, müssen zahlen. Immerhin werden sie mit einem Rabatt vertröstet. 12, 18 oder 20 Franken kostet das Zirkusvergnügen dann noch je nach Kategorie.

Wir rechnen nach. An den zwei Abendveranstaltungen sind je 300 Gratis-Plätze im Zelt vorhanden. In Olten können also 600 Besucher kostenlos in den Zirkus. Die übrigen 29 400 Freikarten werden ihrem Namen nicht gerecht. Ein Bruchteil davon wird als Rabatt-Coupon verwendet, die Mehrheit landet direkt im Altpapier.

«Wir müssen etwas machen, damit die Menschen kommen. Das mit den Freikarten machen wir schon ewig», sagt Circus-Royal-Sprecher Reto Hütter. «Die Leute haben kein Problem damit. Oft zahlen sie für eine bessere Kategorie sogar freiwillig drauf. Sie freuen sich auch über den Rabatt.» Der Überschuss ist einkalkuliert. «Mit unseren Gratis-Plätzen und der Menge an Freikarten geht das gut auf», sagt Hütter.

Olten gehört im Tourneeplan des Circus Royal zu den grösseren Standorten. Damit erklärt Hütter auch die überdimensional anmutende Menge an Freikarten. Der Auftritt in Olten wurde relativ kurzfristig in die Tour integriert. «Als wir hörten, dass der Circus Knie in diesem Jahr nicht in Olten spielt, haben wir entschieden einzuspringen», sagt Hütter. Für das neue Zelt des Nationalzirkus› Knie war schlicht kein Platz mehr auf der Schützenmatte, weshalb die Verantwortlichen auf einen Auftritt in Olten verzichteten.

Wo bleiben Löwen und Tiger?

In den letzten Jahren waren Löwen und Tiger die Hauptattraktion des Circus Royal. 2018 muss die Show ohne Raubtiere auskommen. Dass es in diesem Jahr keine gefährlichen Katzen in der Mange zu bewundern gibt, liegt daran, dass die neue Raubtiernummer des Circus Krone noch nicht fertig war. Diese hätte der Circus Royal gerne engagiert. Seit seiner Gründung vor 55 Jahren setzt der «Royal» in Sachen Raubtiernummer auf Know-how und Infrastruktur anderer. Martin Lacey vom Zirkus Krone beispielsweise hat für den Circus Royal schon so machen Raubtiershow auf die Beine gestellt. Royal-Zirkusdirektor Oliver Skreinig hofft aber, dem Schweizer Publikum im nächsten Jahr wieder eine der beliebten Nummern zu präsentieren.

Dem Willen zahlreicher Aktivisten, endlich auf Tiernummern zu verzichten, wird der Circus Royal nicht nachkommen. Skreinig will in Zukunft wieder auf den klassischen Zirkus setzen. Auch an einer Elefantennummer wird hinter den Kulissen gebastelt. «Die Zeiten der unnatürlichen Dressur sind längst vorbei. Tiere, die in Schweizer Zirkussen leben, leiden nicht, sagt Skreinig. «Es gibt wohl keine Tiere, die weniger oft kontrolliert werden als Zirkustiere», sagt Hütter. An jedem Standort kommt jemand vom zuständigen Veterinäramt vorbei und überprüft die Haltung und die Gesundheit.

Der Schweizer Tierschutz stellt dem Circus Royal in puncto Tierhaltung ein «akzeptables bis gutes» Zeugnis aus. Trotzdem wollen Tierschützer Skeiring und seinen Tiernummern an den Kragen. Anfang März deponierte die Stiftung Tier im Recht (TIR) gemeinsam mit den Tierschutzorganisationen ProTier und Vier Pfoten eine von 70'676 Personen unterzeichnete Petition dem Bundesrat. Sie verlangt ein Verbot für Wildtiere in Schweizer Manegen. In der Vergangenheit wurden fünf ähnliche Vorstösse abgelehnt. Auch die Anzeige der (TIR) gegen die Löwennummer 2016 wurde abgewiesen. Eine erneute Anzeige gegen die Tigernummer ist hängig.

Die Tournee 2018 – unter dem Motto Emotionen – wird zeigen, ob sich der Circus Royal auch ohne Raubtiere über gut gefüllte Zelte freuen darf. Statt Raubkatzen sollen spektakuläre Artisten die Besucher anlocken. «Wir haben wirklich ein super Programm. Vielfältig und äusserst unterhaltsam. Da ist für jeden was dabei», sagt Hütter. Nicht zu vergessen: die unzähligen Freikarten.

Programm: Armando Liazeed (Handstand), Robert Stipka jr. (Kamel-Dompteur), Christina de Silva (Luftring), Alan Rossi (Clown), Bilal (menschliche Pyramiden), Brandon Popov (Jonglage), Familie Igen (Dressur: Hunde und Ziegen), Rachel Jemima (Luftkunst), die Limbo Boys und das ukrainische Showballett.

Schützenmatte Olten: Heute Freitag und morgen Samstag: je 15 und 20 Uhr, Sonntag: 11 und 15 Uhr.