Spätabends nahm sich gestern das Heute-Journal des Zweiten Deutschen Fernsehens der Schweiz an. «Einen Blick in den Seelenzustand der Schweizer», kündigte Moderator Claus Kleber an – und gab gleich den Ton für den folgenden Beitrag vor: Als Refugium von Steuersündern und Hort von Hunderten Millionen von Schwarzgeld stehe die Schweiz aktuell in den Schlagzeilen. «Moralisch problematisch, aber sehr attraktiv für deutsche Finanzämter», sagte Cleber. Und brachte gleich noch die korrupte Fifa und Sepp Blatter ins Spiel. Sein Fazit: «Alles nicht erfreulich, die stolzen Schweizer sehen sich als Schurkenstaat behandelt. Das belastet ihr Selbstbewusstsein.»

«Nation gewordene Nettigkeit»

Mit Jodlern, geschmückten Kühen und einem Käser begann der Beitrag von Christian von Rechenberg. «So sieht sich die Schweiz am liebsten: Nation gewordene Nettigkeit», tönte es aus dem Off. Die Schweiz wolle etwas besonderes sein, sagt von Rechenberg. Durch die Korruptionsvorwürfe an die Fifa und die Steueraffären ändere sich das Selbstbild jedoch, die Schweiz stehe als Schurkenstaat am Pranger.

Hauptzeuge des deutschen Fernsehens ist der Oltner Schriftsteller und SP-Politiker Alex Capus. Er erklärt dem deutschen Sender die teils heftigen Reaktionen der Schweizer. Eigentlich, so Capus, würden die Schweizer sanfte Töne mögen. «Das liegt daran, dass wir diplomatisch immer Samthandschuhe tragen.» Laute Töne seien ganz ungewohnt.

Dass einige Schweizer nun aber lautere Töne ergreifen, erklärte Capus mit der «Empörung des Ertappten». Die meisten Schweizer wüssten eigentlich, dass es nicht in Ordnung sei, «wenn man Steuern hinterzieht und dazu Beihilfe leistet.» Und die Schweiz müsse sich daran gewöhnen, eine ganz gewöhnliche Nation im vereinten Europa zu sein. «Geburtswehen einer neuen Gesellschaft, die Stellung beziehen muss und doch lieber in Deckung bleibt», so das Fazit von Journalist Christian von Rechenberg.

Schweizer wollen ruhig nur in die Ferien

Und dann, als Capus fertig geredet hatte, zitierte der Speaker des ZDF-Beitrages noch weitere brisante Aussagen des Oltner Schriftstellers: «Im Grunde, so Capus zum Schluss, ist dem Durschnittsschweizer das Bankgeheimnis eh egal. Er will sich nur nicht schämen müssen, wenn er diesen Sommer in die Ferien fährt», hiess es. «In spätestens zwanzig Jahren ist die Schweiz Mitglied der EU.»