Schon am Fuss des Schulkomplexes ist die Grossbaustelle greifbar. «Gesamtsanierung», steht in grossen Buchstaben auf einer Blache. Eine drei Meter hohe Holzwand verriegelt den Zugang zum Treppen-Labyrinth, das um die beiden Beton-Türme herumführt und den Bau einzigartig macht: Kleiner und grosser Trakt stehen wie zwei Brüder da.

Der Bretterverschlag leitet die Schüler unter dem Gerüst hindurch zum Haupteingang, den die Dunkelheit verschluckt. Wo früher ein roter Sportplatz war, stehen auf zwei Etagen schwarze Schulcontainer. Mit diesen Extra-Klassenzimmern kompensiert die Schule jene Unterrichtsräume, die während der Bauphase nicht verfügbar sind. Bald stehen die Sommerferien an, die Schüler aus dem vierten Maturjahr haben die rauschende Schlussparty vor dem letzten Schultag bereits hinter sich und legen dieser Tage die letzten Prüfungen ab.

Wie ein roter Leuchtturm steht der Baukran im Herz der Schule und ragt 80 Meter in die Höhe. Er hat den Lichthof eingenommen und wird seine Festung auch noch ein paar Jahre verteidigen. Bevor die Baustelle da war, hellte der zentrale Platz die Gänge des Betonkomplexes auf. Jetzt wirft der Kran seine Schatten auf die Oltner Kantonsschule, als wolle er damit sein Revier markieren. Die Schülerinnen und Schüler, welche das Gymi 2016 erstmals betraten, werden ihre gesamte Kantizeit auf der Baustelle verbringen und diese dann als Maturanden verlassen.

«Ich finde es schade, dass wir zwar auf der Baustelle in die Schule müssen, dann aber gar nichts vom Neubau haben», sagt Mirjam. «Uns stört vor allem der Lärm und dass viele Teile des Aussenbereichs abgesperrt sind», ergänzt ihre Klassenkameradin Léonie. Die beiden gehen seit diesem Schuljahr auf die Kanti und werden voraussichtlich 2021 ihre Matur erhalten.

«Die Baustelle hat keine Vorteile. Sie ist einfach langweilig. Nur, dass am Anfang immer aus Versehen der Feueralarm losging, was mich amüsiert hat», sagt ein weiterer Mitschüler. «Natürlich entsteht nachher etwas Schöneres, aber das bringt uns nichts», fügt sein Kollege an.

Baustelle, wohin das Auge reicht

Noch vor einem Jahr sagte Kanti-Rektorin Sybille Wyss: «Die Trennung von Bau- und Schulbetrieb hat problemlos geklappt. Ich merkte oft gar nicht, dass wir eine Baustelle haben.» Heute kann man der Baustelle nur entgehen, wenn man die Augen verschliesst. Ein in schwarze Schutzhülle gekleidetes Gerüst umgibt den grossen Schultrakt.

Der kleinere Turm ist aussenherum fertig saniert. Stück für Stück zerlegte der Baukran die Betonelemente in den letzten zwei Jahren zu Puzzleteilen. Nachdem die Elemente aufgefrischt und die neuen Fenster eingesetzt waren, gaben die Bauarbeiter dem Betonkomplex seine ursprüngliche Form. Koloss bleibt Koloss: Das schützenswerte Bauwerk von anno 1974 wird auch nach der Sanierung als Betonkomplex aus dem Hardwald ragen und über der Stadt thronen. Im Innern wird das Schulhaus nicht wiederzuerkennen sein. Gleiches gilt für die Energiebilanz des Gebäudes, das Kantonsrat Georg Nussbaumer einmal als «schlimmste Energieschleuder im Kanton» bezeichnete.

Das verrückte Labyrinth

Momentan finden sich vielerorts mehr oder weniger kryptische Botschaften. «Zugang grosser Trakt über Turnhallen», steht auf einem Blatt Papier hinter dem Haupteingang. Ein Gitter versperrt den Weg über die Haupttreppe. Weiter ist hier geschrieben: «Der Zugang zu den Vereinskasten im langen Heizungskorridor geht durch die linke Metalltüre und dann rechts durch die Öffnung in der Staubwand zum Korridor mit den gelben Vereinskasten.»

Schon vor zehn Jahren war es nicht einfach, sich in den unzähligen Winkeln der Kantonsschule zu orientieren. Doch heute mögen sich einige beim Gang durch die Gänge wie eine Figur im Gesellschaftsspiel «Das verrückte Labyrinth» fühlen. «Wir Schüler verirren uns zwar nicht, aber umgewöhnen müssen wir uns schon andauernd, wenn ein Routineweg plötzlich nicht mehr offen ist oder der Unterricht in einem anderen Klassenzimmer stattfindet», sagt Moritz, ein weiterer Kanti-Schüler, der soeben aus dem provisorischen Haupteingang spaziert ist.

Sportunterricht muss zügeln

Drinnen steckt Turnlehrer Andy Schmid seinen kantigen Kopf aus der Türe des Lehrerzimmers und späht in den Gang. Er schaut nicht besonders glücklich drein, als er hastig in den Gang tritt. «Die Baustelle engt uns extrem ein. Um Fussball zu spielen, müssen die Schüler im Sommer ins Leichtathletikstadion am anderen Ende der Stadt», sagt Schmid, ehe er mit dem Lift in die Tiefgarage fährt. Auch der Grabsteincup als legendäres Fussball-Turnier zwischen den Profilen findet dieses Jahr im Kleinholz statt.

Es ist 17.10 Uhr. Die Schulglocke hallt in derselben Tonkombination wie vor zwanzig Jahren. Haufenweise Maturanden strömen aus dem düsteren Betonkomplex. Die Bauarbeiter haben schon Feierabend. Jetzt verlassen auch die Schüler die Baustelle, die als Schule ja eigentlich der Baustein ihrer Zukunft ist. Erste Kanti-Schüler donnern bereits auf ihren Velos über die Schwellen der Hardfeldstrasse hinunter Richtung Stadt. Sie werden in ein paar Jahren sagen können: Wir haben die Matura auf dem Bau gemacht.