Olten
Böses Buch in einer bösen Zeit: Mit «Der Abgang» will Stefan Frey die Leser aufrütteln

Stefan Frey hat mit «Der Abgang» seinen zweiten Roman publiziert. Der Oltner skizziert darin das Szenario, dass eine Partei die absolute Mehrheit innehat – obwohl der Leser damit die SVP assoziiert, wird die Partei nie namentlich genannt.

Trudi Stadelmann
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Stefan Frey sagt über sein Schreiben: «Wenn ich ein Buch beendet habe, bin ich physisch erschöpft. Aber auch befriedigt.»

Stefan Frey sagt über sein Schreiben: «Wenn ich ein Buch beendet habe, bin ich physisch erschöpft. Aber auch befriedigt.»

Hanspeter Bärtschi

Was passiert, wenn jetzt nichts passiert? Dieser Frage geht der Oltner Autor Stefan Frey in seinem Buch «Der Abgang» nach. Er malt sich darin ein Schreckensszenario aus, das böser nicht sein könnte. Es ist eine Groteske geworden, die in der nahen Zukunft spielt. In der Schweiz hat eine populistische Partei die absolute Mehrheit erhalten, ganz legitim. Die Schweiz wird Europameister im Fussball. Und ER stirbt.

Da ist es ganz praktisch, dass noch die Grossleinwände vom Public Viewing stehen. So kann denn auch die Beerdigung schweizweit übertragen werden, wobei Anwesenheitspflicht herrscht. «Personen und Ereignisse in diesem Buch sind frei erfunden.»

So heisst es am Schluss des Buches. Der Leser braucht aber nicht viel Fantasie, um zu erkennen, um wen es sich bei «ER» handelt, oder wer mit der Bundespräsidentin «Mortadello» gemeint sein könnte: SVP-Chefdenker Christoph Blocher sowie seine Tochter und Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher. Die Namen werden im Roman allerdings nie genannt wie auch die Partei nie SVP, sondern immer nur «die Partei» heisst.

Zur Person

Der Autor Stefan Frey ist 64 Jahre alt und lebt in Olten. Ursprünglich hatte er eine KV-Lehre absolviert, arbeitete danach als Journalist, war für die Grünen im Oltner Gemeindeparlament und im Kantonsrat und landete schliesslich beim WWF, wo er bis zum Kommunikationschef und Geschäftsleitungsmitglied des WWF Schweiz aufstieg. Ab 1987 setzte er mehrere WWF-Projekte in Madagaskar um und lernte dort seine heutige Frau kennen. Vor rund 15 Jahren entstand die Idee, das Elektrifizierungsprojekt Mad’ Eole ins Leben zu rufen, das er bis 2012 selbst vor Ort betreut hatte. Noch bis Ende November arbeitet Frey als Mediensprecher für die Schweizerische Flüchtlingshilfe und willl sich danach wieder vermehrt dem Schreiben und seinen Projekten in Madagaskar widmen. Von seinem ersten Roman «Die Befreiung» wird demnächst die Printausgabe erscheinen (bisher nur als
E-Book erhältlich). Noch verfügbar im Oltner Knapp-Verlag sind zudem seine Beobachtungen aus seiner zweiten Heimat Madagaskar unter dem Titel «Blätter aus dem Tropenwald». (otr)

Stefan Frey sagt im persönlichen Gespräch, dass es keine spontane Idee gewesen sei, das Buch zu schreiben. Die Themen und Probleme der Konsumgesellschaft begleiten ihn seit Jahrzehnten. Die Gedanken der Solidarität und Empathie seien bei vielen schon lange abhandengekommen. Bei vielen, aber nicht bei allen. Dies zeigt er auch im Buch. Während er im ersten Teil gnadenlos aufzeigt, was passiert, wenn eben jetzt nichts passiert, beschreibt er im zweiten Teil eine Runde von Leuten im Tessin, die nicht aufgegeben hat. Diesen Teil versteht er als Antithese zur bitterbösen Satire: Es gibt Rückzugsgebiete, Solidarität, Mitgefühl und Hoffnung.

Auch Frey hat die Hoffnung nicht aufgegeben. Mit seinem Buch will er die Leser aufrütteln. Und er macht das sehr gekonnt. Er benutzt Klischees, die feiner nicht sein könnten, setzt diese aber so gekonnt ein, dass sie einem nie langweilig sind. Und er setzt sie so ein, dass man oft lauthals lachen muss. Dieses Lachen bleibt einem aber auch oft im Hals stecken. Frey empfindet aber nicht «die Partei» als Bedrohung. Es geht ihm viel mehr um die Mechanismen und Muster, die sich immer wiederholen und kopiert werden. Es geht ihm um die Handlanger, die diesen Bewegungen zum Erfolg verhelfen.

Nur die FDP nennt er beim Namen

Frey meint, er sei nicht der erste, der gewarnt habe. Der italienische Filmemacher Pier Paolo Pasolini habe das schon getan oder auch sein Landsmann, der Schriftsteller Umberto Eco, dessen politische Schärfe aber immer unterschätzt worden sei. Er wiederholt, dass «die Partei» als politische Grösse eigentlich unerheblich sei, denn sie sei austauschbar. Wichtig seien die Wasserträger. Deshalb nennt er auch die FDP als einzige Partei beim Namen. Diese habe einen grossen Bedarf sich der eigenen Geschichte bewusst zu werden. Und diese sei drauf und dran, Handlanger einer Bewegung zu werden, deren Ende nicht abschätzbar ist. Dies wolle er mit seinem Buch aufzeigen.

Verfremdung als Stilmittel

Die heutige Konsumgesellschaft benehme sich wie ein Drogensüchtiger, der alles tue, was der Dealer von ihm verlange, um an die Droge zu kommen. Und die Dealer seien eben die Politiker, die mit Illusionen handeln – mit Illusionen der Freiheit. Frey ist sich aber auch bewusst, dass die Schweiz den Lauf der Dinge nicht allein stoppen könne. Aber man müsse sich bewusst werden über die Abläufe und die Abhängigkeiten. Frey ist es gelungen, ein Bild aufzuzeichnen, das düsterer nicht sein könnte, aber auch ein Bild, an dessen Horizont sich ein Schimmer zeigt. Er wolle weder Kassandra noch Hiob sein, aber seine Beobachtungen als Entwicklungshelfer und als Mediensprecher bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe konnte er nur mithilfe der Verfremdung verarbeiten. Nun sei er gespannt, was für Wellen der Stein, den er in den Teich geworfen habe, nach sich ziehe.

Auf das Schreiben an sich angesprochen, sagt Frey: «Schreiben ist gefährlich, man muss fertigmachen.» Der Plot für den nächsten Roman stehe schon, die Recherchen seien gemacht. Aber: «Ich habe Angst vor dem Schreiben, die nötige Disziplin frisst mir Teile meines Lebens weg.» Aber auch: «Wenn ich ein Buch beendet habe, bin ich physisch erschöpft. Aber auch befriedigt.» Man spürt vor allem die Befriedigung beim Lesen vom «Der Abgang». Dieses Buch ist Dynamit, Prädikat «lesenswert».

Stefan Frey: Der Abgang. Bericht aus einer nahen Zeit, Verlag Twentysix 2017, 308 Seiten. Vorrätig in den beiden Oltner Buchhandlungen Schreiber und Klosterplatz.

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