Olten
Bilanz zur verkehrsfreien Innenstadt: Kirchgasse sorgt beim Gewerbe für gemischte Gefühle

Hat das Verkehrsregime von 2013, als die Kirchgasse vom motorisierten Individualverkehr befreit wurde, negativen Einfluss auf das Gewerbe der Oltner Innenstadt? Eine Umfrage bei den Direktbetroffenen liefert Antworten.

Yann Schlegel
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Das 2013 eingeführte Verkehrsregime hat für die Mehrzahl der Innenstadt-Gewerbebetreiber keinen direkten Einfluss auf das Geschäft.

Das 2013 eingeführte Verkehrsregime hat für die Mehrzahl der Innenstadt-Gewerbebetreiber keinen direkten Einfluss auf das Geschäft.

AZ

2012 war sie noch Fiktion. Die verkehrsbefreite Kirchgasse, wie sie die Visualisierung von damals zeigt: Ein mit Passanten und einzelnen Fahrradfahrern bevölkerter Platz, die Sommersonne brennt auf den frischen Belag. Obwohl das einschneidende Verkehrsregime nicht unbestritten war und es gleich mehrere Hürden passieren musste (siehe Chronik), ist die verkehrsbefreite Oltner Innenstadt nun seit bald fünf Jahren Realität. Wie hat sich das Gewerbe mit dem neuen Verkehrsregime zurechtgefunden?

«Es hat einfach zu viele Gastrobetriebe», sagte der kurz vor dem Ruhestand stehende Café Grogg-Pächter Markus Jans neulich. Äusserungen wie diese, und der von der Stadtregierung aufs Tapet gebrachte Mobilitätsplan, heizen die Diskussion über den wirtschaftlichen Zustand der Innenstadt erneut an.

Vereinfacht gesagt, soll durch den neuen Mobilitätsplan mit Zeithorizont 2030 der motorisierte Individualverkehr eingedämmt, der öffentliche Verkehr und der Langsamverkehr ausgebaut werden. Zum Opfer fallen könnten dadurch weitere Parkplätze. Wie schon 2012, als die Debatte um die heute verkehrsbefreite Kirchgasse lief, erzeugten diese Aussichten bei den bürgerlichen Parteien Sorgenfalten. CVP, FDP und SVP sehen dadurch die Zukunft des lokalen Gewerbes gefährdet.

Das sagen die langjährigen Gewerbebetreiber der Oltner Innenstadt Alain Bernheim, Bernheim Mode: «Die verkehrsfreie Kirchgasse ist positiv. Wird die Mobilität aber weiter eingeschränkt, hat das negative Folgen. Damals sagte ich Ja zur verkehrsfreien Innenstadt, wenn am Munzingerplatz ein Parkhaus gebaut würde.»
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Urs Bütler, Buchhandlung Schreiber: «Die neu gestaltete Kirchgasse und die dadurch möglichen Aussenaktivitäten bringen uns grössere Kundenfrequenzen. Wir konnten umsatzmässig zulegen. Es ist schade, dass viele Oltner Läden über Mittag schliessen.»
Hans Ruedi Kern, Geschäftsführer Coop City: «Dank dem Umbau erzielten wir in den letzten Jahren zufriedenstellende Umsätze, konnten uns im Nonfood-Bereich steigern. Für bessere Transparenz und einfachere Zugänglichkeit braucht es ein Parkleitsystem.»
Roger Lang, Rathskeller- und Kreuz-Wirt «Problematisch: die Tempo-20-Zone und zu hohe Parkgebühren. In die Altstadt sollte mehr Geld investiert werden, damit sie eine Falle macht. Anlässe auf der Kirchgasse bringen wohl Leute, aber dem Gewerbe nichts.»
Christian Meyer, Buchhandlung Klosterplatz: «Die verkehrsfreie Innenstadt haben wir befürwortet. Aber wenn uns auch noch der Klosterplatz genommen würde, wäre dies fatal. Durch den Wegzug der Jugendbibliothek haben wir viel Laufkundschaft verloren.»
Thong VO, Apotheke zum Kreuz: «Gesamthaft haben wir nicht weniger Kundschaft. Die Situation in der Altstadt hat sich in den letzten Jahren minim gebessert. Eine gute Lösung im Winkel und ein aufgewerteter Lebensraum an der Aare wären wichtig.»

Das sagen die langjährigen Gewerbebetreiber der Oltner Innenstadt Alain Bernheim, Bernheim Mode: «Die verkehrsfreie Kirchgasse ist positiv. Wird die Mobilität aber weiter eingeschränkt, hat das negative Folgen. Damals sagte ich Ja zur verkehrsfreien Innenstadt, wenn am Munzingerplatz ein Parkhaus gebaut würde.»

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Gewerbe hält sich ansprechend

Doch wie sieht die Gemütslage bei den Direktbetroffenen aus? In einer von dieser Zeitung durchgeführten Umfrage gaben 17 von 35 angefragten Gewerbebetreibern ihren wirtschaftlichen Zustand preis und äusserten sich über die Lage der Oltner Innenstadt. Wie die Erhebung zeigt, befürwortete damals eine deutliche Mehrheit, dass die Kirchgasse zur Fussgängerzone umgestaltet würde. Und dies ist auch fünf Jahre später unbestritten.

Zu den offenkundigen Gegnern der 2012 behandelten Vorlage gehört bis heute Roger Lang. Wobei sich der «Rathskeller»- und «Kreuz»-Wirt insbesondere über die Tempo-20-Zone und die Parkplatzgebühren kritisch äussert. Dass sich die Parkplatzsituation nicht verschlechtern dürfe, darin sind sich die Gewerbler einig: Sie fordern ein Parkleitsystem, zudem seien die Parkplätze auf dem Klosterplatz für die Anbindung essenziell.

Die anhaltend hohe Ladenfluktuation in der Oltner Innenstadt mag den Eindruck erwecken, dem Gewerbe ginge es wirtschaftlich schlecht. Dem ist, zumindest gemäss der Angaben der etablierten Laden- und Gastrobetreiber, nicht so. Bloss ein Geschäft gab an, im Vergleich zur Zeit vor der verkehrsbefreiten Innenstadt, Umsatzeinbussen zu verzeichnen.

Die Mehrzahl der Betriebe konnte das Umsatz-Niveau in etwa halten, einige Läden und Restaurants legten gar leicht zu. Doch viele Gewerbebetreibende haben mit dem Strukturwandel zu kämpfen. Onlineeinkauf oder zunehmender Einkaufstourismus gehören zu den genannten Faktoren, welche die Verkaufsbranche unter Druck setzen. Das neue Verkehrsregime spiele dabei eine untergeordnete Rolle.

Ob sich die Altstadtlokale im Vergleich zu jenen an der Kirchgasse seit 2013 nachteilig entwickelten, lässt sich anhand der Erhebung nicht festmachen. «In den vergangenen Jahren büsste die Altstadt klar an Attraktivität ein», sagt jedoch Christian Meyer. Ob dies unter anderem auf Kosten der verkehrsbefreiten Kirchgasse geschah, lässt er offen. Doch um sein Statement visuell zu untermauern, öffnet er an diesem relativ milden Januarnachmittag kurzerhand die Tür seiner Buchhandlung und tritt im Poloshirt auf die Hauptgasse hinaus.

Zunächst realisiert Christian Meyer, dass das Altstadtbild, welches sich ihm bietet, doch gar nicht so armselig ist. Dann kommentiert er kurz, was ihm an der aktuellen Situation missfällt; grüsst dabei im Minutentakt Bekannte. Er seufzt tief: «Wenn nun auch noch «Bernheim» aus der Altstadt wegzieht...»

Chronologie zur Kirchgasse

- Im März 2010 reicht die Junge SP Region Olten eine Initiative ein. Sie fordert, dass die Oltner Innenstadt vom motorisierten Individualverkehr befreit wird.

- Knapp einen Monat vor der Volksabstimmung zur verkehrsfreien Innenstadt legt der Stadtrat seine Strategie für die Innenstadtentwicklung vor. Sie sieht eine Fussgängerzone auf der Kirchgasse, der Baslerstrasse und dem Klosterplatz vor.

- Der von der JSP geforderte Perimeter geht den Oltnerinnen und Oltnern zu weit. Am 13. Februar 2011 lehnen die Oltner Stimmberechtigten die Vorlage mit 60,1 Prozent ab.

- Ein Jahr später präsentiert der Stadtrat den ersten Baustein: Er will die Kirchgasse (Ost-West) und Mühlegasse/innere Baslerstrasse (Nord-Süd) für den motorisierten Individualverkehr sperren.

- Ende März 2012 stimmt das Gemeindeparlament der Stadtratsvorlage überaus deutlich zu. Das Ja ist an Bedingungen geknüpft: Weitere Parkplätze in der Innenstadt dürfen erst aufgehoben werden, wenn zuvor ein Realersatz erstellt ist.

- «Altstadtbewohner wehren sich», titelt diese Zeitung am 25. April 2012: Am 3. Mai kommt das Referendum gegen den Entscheid des Parlaments mit 583 gültigen Unterschriften zustande.

- Somit muss die Vorlage mit einem Kreditrahmen von rund 3,1 Millionen Franken vors Volk. Am 17. Juni entscheiden bloss 135 Stimmen mehr zugunsten einer verkehrsbefreiten Innenstadt. Dies bei einer Stimmbeteiligung von über 50 Prozent.

- Am 6. November 2012 beginnen die Arbeiten «am offenen Herzen»: Trotz Umbaumassnahmen müssen die anliegenden Liegenschaften zugänglich sein.

- Pünktlich zum Schulfest vom 28. Juni 2013 ist der Kern der Innenstadt verkehrsbefreit. Die Eröffnungsfeier dauert mehrere Tage.

- Ende August 2013: Der Oltner Stadtrat reagiert auf die Kritik zum Verkehrsregime in der Innenstadt: Die Begegnungszone (Tempo 20) wird verkleinert, die bereits bestehende Tempo-30-Zone vergrössert.

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