Wegen Olten ist Peter Bichsel nicht zum Schriftsteller geworden. Aber vielleicht wegen der Begegnungen, die ihm hier widerfahren sind. So zum Beispiel jene mit Lehrer Kurt Hasler: «Er war der einzige in meiner ganzen Schulkarriere, der meine Aufsätze gut fand. Und ich habe ihm geglaubt.» Über diese und andere Erinnerungen an seine Zeit in Olten sprach Bichsel vergangenen Samstagmorgen mit Verleger Thomas Knapp.

Zum öffentlichen Gespräch in der Friedenskirche hatte der Verein Region Olten Tourismus anlässlich der Erweiterung des Schweizer Schriftstellerwegs geladen. In seiner Begrüssung betonte Präsident Deny Sonderegger, es sei im Wesentlichen Thomas Knapp als Projektbegleiter zu verdanken, dass Peter Bichsel für den Schriftstellerweg gewonnen werden konnte.

Was haben Sie für einen Bezug zu Olten, Herr Bichsel?

Was haben Sie für einen Bezug zu Olten, Herr Bichsel?

Der Schriftsteller Peter Bichsel im Videointerview.

Auch Stadtpräsident Martin Wey zeigte sich in seiner Anrede erfreut über die Zusage des Autors. Denn Leseförderung geschehe heute nicht nur über Bibliotheken, sondern auch durch andere Angebote wie etwa den Schriftstellerweg. Dieser erschliesse einem breiten Publikum den Zugang zur Literatur.

Gut geeignet

Für einen Einstieg in die Welt des Lesens eignen sich Bichsels Texte durchaus: wegen ihrer Kürze, der prägnanten Sprache, aber auch wegen ihrer gewitzten Pointen. So ist seine Kurzgeschichte «Ein Tisch ist ein Tisch» etlichen Schülergenerationen im Unterricht begegnet. Anderen Lesern ist Bichsel wegen der unzähligen Kolumnen bekannt, die im Lauf der vergangenen Jahrzehnte – unter anderem in der Schweizer Illustrierten – erschienen sind.

Einfach stimmig

Im Gespräch mit Knapp gab der 84-jährige Bichsel eine Kostprobe seines Erzähltalents. Jede seiner Antworten erwies sich als eine eigene, in sich geschlossene Geschichte: mit Einleitung, Höhepunkt und Schluss. Befragt wurde der Schriftsteller vor allem zu seiner Kindheit in Olten. Nicht unweit der Friedenskirche – um die Ecke am Pfarrweg 9 – hat Bichsel zehn Jahre lang gewohnt. 1941 ist er mit seinen Eltern von Luzern in die Dreitannenstadt gezogen.

Vom Umzug war der damals Sechsjährige zunächst nicht begeistert. Aber dann fand er in Olten neue Freunde, war bei den Pfadfindern und ging in die Blaukreuzjugend. Gute Erinnerungen hat Bichsel an seine erste Lehrerin am Bifangschulhaus, Fräulein Brotschi: «Sie war sehr hübsch und so freundlich.» 

So freundlich, wie es die Empfangsdame beim Arzt zu sein pflegte, weshalb Bichsel sie ebenfalls für so etwas wie eine Empfangsdame hielt und wochenlang auf die richtige Lehrerin wartete – die aber nie kam, worüber er schliesslich ganz froh war.

Geprägt hat den jungen Bichsel auch der Oltner Wald. Hier seien er und seine Freunde unter sich gewesen und hätten das Erwachsensein geprobt. Abgesehen vom Wald sei der einzige Ort, an dem sie sich erwachsen gefühlt hätten, die Badi gewesen – «weil wir hier gleich angezogen waren wie Erwachsenen».

Bichsel und Co.

Wer die Veranstaltung letzten Samstag in der Friedenskirche verpasst hat, kann Bichsels Oltner Geschichten ab sofort an vier Hörstationen auf der rechten Aareseite nachhören. Der Schriftstellerweg wurde ausserdem um zwei weitere Autoren ergänzt, die am Eröffnungsanlass ebenfalls zugegen waren. So ist bei der Jugendbibliothek die eigens für diesen Standort verfasste Kurzgeschichte von Lorenz Pauli zu hören – in Berner Mundart.

Pauli ist vor allem für seine an Kinder gerichteten Erzählungen bekannt. Für sein Bilderbuch «Rigo und Rosa« erhielt er 2017 zusammen mit Illustratorin Kathrin Schärer den Schweizer Kinder- und Jugendmedienpreis. Bei der Stadtbibliothek ist neu Tanja Kummer vertreten. Von der gebürtigen Thurgauerin sind bereits mehrere Bücher mit Erzählungen und, als jüngstes Werk, der Kinderroman «Cat Cat» erschienen.

Wie Knapp gegen Ende der Veranstaltung treffend kommentierte: Wenn es in Olten schon keinen neuen Lesestoff gibt – wegen des budgetlosen Zustandes dürfen die städtischen Bibliotheken momentan keine neuen Bücher anschaffen – so sorgt wenigstens der Schriftstellerweg für neue Geschichten.