Amtsgericht Olten-Gösgen

Beinahe-Kollision nach kühnem Überholmanöver: Lieferten sich zwei Lenker in Hägendorf ein Rennen?

Der Vorfall ereignete sich auf der Gäustrasse (im Bild) in Fahrtrichtung Kappel.

Der Vorfall ereignete sich auf der Gäustrasse (im Bild) in Fahrtrichtung Kappel.

Zwei Autolenker mussten sich vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen verantworten, weil sie im Jahr 2013 bei einem Überholmanöver eine heftige Kollision riskiert hatten. Aufgrund der langen Verfahrensdauer konnten sich die beiden Beschuldigten kaum mehr an Details erinnern.

Am Dienstag verhandelte das Amtsgericht Olten-Gösgen den Fall eines riskanten Überholmanövers, bei dem es beinahe zu einer heftigen Kollision gekommen wäre. Der Vorfall liegt bereits einige Jahre zurück.

Am Samstagabend des 31. Augusts 2013 fuhren die beiden Beschuldigten, Edin M.* und Alvaro B.*, in ihren jeweiligen Fahrzeugen von Rickenbach herkommend hintereinander durch den Kreisel Solothurnerstrasse/Gäustrasse und bogen in die Gäustrasse ein.

Sie fuhren Richtung Kappel weiter, wobei sie etwa ab der Höhe der Kreuzung Gäustrasse/Industriestrasse West ihre Fahrzeuge beschleunigten. Im Bereich der Bahnunterführung kam es dann zum besagten Überholmanöver, bei dem Alvaro B. in seinem VW Golf versuchte, an dem von Edin M. gelenkten Audi A4 vorbeizukommen.

Nach der Unterführung erblickte Alvaro B. ein vor ihm fahrendes Fahrzeug, das beabsichtigte, links in die Bodenmattstrasse abzubiegen. Alvaro B. leitete sogleich eine Vollbremsung ein. Zur Kollision kam es vor allem deshalb nicht, weil die Lenkerin des vorderen Fahrzeuges ihr Abbiegemanöver abbrach und nach rechts auf die Bushaltestelle auswich.

Während Passanten sich um die unter Schock stehende Lenkerin kümmerten und die Polizei benachrichtigten, setzen die beiden Beschuldigten ihre Fahrt fort. Die Polizei konnte sie noch am selben Abend ausfindig machen.

War es ein Rennen?

An der Hauptverhandlung am Dienstag, die von Amtsgerichtspräsidentin Barbara Hunkeler geleitet wurde, ging es unter anderem um die Frage, ob sich die beiden Beschuldigten damals ein Rennen geliefert hatten.

Staatsanwalt Claudio Ravicini vertrat diesbezüglich die Ansicht, ein Rennen könne sich spontan aus einer Situation heraus ergeben und benötige keine vorgängige Absprache zwischen den Teilnehmern. Allein das beobachtbare Verhalten – im vorliegenden Fall also das Nebeneinanderfahren in erhöhter Geschwindigkeit – genüge, um von einem Rennen zu sprechen.

Ganz anders sah dies der Verteidiger von Alvaro B.: Selbst wenn ein Rennen spontan entstünde, so müsse doch bei den Teilnehmern subjektiv der Wunsch bestehen, ein solches Rennen veranstalten zu wollen. Dieser Wunsch sei aber bei keinem der beiden Beschuldigten vorhanden gewesen.

Fehlende Nachweise

Das Ziel von Alvaro B. habe lediglich darin bestanden, den vor ihm fahrenden Edin M. zu überholen. Von einem «eigentlichen Rennen im Sinne eines Kräftemessens», wie die Anklageschrift formuliert, könne nicht die Rede sein.

Auch der Verteidiger von Edin M. betonte in seinem Plädoyer, es gäbe keinerlei Hinweise dafür, dass im Vorfeld irgendwelche Absprachen stattgefunden hätten. Ausserdem lasse sich das Überschreiten der gesetzlichen Höchstgeschwindigkeit nur für Alvaro B., nicht aber für Edin M. zweifelsfrei nachweisen.

Da Edin M. weder stark beschleunigt noch Vollgas gegeben habe, könne ihm auch nicht vorgeworfen werden, das Überholen von Alvaro B. verhindert zu haben. Folglich, so sein Antrag, sei sein Klient vollumfänglich von allen Anklagepunkten freizusprechen.

Kein Raserdelikt

Die Staatsanwaltschaft ihrerseits wirft beiden Beschuldigten eine qualifizierte grobe Verletzung der Verkehrsregeln gemäss Strassenverkehrsgesetz, Art. 90 Abs. 3, vor. Damit liegt kein Raserdelikt im Sinn von Art 90 Abs. 4 vor.

Für Alvaro B. beantragt sie eine Strafe in Form eines bedingten Freiheitsentzugs für die Dauer von 24 Monaten mit einer Probezeit von 3 Jahren.

Für Edin M. wird ein etwas milderes Strafmass von 20 Monaten bedingt mit einer Probezeit von 3 Jahren beantragt. Das Amtsgericht wird heute Mittwoch über das Urteil befinden, die schriftliche Urteilseröffnung wird für Freitag erwartet.

Lange Verfahrensdauer

Die lange Verfahrensdauer wurde von mehreren Seiten bemängelt. Sowohl die beiden Beschuldigten wie auch die Zeugen konnten sich kaum mehr an Details erinnern.

Einzelne ihrer Aussagen stimmten deshalb nicht immer überein mit jenen Aussagen, die sie Jahre zuvor im Rahmen der polizeilichen Einvernehmung und der staatsanwaltlichen Untersuchung gemacht hatten.

*Namen sind bekannt.

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