Olten
Beim «Truppenbesuch» wirft er einen etwas anderen Blick auf die Armee

Mike Müller gastierte mit seinem Programm «Truppenbesuch» im Theaterstudio. Für ihn quasi eine Rückkehr zur alten Wirkungsstätte: Müller gehört zu den Gründungsmitgliedern der Oltner Theatergruppe.

Trudi Stadelmann
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Empfangen wurde das Publikum mit Suppe mit Spatz, dann folgte Mike Müllers «Truppenbesuch».

Empfangen wurde das Publikum mit Suppe mit Spatz, dann folgte Mike Müllers «Truppenbesuch».

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Mike Müller gehört zu den Gründungsmitgliedern der Oltner Theatergruppe. Diese feiert heuer ihr 30-Jahr-Jubiläum. Grund genug, dass Müller mit seinem Programm «Truppenbesuch» im Theaterstudio gastiert. Empfangen wurde das Publikum mit Suppe mit Spatz, serviert in der Gamelle, wie es sich für einen Armeeanlass gehört.

Die Bühne wird von einer grossen Leinwand beherrscht. Eingespielt wird zu Beginn der Einmarsch von Rekruten anlässlich eines Besuchstags. Müller betritt in Jeans und hemdsärmelig die Bühne. Dazu rezitiert er einen Oberst im Generalstab «I be felsefescht öberzoge, dass die Armee moderner isch worde, offener». Im waschechten Berner Oberländer Dialekt trägt er dieses Statement vor.

Gespräche in der ganzen Schweiz

Vor wenigen Tagen konnte man das Gerücht lesen, dass Ghostwriter die Pointen von Müller und seinem Partner schreiben würden, was von Giacobbo dementiert wurde. Für den «Truppenbesuch» hat Müller nicht einen einzigen Satz selber geschrieben. Er ist durch die ganze Schweiz gereist und hat mit Mitgliedern der Armee gesprochen, und zwar jeden Grades, vom Rekruten bis zum Oberst.

Aber auch Partnerinnen und bekannte Persönlichkeiten wie Andreas Gross oder Peter Bichsel kommen zu Wort. Deren Aussagen rezitiert Müller, während verschiedene Szenen aus dem Militäralltag eingespielt werden. Dabei zieht er alle Register seines Könnens. Walliser Dialekt ist ihm ebenso geläufig wie das Baslerische. Müller ist nicht mehr Müller, er wird zum Soldaten X oder zum Rekruten Y. Und dass er Bichsel ist, wenn er ihn spielt, ist hinlänglich bekannt.

Unterbrochen von Rückblenden

Unterbrochen werden die aktuellen Einspielungen von Rückblenden in vergangene Zeiten. So werden Ausschnitte aus alten Wochenschauen gezeigt. General Guisan und sein Konzept «Réduit», das heute anachronistisch anmutet. Müller zeigt das Bild einer Armee, die schon bessere Tage gesehen hat.

Besonders schön kommt das zum Vorschein, wenn Szenen aus dem Jahr 1989 zu sehen sind. Die umstrittenen Diamantfeiern, der Mauerfall der nur wenige Tage vor der Abstimmung über die Abschaffung der Armee passierte. Hier kommen die beiden Protagonisten Andreas Gross und Bruno Lezzi, Militärexperte, zu Wort. Gekonnt werden alte Einspielungen aus der Tagesschau vom Abstimmungssonntag, Kommentare von Lezzi über eine grosse Truppenübung und das szenische Spiel von Müller gemischt.

Stottern oder Brustton

Dieser beherrscht sein Metier; mal stotternd und unsicher, dann wieder als Oberst im Brustton der Überzeugung wirft er einen fragenden Blick auf die Armee. Diese bildet eine eigentliche Parallelgesellschaft und ihre Berechtigung wird bis heute immer wieder vehement infrage gestellt und ebenso vehement bejaht. Durch die collagenartige Montage erhält der Abend seinen eigenen Reiz, dem man sich nicht entziehen kann.

Und auch wenn immer wieder lautes Gelächter ertönt, so macht sich der Oltner doch nie lustig über die Armee und er zieht sie auch nie ins Lächerliche. Indem er nur Originalaussagen vorträgt, wirkt der Abend authentisch, wenn auch überspitzt. Und auch wenn es lediglich Momentaufnahmen sind, die Mike Müller zeigt, erhält man ein aktuelles Bild über den Zustand der Armee und der Schweiz.

Kritisch hinterfragend

Seine Annäherung an das stets polarisierende Thema ist zwar kritisch und hinterfragend, aber dennoch nie respektlos. So regt er die Zuschauer und Zuschauerinnen zum Nachdenken an, über ihr Verhältnis zu einer Institution und deren Berechtigung und Rolle in der heutigen Gesellschaft.