Olten
Bea von Malchus präsentierte ein sprühendes Feuerwerk der Fabulierkunst

Die Künstlerin Bea von Malchus gastierte mit ihrem Programm «Wind in den Weiden» im Theaterstudio. Die Queen des szenischen Erzählens zog wieder einmal alle Register ihres Könnens.

Jacqueline Lausch
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Die Erzählqueen Bea von Malchus begeisterte einmal mehr im Theaterstudio Olten.

Die Erzählqueen Bea von Malchus begeisterte einmal mehr im Theaterstudio Olten.

Hansruedi Aeschbacher

Ein sprühendes Feuerwerk der Fabulierkunst entzündete die Ausnahmekünstlerin Bea von Malchus mit ihrem Programm «Wind in den Weiden» im Theaterstudio Olten. Zum Bersten voll war das Oltner Kleintheater im Stadtzentrum am Wochenende. Und das Publikum wurde nicht enttäuscht. Die Queen des szenischen Erzählens zog wieder einmal alle Register ihres Könnens.

Das Kinderbuch «Wind in den Weiden» des britischen Autors Kenneth Grahame bot ihr eine tierische Steilvorlage. Und so verknüpfte sie Erzählen und Spielen, Stimm- und Körpereinsatz, Tragik und Komik zu einem explosiven Gesamtkunstwerk. Einem rasanten Wechselspiel der Figuren, das Tierisches und Menschliches mit Raffinesse in Bezug setzt.

Banker und Kinderbuchautor

«In England ist Kenneth Grahame weltberühmt, in Olten kennt ihn kein Schwein. Das werden wir jetzt ändern», so die Prämisse des Abends. Und es beginnt, wo es beginnen muss: bei der Geburt. Baby Kenneth kämpft sich durch den Geburtskanal, die Mutter wird mit Chloroform beträufelt, der werdende Vater im Nebenraum trinkt sich einen Rausch an. Kenneth Grahames Jugend steht unter keinem günstigen Stern: Die Mutter verstirbt, als er fünf ist. Der Vater verzieht sich und stellt seine Kinder bei den Grosseltern ab.

Dort verbringt der kleine Kenneth die glücklichste Zeit seiner Jugend. Später wird dem hochbegabten Jungen aus finanziellen Gründen ein Hochschulstudium verweigert und er landet in einer Banklehre. Mit 39 Jahren ist er bereits stellvertretender Leiter der Bank of England. Für seinen Sohn verfasst er «The wind in the willows», ein Kinderbuch, das in 38 Sprachen übersetzt wird und Millionenauflagen erlebt.

«Fuck the Frühlingsputz»

Bea von Malchus bringt den Kinderbuchklassiker, zu dessen Protagonisten ein Maulwurf, ein Kröterich, eine Ratte und ein Dachs gehören, auf einmalige Art und Weise auf die Bühne. Alles beginnt mit dem Maulwurf, der seinem häuslichen Dasein unter dem Motto «Fuck the Frühlingsputz» den Rücken kehrt. Denn draussen, da wartet die Welt auf ihn. Nachdem er den ersten Schritt getan hat, um die Enge abzuschütteln, ist er frei für Abenteuer und neue Begegnungen. Zum Beispiel mit der unerschrockenen Wasserratte oder dem selbstverliebten Kröterich.

Diese und andere Tierfiguren, ausgestattet mit einer ganzen Palette von menschlichen Verhaltensweisen und Schwächen, sind eine Schatzkiste für Bea von Malchus. Sie spielt mit den Parallelen zwischen menschlichen und tierischen Eigenarten und verbindet sie mit Kenneth Grahames Biografie. Gleichzeitig nimmt sie auch den Faden zu historischen Persönlichkeiten der Zeit auf und streut – präzise getimt – amüsante Aktualitätsbezüge ein.

Variable Gesichtslandschaft

Dabei geht sie darstellerisch in die Vollen: Die Mimik von Bea von Malchus ist ein Phänomen, ihre Gesichtslandschaft eine scheinbar unbegrenzt variable Spielwiese der Emotionen. Ausgestattet mit Backen, die offensichtlich aufblasbar sind, sich aber auch unbegrenzt zusammenknautschen lassen.

Mit Augen, die Blicke in allen Nuancen ins Publikum schiessen, mal nervös zwinkernd, verkniffen, leicht schielend oder aber vor Entsetzen geweitet. Und auch ihren Körper bringt sie voll ins Spiel. Je nach Figur raumfüllend oder mäuschenklein, protzig oder geduckt. Nur eines, das tut sie nicht: aufstehen. Da ist sie konsequent. Auch wenn man das als Zuschauer manchmal vergisst, denn irgendwie ist die Frau immer in Bewegung.

Wie differenziert ihre Bühnenkunst ist, macht sich nicht zuletzt bemerkbar, wenn sie Komik und Tragik verbindet. Denn sie trimmt das Publikum nicht einfach auf Lacher, sondern es gelingt ihr das Kunststück, Augenblicke voller Poesie zu entfalten. So etwa bei ihren Gesangseinlagen. Besonders schön zeigt sich das aber auch, wenn sie Kenneth Grahames’ Sohn in Szene setzt. Schielend und nicht besonders hell, gäbe er ein willkommenes Opfer der Belustigung ab. Bea von Malchus zeichnet den Jungen, für den der Vater das Kinderbuch «Wind in den Weiden» verfasst hat, aber als Opfer der überzogenen Erwartungen seiner Eltern.

Mit ihrer Interpretation von «Wind in den Weiden» schafft es Bea von Malchus einmal mehr, ein komplexes Gewebe von Figuren und Geschichten durchdacht in Szene zu setzen und einen Klassiker der Literatur für die Bühne zu neuem Leben zu erwecken.