Flurgeschichten
Autorinnen lassen Hunderte von Flurnamen durch Zeilen perlen

«Vom Amerikanerblätz zum Zirzel» heisst das Buch mit den Flurgeschichten aus Olten-Gösgen und Thal-Gäu. 32 Texte sind darin abgedruckt.

Christian von Arx
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Das Buch Vom Amerikanerblätz zum Zirzel

Das Buch Vom Amerikanerblätz zum Zirzel

HR Aeschbacher

Wenige Bücher haben einen so starken Bezug zur Region Oltens wie dieses. 32 Texte, zuerst als monatliche Kolumnen in der Reihe «Flurgeschichten aus Olten-Gösgen und Thal-Gäu» im OT erschienen, führen die Leserin und den Leser in unterschiedlichste Ecken der zwei Amteien im unteren Kantonsteil. Mit leichter Hand lassen die zwei Autorinnen dabei Hunderte von Flurnamen durch Zeilen und Seiten perlen: von der Pfaffenchappe zum Nack, vom Heideloch zum Wihölzli, vom Amerikanerblätz zum Zirzel.

Beatrice Hofmann-Wiggenhauser und Jacqueline Reber sind professionelle Flurnamenforscherinnen, sie untersuchen seit Jahren auf der in Olten angesiedelten Forschungsstelle Solothurnisches Orts- und Flurnamenbuch der Uni Basel die Flurnamenlandschaft des unteren Kantonsteils. Aus diesem Wissen schöpfen sie in ihren Kolumnen, lassen aber den wissenschaftlichen Apparat, wie er für die dicken Bände des Solothurner Namenbuchs unerlässlich ist, beiseite.

In der Kolumnensammlung «Vom Amerikanerblätz zum Zirzel» schweifen die Autorinnen leichtfüssig durch Quartiere der Stadt Olten, durch Strassen der Dörfer, durch Wälder und Fluren in Thal und Gäu, Untergäu und Niederamt. Als Bewohner dieser Gegend stösst man auf den knapp 200 Seiten dieses Buches allenthalben auf bekannte Plätzchen, oft aber auf Neuland gleich «um die Ecke»: Wer kann schon von sich behaupten, als Kind auf der Fischerjoggelismatte in Kappel, im Schneeloch von Welschenrohr und auf dem Heimatlosenblätz bei Kienberg gespielt zu haben?

Die Grundidee dieser Kolumnen besteht darin, die Flurnamen nicht wie ein Lexikon zu präsentieren, sondern in thematischen Zusammenhängen. So entstehen aus den Flurnamen einprägsame Bilder, wie die Landschaft in dieser Gegend vor 200, 500 oder auch 1000 Jahren ausgesehen haben muss – und wie unsere Vorfahren sich bei der Arbeit darin orientierten. Anschaulich führt Jacqueline Reber etwa anhand der unzähligen Wein- und Reben-Namen vor Augen, dass der Rebbau auch beidseits von Olten am Jurasüdhang ein dominanter Wirtschaftszweig war. Beatrice Hofmann zeigt, dass die Namen «Erzwäsche», «Schmelzi» oder «Hammer» auf den Bergbau (vor allem im Thal) zurückgehen. Wald gerodet und «geschwendet» wurde landauf, landab, Köhlerei war allgegenwärtig.

Religion und Kirche waren Oltnern, Gösgern, Gäuern und Thalern über Jahrhunderte alltägliche Begleiter, sodass sie in jedem Dorf zu Benennungen von Fluren geführt haben. Die Heiligen gehörten ebenso zur Lebenswelt früherer Generationen wie Geister und Sagenwesen – sie alle finden sich noch heute in Flurnamen.

Der Oltner Knapp Verlag hat dieses Buch sehr sorgfältig und leserfreundlich gestaltet. Ein Genuss sind die grossformatigen Farbbilder, mehrheitlich von den OT-Fotografen Hansruedi Aeschbacher, Bruno Kissling und Ueli Wild. Aufnahmen von der Winterhalde in Lostorf, dem Heidenloch in Wisen oder dem Huerewägli bei der Hinteren Wasserfallen machen einen mit abseitigen Orten vertraut, als wäre man selbst dort gewesen. Ein Gewinn für das Buch wäre ein Register, dank dem sich leichter finden liesse, in welcher der 32 Kolumnen ein bestimmter Name behandelt ist.

Übrigens: Der Amerikanerblätz liegt in Hägendorf, der Zirzel in Gretzenbach. Was es mit dem ersten auf sich hat, steht im Kapitel «Der Schwarze Peter». Beim Zirzel hingegen muss weiter gerätselt werden. Er gehört zu jenen Namen, bei denen auch die Wissenschafterinnen ans Ende ihres Lateins gelangten: «Ungedeutet.»