Ferdinand Gehr hätte der Andrang der Besucher gefreut, die sich am Samstagabend an der Vernissage im Kunstmuseum die Stehplätze streitig machten. Mit der Ausstellung «Ferdinand Gehr – Bauen an der Kunst» werden erstmals die Kunst-am-Bau-Projekte des 1996 100-jährig verstorbenen St. Galler Künstlers ins Zentrum gerückt. Er gilt heute als der wichtigste sakrale Maler der Schweiz im 20. Jahrhundert.

Hintergrund der Schau ist der direkte Olten-Bezug des Künstlers: In der 1952 vom Architekten Hermann Baur erbauten St.-Marien-Kirche schuf Gehr das Gemälde an der Chorwand, den Baldachin und die Glasfenster.

In seiner modernen, schlichten Formensprache und der farbenfrohen Gestaltung gilt das Werk als Markstein der modernen Schweizer Kirchenkunst. Bereits 1976 würdigte das Kunstmuseum Olten unter Kurator Paul Meier das vielfältige Schaffen des Künstlers, das neben Wandgemälden auch Tafel- und Glasmalereien, Holzschnitte und Aquarelle umfasst. Im Unterschied zu damals fokussiert die aktuelle Ausstellung nun ausschliesslich auf Gehrs Werke am Bau.

Bilderstreit schlug Wellen

Wie Kunstmuseum-Direktorin Dorothee Messmer ausführte, befand sich Ferdinand Gehr ein Künstlerleben lang zwischen Stuhl und Bank. Sein Dilemma: Von den Künstlern wurde er als zu religiös empfunden. Hingegen war seine radikal neu wirkende Interpretation religiöser Themen vielen katholischen Würdenträgern und Kirchgängern zu modern. Unverständnis und Ablehnung schlugen ihm entgegen.

Seinen krassen Niederschlag fand dies 1954 in der katholischen Kirche Wettingen. Bischof Franziskus von Streng weigerte sich, die Kirche einzuweihen. Der Grund: Das von Gehr gänzlich abstrakt gemalte Altarbild, stiess bei der Kirchgemeinde auf vehemente Ablehnung. Das Kunstwerk musste mit einem Vorhang verhüllt werden und wurde 1960 zerstört.

Ein regelrechter Kunstskandal brach 1957 angesichts Gehrs Ausmalung der Kirche Bruderklaus in Oberwil bei Zug los. Diesmal hiess es, die Malerei sei zu kindlich primitiv und einer Kirchenmalerei unwürdig: «Engel wie Stieraugen» und ein «Jesus, der aussieht wie ein Kasperli» erhitzten die Gemüter. In einer Motion wurde die Entfernung der Bilder verlangt, worauf der Konflikt in den nationalen Medien Wellen schlug. Gehr durfte seine Malereien schliesslich zu Ende führen, musste sie aber fünf Jahre lang hinter Wandbehängen verbergen.

Und doch war Gehr in den Jahren des Kirchenbaubooms von 1950 bis 1980 einer der gefragtesten Kirchenmaler der Schweiz. Rund 140 Bauprojekte in der Schweiz und im nahen Ausland realisierte er in über sieben Jahrzehnten künstlerischen Schaffens. Neben Kirchen auch an Schulen und anderen Profanbauten.

Bedeutende Schweizer Architekten wie Hermann Baur, Hanns A. Brütsch oder Ernest Brantschen schätzten Gehrs Gespür für räumliche Zusammenhänge und seine reduzierte Formensprache. Gehrs Arbeiten seien architektonisch und damit entscheidend an der Raumbildung beteiligt; sie verliehen dem Raum eine vierte, geistige Dimension, war etwa der Architekt Hanns A. Brütsch überzeugt.

Die Entwürfe und Studien von Gehrs Wandmalereien, die im Kunstmuseum zu besichtigen sind, werden begleitet von einer Präsentation von Werken aus der Museumssammlung. Sie nimmt inhaltlich Bezug auf Werke Gehrs und stellt insbesondere Arbeiten des Solothurner Malers Roman Candio in den Mittelpunkt. Er stand Gehr ab 1960 als Assistent bei mehreren Projekten zur Seite und entdeckte bei diesem die Wirkung von Farbe.