Farbige Trickfilmfiguren hüpfen und singen auf dem Bildschirm des kleinen Fernsehers. Es läuft «Toggolino» auf Super RTL. «Mein Sohn schaut das gerne, bevor er in die Schule geht», sagt der 44-jährige Salam Ahmad. Türkischer Kaffee steht in kleinen Tassen mit Schweizerkreuz-Motiven auf dem Wohnzimmertisch. Erst als der kurdische Gastgeber sicher ist, dass seinen Gästen nichts fehlt, nimmt er einen Schluck des starken Getränks.

Seine Augen vergrössern sich dabei einen Augenblick. Dann werden sie wieder klein; sie wirken müde. Als hätte er schon lange nicht mehr einen gesunden Schlaf erlebt. Seit zehn Monaten wohnt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern (4 und 7 Jahre alt) in Wangen – «a beautiful place», wie er sagt. Und wartet seit Monaten auf den nächsten Bescheid von den Migrationsbehörden zu ihrem Asylgesuch. Ob er und seine Familie bleiben dürfen, ist noch unklar. Kein Grund für den Kurden aus Syrien aber, tatenlos zu Hause herumzusitzen.

Verbrannte Diplome

«Ich male und schreibe rund zehn Stunden am Tag», sagt Ahmad, dessen Bilder in Kunstgalerien unter anderem in Aleppo, Damaskus, Madrid, Zug, Solothurn ausgestellt wurden und aktuell bei «art mathieu» in Olten zu sehen sind. Einen richtigen Arbeitsplatz hat Ahmad in der Parterre-Wohnung nicht. «Ich kann, wenn es wärmer ist, draussen arbeiten. Jetzt aber male ich drinnen, am Boden», sagt er und zeigt auf den Fussboden im engen Wohnzimmer. Seine Frau Lamen ist davon weniger begeistert. Der Haushalt und die Kinder sind, seit sie aus ihrem Wohnort Aleppo geflüchtet sind, für sie ins Zentrum gerückt. «In Syrien bin ich Anwältin. Und ich setzte mich für die Einhaltung der Menschenrechte ein», sagt sie. Bis sie von der Polizei festgenommen wurde. «Sie sagten, wenn ich wieder demonstrieren würde, gäbe es Konsequenzen für meine Familie. Aus Angst um ihre Sicherheit hörte ich auf», sagt sie.

Immer wieder sucht sie nach den englischen Begriffen und entschuldigt sich für ihr Englisch. Ihr Anwaltsdiplom kann sie nicht vorweisen. «Eine Bombe schlug auf unser Haus ein. Wir konnten uns knapp retten. Als wir zurückgingen, gab es unser Haus nicht mehr. Es gab nur noch Schutt und Asche», sagt sie und schluckt zwischen jedem Satz. «Die Fotoalben der Kinder. Wertvolle Erinnerungen. Alles weg.» Sie kämpft gegen die Tränen an, schafft es, sich zu fassen. Und schaut zu ihrem Ehemann. Ahmad war kurz weg. Zumindest mit den Gedanken. Sein leerer Blick gewinnt wieder ein bisschen an Leben. Er öffnet vorsichtig eine abgenutzte braune Ledertasche. Zeitungsartikel, Notizblätter und zwei dünne Büchlein. Unsortiert. «Ein paar Tage vor dem Bombenanschlag auf unser Haus spürte ich, dass ich mich aufs Schlimmste vorbereiten musste und habe meine Dokumente in eine Tasche gesteckt», sagt er. «Das ist eines der wenigen wertvollen Dinge, die ich aus meinem Haus mitnehmen konnte.»

«Ich kann nicht über ein Regime schweigen, das viele umbrachte»

Mindestens hundert seiner Bilder, die alle in seinem Haus waren, gingen verloren. «Dieser Artikel handelt über meine Kunst. Und dieses Gedichtebüchlein habe ich geschrieben», sagt er. Er blättert durch die Seiten und zeigt auf die arabischen Schriftzüge. Wegen seiner regimekritischen Gedichte, aber auch wegen seiner Bilder, in denen er die Revolutionsstadt Homs malt, habe er in seinem Heimatland Ärger gekriegt. «2010, als ich auf dem Weg zu einer Kunstausstellung in Libanon war, bei der ich zu den teilnehmenden Künstlern gehörte, wurde ich an der syrischen Grenze abgefangen und ins Gefängnis nach Damaskus gebracht», sagt Ahmad.

Nach sieben Tagen kam er wieder frei. «Es hiess aber, dass ich aufhören müsste zu schreiben. Sonst würden sie das nächste Mal meine ganze Familie festnehmen», so Ahmad, der in Aleppo neben seiner Lehrertätigkeit auch als Restaurator im Museum of Modern Art arbeitete. Seine Frau kann sich gut erinnern: «Ich wusste, es wurde immer gefährlicher für uns.» Klar habe sie ihrem Mann gesagt, dass er doch bitte seiner Familie zuliebe mit dem Schreiben aufhören solle. Aber gebracht hat es nicht viel. Ahmad: «Ich sagte ihr, dass ich vielleicht vorübergehend damit aufhören könnte, aber auch, dass ich ihr nicht versprechen könne, für immer aufzuhören.» Er schüttelt den Kopf. «Ich kann nicht über ein Regime schweigen, das so viele Leute umgebracht hat. Ich kann einfach nicht», sagt er in einem rechtfertigenden Ton. Ahmad hat nie wirklich aufgehört zu schreiben. Seit der Haft in Damaskus aber nur noch unter Pseudonym.

Zehn Stunden zwischen Minen

Nachdem ihr Haus zerbombt wurde, fand die kurdische Familie Zuflucht bei der Schwester von Salam in der Nähe von Aleppo. «Es ist dort aber einfach zu gefährlich, um zu bleiben. In Syrien gibt es keine Zukunft», sagt Lamen. Zu Fuss marschierte die Familie zehn Stunden lang zur türkischen Grenze. «Wir mussten durch den Schnee gehen. Ich und meine Frau trugen die Kinder. Wir mussten aufpassen, dass wir nicht auf Minen traten», sagt Ahmad. In der Türkei blieben sie dann vier Monate bei Ahmads Cousin. «Dort fanden wir aber keine Arbeit, und auch die 2-Zimmer-Unterkunft war viel zu klein für alle.»

Mit der Unterstützung von Verwandten in Polen und in der Schweiz konnte die Familie in die Schweiz fliegen und Asyl beantragen. «Als wir die Visa für die Schweiz erhielten, war das einer der schönsten Momente in meinem Leben», sagt Ahmad. «Die Schweiz hat uns gerettet und dafür sind wir ihr unendlich dankbar.»