Die Sprungfeder sei zu kompetitiv gewesen, erklärte der kabarettistisch-klamaukige Moderator Manfred Walther zu Beginn des Abends in der Schützi. Das Programmteam der Kabarett-Tage wolle eher der olympischen Tradition «Dabei sein ist alles» folgen und habe deshalb kurzerhand die Wunschfeder erschaffen. «Zettel für den Volksentscheid», welchen der auftretenden Künstler – oder welchen anderen Künstler auch immer – man demnächst in voller Programmlänge zu sehen wünscht, wurden am Eingang verteilt.

Zudem könne man im Anschluss an die Veranstaltung auch per Social Media abstimmen, führte der herrlich unbeholfen-naiv wirkende Moderator aus, der mit seinen Thüringer Karteikarten – rechteckige Pappteller für Bratwürste – ein würdiges Element der Gesamt-Show war.

Zu viele Wettbewerbe

«Tatsächlich sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir zu viele Nachwuchswettbewerbe anbieten», erzählte der neue künstlerische Leiter der Kabarett-Tage, Rainer von Arx, bereits im Vorfeld der Veranstaltung. Die Wunschfeder bringe keinen Sieger hervor, sondern einen Wunschkandidaten. Zudem könne das Publikum die Kabarettisten nicht nur als auftretende Künstler sehen, sondern sie auch mal als Menschen erleben: Die «Plauderecke», eine Talkrunde mit allen Künstlern, in die dank Manfred Walther und seinen peinlichen Fragen mit Absicht überhaupt kein Schwung kam, bot Gelegenheit dazu.

«Wir haben ein Gefäss geschaffen, das wir spontan füllen können und mit dem wir spontan auf neue Trends reagieren können», erklärte von Arx. So sei es aufgrund der flexiblen, erst kurzfristig festgelegten Spielzeiten innerhalb der Wunschfeder theoretisch möglich, Künstler noch nach den im Januar und April in Thun und im deutschen Freiburg stattfindenden Börsen zu engagieren. Dies sei in diesem Jahr jedoch nicht geschehen. Drum gestalteten die drei bereits seit einiger Zeit eingeplanten Künstler den ersten Wunschfeder-Abend: der letztjährige Kabarett-Casting-Sieger Jakob Heymann, der deutsche Musik-Kabarettist Peter Fischer und die Österreicherin Lisa Eckhart.

Nervös und schmächtig,…

Der Bremer Liedermacher Jakob Heymann, ein nervös wirkender, schmächtiger Typ mit Hut in grauem Schlabberlook und buntem Schal, präsentierte Auszüge aus seinem Programm «Generation ich». In seinen Liedern berichtet er, begleitet von Klavier oder Gitarre, von den Irrwegen der Menschen, den Absurditäten des Alltags, und beschäftigt sich mit den Fragen unserer Existenz.

Bissig und schonungslos, doch voller Melancholie und Verzweiflung, besingt er die Höhen und Tiefen des Menschseins: Es geht um seine depressive Freundin, um Sex mit Nazis, Tanzmusikfaschisten, die Probleme der Pädagogen, Vegetarier, Kokser sowie volle Bäuche und leere Herzen. Jakob Heymann ist ein Songpoet, der wortgewandt und gefühlstriefend über alles lästert, was die Welt an Unsäglichkeiten zu bieten hat. Nach einem gemeinsamen Pfeiflied im Stockdunkeln verabschiedet er sich vom Publikum mit «Habt euch lieb!»

harmlos wirkend…

Der Münchner Musikkabarettist Peter Fischer übt harmlos wirkende, aber tief einfahrende Gesellschaftskritik am Klavier: In seiner «Zweitastengesellschaft» gibt es nicht nur Schwarz oder Weiss, sondern auch etliche ironisch-sarkastische Zwischentöne. In seinen Liedern philosophiert er über die Kunst, sich in Geduld zu üben, über Annegret und andere Frauen, Rechtsradikale mit Springerstiefeln aus China, über Umwelt, Ernährung, Religion und das Verhältnis zwischen Gott und Jesus. Dabei bedient er sich einer ansteckenden, locker-flockigen Fröhlichkeit und Virtuosität, die so mancher versteckten Doppeldeutigkeit die doppelte Wirkung verschafft.

und unendlich unnahbar

Noch einmal ganz anders Lisa Eckhart: Sie selbst unendlich gross, unendlich dünn, unendlich unnahbar mit ihren wasserstoffblond gefärbten Haaren, den knallroten Lippen und den ebenso roten, langen Fingerkrallen, seziert sie passend zu ihrem Äusseren selbstherrlich und provokant alles, was ihr in die Quere kommt. «Als ob sie Besseres zu tun hätten» heisst das Programm der Steirerin, die allein durch ihre souveräne Erscheinung auf der Bühne so präsent ist wie kaum jemand anderes.

Ein Übriges tun ihr schwarzer Humor, die bösen Reime und die Boshaftigkeit, mit der sie Dinge gnadenlos veranalysiert. Sie macht vor nichts Halt und löst alle Rätsel der Menschheit: Die Österreicherin propagiert absolute Bewegungslosigkeit, lässt sich aus über Schliessmuskeln, die nichts von Grenzkontrollen halten, philosophiert über Machtverhältnisse in Beziehungen, die obligatorische Nacktheit in Saunen, Feminismus, Prüderie und die Sinnlosigkeit der Raumfahrt. Das Gedicht über die Wege des Ejakulats setzt allem die Krone auf. Das Publikum ist herrlich geschockt.

Welcher Künstler vom Publikum gewünscht wurde und an den nächsten Kabaretttagen in voller Länge auftreten wird, wird demnächst bekannt gegeben.