Und dann öffnet Andreas Thoma die Tür: anthrazitfarbene Hose mit akkurater Bügelfalte, passendes Gilet, Uhrkette im Knopfloch, polierte schwarze Lederschuhe, weisses Hemd, Krawatte, Oberlippenbart. Wüsste man nicht, wer einen da erwartet, man würde den 46-Jährigen für einen Wiedergänger aus den 1930er-Jahren halten, einem dieser alten Schwarzweissfotos entsprungen, die man noch in den Brockenhäusern findet. Bloss die Schiebermütze fehlt.

Thoma lebt mit seiner Grossmutter in einer Zeitkapsel, im Haus seiner Grosseltern im Säli-Quartier, und alles darin ist alt. Einen ersten Hinweis darauf gibt der in der Einfahrt parkierte gelb-schwarze VW Käfer. Das ehemalige Postauto ist Thomas erster Wagen. Er kaufte ihn 19-jährig von seinem Stifti-Lohn. Das Haus selbst ist von oben bis unten mit alten Schätzen gefüllt, manche entdeckt man auf Anhieb, andere sind in Schränken verstaut. Thoma sammelt. Und seine Sammlung ist umfangreich.

Geschichte bewahren

«Ich habe das Haus gekauft, damit ich Platz habe für all den Grümpel», sagt Thoma lachend und beginnt im Keller die Führung durch das Haus. In der Waschküche stapelt sich Schweizer Militärausrüstung aus den Jahren zwischen 1917 und 1945: Patronentaschen, Gebirgsrucksäcke, Helme, Feldflaschen, Bajonette, Beile, Ferngläser. Ausserdem Grammophone aus den 1920er- und 1930er-Jahren, verschiedene Marken, verschiedene Modelle. Ein Fahrausweis von 1915 fragt nach Zünd-, Dampf- oder Elektromotor. «Ab 1914 musste eine Prüfung abgelegt werden», weiss Thoma. Er zeigt einen Reisepass von 1921 her, ein Militärflieger-Brevet aus dem Jahr 1923. Im angrenzenden Räumchen lehnen die Offiziersdegen der Ordonnanzen 1867 bis 1899 an der Wand, im Regal warten rund 300 Schellackplatten darauf, abgespielt zu werden. «Mich interessiert die Zeit von der Jahrhundertwende bis 1960», erklärt Thoma. Er geht voran, die enge Treppe bis ins Dach hinauf. Weshalb? Das kann er gar nicht so genau sagen. Bereits als Jugendlicher habe er sich für Geschichte und historische Objekte interessiert. Er tauchte in die 1950er-Szene ein, trug Lederjacke, möblierte im Fifties-Retro-Stil. «Aber irgendwann bist du zu alt für Nieten und Lederjacken, das stimmt dann nicht mehr», findet er. Heute passen ihm die 1930er besser, sie seien weniger grell gewesen. Er sei «nicht unbedingt so extrovertiert», sagt er von sich.

Im Dachboden hängen Uniformen aus den beiden Weltkriegen. Eine Waschkommode aus den 1920er-Jahren, komplett mit Waschschüssel, Krug und Rasierkiste erfüllt lediglich Dekorationszwecke. Auch er rasiere sich altmodisch, mit einem Rasierhobel, sagt Thoma. Ach ja, die Garage möchte er noch zeigen. Ein Militärmotorrad und zwei weitere Motorräder der Marke Condor aus den 1930er-Jahren sowie je ein Solex aus den 1950ern und 1960ern parkieren hier.

«Es ist eine Art Bewahren von Geschichte», ist sich Thoma bewusst, der Besuchern seine Fundstücke gerne zeigt, sich zuallererst aber selbst daran erfreut. Er sieht sie als Kulturgut, das nicht verloren gehen dürfe. An der historischen Kleidung gefallen ihm etwa die Schnitte und die Stoffe. «Sie haben ihren eigenen Charme.» Wie alle seine Schätze treibt er sie in Brockenhäusern, auf Flohmärkten oder im Internet auf. Unter der Woche trägt er Jeans, Lederjacke und Schiebermütze. Den stilechten 1930er-Look hebt er sich etwa für Wochenendausfahrten mit dem Töff auf. Wenn er mit gemütlichen 50 bis 70 Stundenkilometern über die Jurasträsschen tuckert, kommt er sich vor wie ein Zeitreisender. Von den Leuten, sagt er, erhalte er stets positive Reaktionen.

Natürlich besitzt er sowohl Smartphone als auch Laptop. Aber ihm gefällt, was Bestand hat. «Ich schätze Werte wie Ehrlichkeit und Höflichkeit», sagt er. Seit 22 Jahren arbeitet er in der Produktion der Klebstofffabrik Henkel in Erlinsbach. Da möchte er bis auf weiteres auch bleiben. Reisen ist seine Sache nicht. Fährt er doch einmal ins Ausland, dann treibt ihn ein geschichtliches Interesse. Verdun oder die Normandie würde er gerne einmal sehen. Lieber aber geht er wandern auf dem Engelberg oder im Jura. Oder er inspiziert an den Wochenenden die Flohmärkte und Brockenhäuser in der Region. Dann packt ihn jeweils das Jagdfieber. Eine gewisse Vollständigkeit strebe er schon an, sagt er.

Thoma schätzt, dass seine Sammlung um die tausend Objekte umfasst und gegen 12 000 Franken gekostet hat. Familie hat er nicht, «sonst könnte ich mir das nicht leisten», sagt er lachend. Augenzwinkernd fügt er an: «Und ich habe immer noch Platz.»