Mein Olten
Auf der Suche nach Gesellschaft auf dem Platz der Begegnung

Madeleine Schüpfer
Madeleine Schüpfer
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Leerer Platz der Begegnung.

Leerer Platz der Begegnung.

Bruno Kissling

Es war einmal ein alter Mann, der ganz für sich allein in einem alten Haus lebte. Er ging nur noch selten spazieren, da er rasch müde wurde und sich hinsetzen musste. Doch die Bänke waren rar in der Stadt. Und so hatte er nur noch ganz bestimmte Spazierwege, die in Frage kamen.

Meist sass er in seiner Stube und ordnete Briefmarken, denn er war ein leidenschaftlicher Briefmarkensammler. Er verstand sich ausgezeichnet auf den Wert der einzelnen Marken, und obwohl er manchmal Geld bitternötig gehabt hätte, kam es ihm nie in den Sinn, sich von einer seiner ihm lieb gewordenen Marken zu trennen.

Eines Tages, als die Sonne besonders freundlich in die Stube schien, packte den Alten die Sehnsucht, aus seinem Häuschen auszubrechen. In der Zeitung, die er jeden Tag aufmerksam las, hörte er von einem Platz mit dem schönen Namen «Platz der Begegnung». Erst nach längerem Suchen auf einem Stadtplan fand er den Platz, kreuzte ihn mit einem Rotstift an und beschloss, den Platz aufzusuchen.

In den vergangenen Tagen hatte er Lust verspürt, mit irgendeinem Menschen ins Gespräch zu kommen, ein paar Worte auszutauschen, vielleicht auch ein paar Gedanken. Die Stille in seinem Haus stimmte ihn melancholisch. Und manchmal klemmte er sich in den Arm, um sicher zu sein, dass er noch lebte.

Er zog sich sorgfältig an, bürstete ausgiebig sein spärlich gewordenes Haar und machte sich auf den Weg, überzeugt, dass auf dem Platz der Begegnung für ihn die Möglichkeit bestehen müsste, mit einem Menschen ins Gespräch zu kommen. Tiefe Freude über sein Vorhaben erfüllte ihn und schenkte ihm jugendliche Kraft, sodass er flott vorankam und den Platz am frühen Nachmittag erreichte.

Es war ein schöner Platz, er fühlte sich auf Anhieb wohl. Er bewunderte die Treppe, den grosszügig angelegten Brunnen mit den Steinen und dem plätschernden Wasser. Er setzte sich auf die eine Bank in der Ecke des Platzes, ergötzte sich am kleinen Steinelefanten, der in der Ecke stand.

Er sass geduldig auf der Bank und wartete, bis ihm ein Mensch Gesellschaft leisten würde. Doch die Stille war irgendwie beängstigend. Niemand kam und niemand ging. Im Rücken hörte er die Autos. Einmal eilte ein kleiner, schwarzer Hund über den Platz, hob beim Elefanten sein Bein. Dann eilte er wieder davon. Doch Menschen sah er keine. Keine Kinder spielten auf dem Platz, keine alten Leute setzten sich auf die Bank, und die Treppe lud keine jungen Leute zum Ausruhen und Verweilen ein.

Was war nur los mit diesem Platz? Die Leute der Stadt schienen ihn vergessen zu haben, und er hatte sich das so schön vorgestellt. Er dachte sich, auf dem Platz der Begegnung würden sich die Menschen auch wirklich begegnen. Und jetzt blieb alles leer und einsam, und er besass keine Möglichkeit, mit einem Menschen ins Gespräch zu kommen.

«Vielleicht bin ich am falschen Tag hier, vielleicht findet die Begegnung nur an bestimmten Wochentagen statt», dachte er traurig, gab aber noch nicht auf und suchte eine ganze Woche lang jeden Tag diesen Platz auf. Doch nur am Markttag änderte der Platz für ein paar kurze Stunden sein Gesicht. Sonst schien er, vergessen vor sich hinzuträumen.

«So ein schöner Platz», dachte der alte Mann, und keiner sucht ihn auf. An was mochte das wohl liegen? Da nahm er allen Mut zusammen und fragte einen Passanten, der gerade in sein Auto einsteigen wollte, wie denn der Platz mit dem kleinen Elefanten heisse. Der Passant lachte verlegen und meinte, der Platz habe gar keinen Namen. Dann stieg er eilig in sein Auto. Da begann er auch andere Leute zu fragen. Niemand wusste den Namen. Einer sprach vom «Platz des kleinen Elefanten», ein anderer nannte ihn den «Hübeliplatz», ein dritter den «Munzingerplatz».

Plötzlich kam dem alten Mann die Erleuchtung: Sie wussten einfach nicht, dass dieser Platz «Platz der Begegnung» hiess. Und aus diesem Grund suchte ihn niemand auf. Traurig strich er dem kleinen Elefanten über den Rücken und ging.

Madeleine Schüpfer aus Olten ist Autorin und Kulturjournalistin

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