Dieter Leu

«Auf der ‹Olten› abfahren»: Rickenbach hat einen leidenschaftlichen Modelleisenbähnler als Präsidenten

Dieter Leu in der Anlage des Brugger Modelleisenbahn-Clubs. Die Komposition mit Vater Leus Personenwagen passiert derweil die Szenerie.

Dieter Leu in der Anlage des Brugger Modelleisenbahn-Clubs. Die Komposition mit Vater Leus Personenwagen passiert derweil die Szenerie.

Dieter Leu, Rickenbachs Gemeindepräsident, hat ein Faible für die Modelleisenbahn. Was ihm an seinem Hobby am besten gefällt: Neben dem sozialen und dem technischen Moment steckt auch Denkarbeit dahinter.

Der Blick durch die Tür in die Vereinsräumlichkeiten in Brugg: eher wenig attraktiv. Eine übermannshohe Bretterwand verbirgt, was sich dahinter auftut, für den, der drei, vier Schritte nähertritt: die Anlage des Brugger Modelleisenbahn-Club nämlich. Deren Ausmasse sind– zumindest für hiesige Verhältnisse – epochal. 520 Quadratmeter Fläche für die Anlage, 150 Quadratmeter für Nebenräume, kilometerweise Gleise, gut versteckte Kabel, Loks, Waggons, Weichen, Signale, Fahrleitungen, drei Bahnhöfe, Berge, ewiger Schnee, Alpenwiesengrün, Kehrtunnels, Wildheuer, Kuhherden, zierliche Figürchen, die sich wie in einem Film Fellinis hinter dem Haus auf dem Liegestuhl in der Sonne räkeln. Über der höchsten Bergspitze kreist ein Helikopter. Und das massstäbliche Modell des Sittertobelviadukts macht’s gar möglich, die Züge über den Köpfen der Besucher verkehren zu lassen. Inmitten dieser Szenerie: Dieter Leu, Rickenbachs Gemeindepräsident. Seit knapp 30 Jahren ist der 68-Jährige Mitglied des BMC, so nennt sich der Brugger Modelleisenbahn-Club kurz, seit 2019 gar dessen Präsident. Später wird er sagen, ein bisschen ferrophil sei er wohl schon.

Ae 6/6 schwerer gemacht, Re 6/6 selbst gebaut

Für’s Auge ist alles piekfein hergerichtet im Massstab 1:45, der für die Spur 0 steht. Genau dieser Spurweite hat sich der Brugger Modelleisenbahn-Club verschrieben. «Kommen Sie, lassen Sie uns auf der ‹Olten› abfahren!» Es drängt den Gemeindepräsidenten. Denn die «Olten» ist eine Ae 6/6, von «Hermann Modellbahnen» hergestellt und von Leu zur Verbesserung der Adhäsion mit zusätzlichem Gewicht ausgestattet. Selbst gebaut hat er dagegen die «Muttenz», eine Re 6/6. «Muttenz ist mein Bürgerort», reicht Leu nach.

Doch zurück auf die Anlage: Im Schlepptau der Ae 6/6 eine Reihe von Personenwaggons aus dem Fundus von Vater Leu, einst selbst leidenschaftlicher Modelleisenbahner, der seine drei Söhne mitzog. Auch wenn bei denen die Begeisterung dafür phasenweise nachliess. «Ich glaube, er wollte von uns zu viel», sagt Leu heute. Und dennoch blieb er, der Sohn, am Thema hängen. Hauptsächlich bei der Modelleisenbahntechnik. Der Landschaftsbau sei nicht so sein Ding, sagt der Mann. Dafür hat er in Hunderten von Arbeitsstunden ein gutes Dutzend Loks so wie eben die «Muttenz» gebaut, Waggons sowieso.

Leu baut schwere Loks. Gehäuse aus Plastik kommen nicht in Frage. 4 kg schwere Zugmaschinen aus seiner Hand sind keine Seltenheit. «Der Adhäsion wegen», sagt er. 16 Promille beträgt die grösste Steigung auf der Anlage in Brugg, 28 Promille jene am Gotthard in Wirklichkeit. Die Authentizität des Echtzeitbetriebs SBB in die Modellwelt transferieren: das Ziel am Horizont der Modelleisenbahner. Leu nickt: «Bei der Gestaltung der Umgebung aber können wir nicht mithalten.»

Es hat sich schon früh abgezeichnet

Leus Affinität zur Bahn, seine Ferrophilie, reicht weit zurück. Der Mediziner im Ruhestand wollte eigentlich Lokführer werden. Aber irgendwie hat er sich den Bubentraum dennoch erfüllt. Vielleicht nur massstäblich. 10 Jahre lang war er als Wagenführer bei den Basler Verkehrsbetrieben aktiv: während seiner Militärdienstphase, der Zeit als Student. «Die Arbeit liess sich gut mit dem Studium verbinden», sagt er. Da nahm er etwa Anatomiebücher mit, um sie bei längeren Wartezeiten zu studieren. Selbst nach dem Studium fuhr er noch Trämli.

Seit der Präsidentschaft Leus beschäftigt sich der BMC mit der digitalen Steuerung auf der Anlage. Und vor einem Jahr fasste der Verein auch den Entschluss, sich gezielter mit deren Möglichkeiten zu befassen. Leu wirkt an vorderster Front mit, nicht nur ideell, auch praktisch. «Das ist ein Aspekt, der mir am Hobby Modelleisenbahn so gefällt: Neben dem sozialen und dem technischen Moment steckt auch Denkarbeit dahinter», sagt er. Von der Digitalisierung verspricht er sich im Übrigen auch eine Popularisierung des Hobbys in jüngeren Kreisen. Das Durchschnittsalter im rund 100-köpfigen BMC liegt wohl annähernd bei 70 Jahren. «Ich gehöre jedenfalls zu den Jüngeren», sagt Leu etwas amüsiert.

Etwas für Mädchen und Buben

Dass Leus beide Töchter lediglich als Mädchen mit der Eisenbahn spielten, erzählt der jüngst Grossvater gewordene Rickenbacher nicht ohne Amüsement. «Sie bauten Viadukte, verlegten das Trassee in sämtliche Zimmer des Hauses, platzierten Weichen, sorgten für Steigungen.» Leu lacht. Vorbei. Ob der Enkel die Affinität des Grossvaters teilen mag? Er lächelt. «Das kann man nicht steuern», gibt er zu verstehen und wendet sich jenen Dingen zu, die sich steuern lassen. Dem Ausbau der Anlage in Brugg etwa. Denn bekanntlich sind diese ja nie fertig. «Wir planen eine Erweiterung, die verstärkt offene Strecken für den Zug ermöglicht und damit für den Besucher attraktiv ist», sagt Leu. Züge, die im Berg verkehren, seien ja gar nicht wahrzunehmen. Den Hundertschaften von Besuchern, die jeweils im Spätherbst die Anlage im Betrieb zu sehen wünschen, wolle man mehr Spektakel bieten. Sagt’s und fährt mit der «Komposition Leu», der Ae 6/6 und den Personenwagen aus Familienbesitz, in den Bahnhof Hofstadt ein. Ordnung muss sein.

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Autor

urs huber

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