Gefährlich sei es hier keineswegs, findet der 22-Jährige, der zusammen mit vier ungefähr gleichaltrigen Freundinnen und Freunden diesen sonnigen Samstagspätnachmittag am Ländiweg verbringt. Bei gutem Wetter seien sie nach Feierabend oder am Wochenende häufiger hier.

Denn vergleichbare Orte, wo sich junge Leute in diesem Rahmen treffen könnten, gebe es in Olten nicht. Obwohl er selbst den Aufenthalt am Ländiweg für nicht verwerflich hält, möchte er nicht namentlich genannt werden. Das gilt für fast alle in diesem Text erwähnten Personen. Zu schlecht ist derzeit das Image des Weges.

Zwar hat auch der 22-jährige Oltner hier schon Aggressionen erleben müssen. Jemand habe ihn mal grundlos mit einem Pfefferspray attackiert. Daneben gebe es Gruppen von Immigranten, die manchmal «etwas Stress» machen würden. Dennoch fühle er sich sicher hier, es sei sehr friedlich. Eine Einschätzung, die sich an diesem Samstagnachmittag bewahrheitet.

Gemütlicher als in Basel

Gelegentlicher «Stress», wenn es mal dazu komme, finde vor allem in Form von Anmachsprüchen statt, berichtet die 20-jährige Hysnije. Gefährlich findet sie den Ländiweg deswegen aber nicht. Sie komme täglich nach dem Feierabend hierher, um sich zu erholen oder Musik zu hören. Das sei einer der Vorteile des Ländiwegs: Laut Musik hören und niemand fühlt sich gestört. Auch ihre Kollegin aus Basel komme regelmässig hierher. «Ich finde es hier gemütlicher als in Basel. Dort hat es mir zu viele Leute an solchen Plätzen.»

Die meisten Ländiweg-Besucherinnen und -Besucher finden eine Videoüberwachung, wie sie derzeit in der Politik diskutiert wird, unangebracht. «Dann hätten wir noch weniger Privatsphäre», sagt ein anderer 22-jähriger Mann aus der Region. Seine 21 Jahre alte Kollegin gibt zwar zu, gelegentlich ein mulmiges Gefühl zu haben. «Als Frau hat man manchmal den Eindruck, man werde angestarrt, wenn man an grösseren Gruppen von Männern vorbeigehen muss.»

Darüber hinaus fühle aber auch sie sich sicher am Ländiweg. Die hier anwesenden Leute seien auch darum bemüht, keine Probleme aufkommen zu lassen.

«Man schaut zueinander», bestätigt ein 32-jähriger Anwesender, der nach einer schweren Erkrankung zum IV-Rentner wurde und dadurch gesellschaftlich abgestiegen ist. Da er sich anderswo nicht mehr so willkommen fühle, sei er nun gelegentlich am Ländiweg. Unter anderem hier sei für ihn sozialer Kontakt möglich. Er schätzt die Offenheit und Diversität der Ländiweg-Gäste, deren Anwesenheit er auch als «stillen Protest der anderen» versteht.

«Hier findet ausserdem auch Integration statt», sagt der ehemalige Koch, der sich an diesem Nachmittag zu einer Gruppe afrikanischer Einwanderer gesellt hat. Zwar habe es zu Beginn einige Versuche gebraucht, den Kontakt herzustellen. Doch mittlerweile stehe dieser und werde beidseitig geschätzt.

Integration am Ländiweg

Die Sprache sei eine gewisse Barriere, meint einer der fünf aus Somalia und Kenia stammenden Männer im Alter von ungefähr Anfang bis Mitte Zwanzig. Wenn jemand nicht ihre Sprache oder zumindest Englisch rede, sei ein Kontakt leider schwierig.

Doch diesem Problem versuchen sie entgegenzuwirken: Einige von ihnen besuchen derzeit einen Deutschkurs. Anderen Aktivitäten könnten sie daneben allerdings nicht wirklich nachgehen. Zwar sei es ihnen erlaubt, zu arbeiten, doch würden die Möglichkeiten fehlen, sagen sie. Auch würden sie an den Ländiweg kommen, um etwas Zeit zu vertreiben. Es sei aber auch einer der wenigen Orte, wo man sich treffen und unbeschwert miteinander diskutieren, Musik hören und ein Bier trinken könne. Probleme hätten auch sie hier in den vergangenen zwei Jahren noch nie erlebt. Dennoch hätten sie nichts gegen die Installation von Überwachungskameras. «Wir möchten es friedlich haben.» Und vielleicht würde eine Videoüberwachung ja etwas zur Sicherheit beitragen.

Eine bauliche Verbreiterung des Ländiweges würden grundsätzlich alle begrüssen. Denn ab einer gewissen Anzahl Menschen auf dem Weg könne es schon ein wenig eng werden. Der ehemalige Koch könnte sich auch vorstellen, die steile Grasfläche zwischen Verkehrsstrasse und Ländiweg in eine Sitztreppe zu verwandeln.

Wünschenswert wären zudem sauberere Bahnhoftoiletten, öffentliche Aschenbecher sowie eine häufigere Leerung der oftmals überfüllten Abfallkübel. Diese würden sie nämlich durchaus benutzen wollen. «Wir räumen unseren Abfall immer weg», sagt der gleichaltrige Kollege des 22-Jährigen.