Olten
Auf dem Ildefonsplatz gabs Literatur ungefiltert, unplugged und hautnah

Auf dem Ildefonsplatz konnten am Freitag Schreibende ihr Können präsentieren.

Urs Amacher
Merken
Drucken
Teilen
Brückenwagen ohne Stromanschluss – Syléna Vincent, Singer/Songwriter und Autorin von modernen Gedichten, sang unplugged selbst geschriebene Lieder.

Brückenwagen ohne Stromanschluss – Syléna Vincent, Singer/Songwriter und Autorin von modernen Gedichten, sang unplugged selbst geschriebene Lieder.

Urs Amacher

Die Stadtbibliothek Olten lud am letzten Freitag erstmals zu einer «Literatur unplugged» auf den Ildefonsplatz ein. Dort bot sie Personen, die gerne schreiben, eine offene Bühne, um eigene Texte einem breiten Publikum vorzulesen.

Ein paar Tische und Bänke waren aufgestellt, der Wagen, mit dem die Stadtwerkarbeiter die Festbänke herangekarrt hatten, diente als Bühne – «Literatur unplugged» kam fast ohne Requisiten aus. Auch war der von Christoph Rast mit «Konzert am Turm» initiierte Open-Air-Anlass unkompliziert organisiert, es gab keine Voranmeldung, sondern die Autoren mussten sich nur kurz vor Beginn einschreiben.

«Literatur unplugged» erwies sich dadurch als herrlich flexibel und spontan. Eine der Autorinnen, Syléna Vincent, verriet im Vorgespräch, sie werde Gedichte vortragen. Und als sie nebenbei bemerkte, sie pflege einige ihre Verse sowohl zu vertonen als auch zu singen, da lag die Frage auf der Hand: Warum trägt sie nicht gleich hier eine Kostprobe ihres Liederrepertoires vor? Unplugged, ohne Mikrofon und Verstärker, sei kein Problem, antwortete die Musikerin, und notfalls singe sie auch a cappella, ein Begleitinstrument allerdings wäre hilfreich. Glücklicherweise liegt der Laden von Willi’s Music and Art in Sichtweite, wo Fabio Rüegsegger umgehend eine akustische Gitarre samt Kapodaster organisierte. So kam das Publikum in den Genuss von drei Sets, in denen Syléna Vincent ihre selber getexteten und komponierten Songs vortrug. Damit umrahmte sie die Textlesungen und verlieh mit ihrer Musik der wortbetonten Veranstaltung eine zusätzliche Dimension. Syléna Vincent war so etwas wie die Entdeckung des Abends, und ihre mit facettenreicher Stimme gesungenen schönen Balladen machten Lust auf mehr.

Christoph Rast konnte fünf Wortvorträge ankündigen. Den Anfang machte Sabine Hunziker aus Bern. Sie las drei Passagen aus ihrem Buch «Flieger stören Langschläfer», das soeben in einem österreichischen Verlag erschienen ist. Urs Sepp Troxler, der bereits am Oltner Kabarett-Casting und im Tattarletti am Bifangplatz aufgetreten ist, unterhielt das Publikum am Turm mit einer frei erzählten Mundartgeschichte über die computergenerierten Übersetzungen. Sein Fazit: «Sprich, wie man spricht mit dir, es wird sich zahlen aus!».

Syléna Vincent trug selbstverfasste Gedichte vor. Im Unterschied zu ihren englischen Gesangsstücken verwendet sie für die Poesie die deutsche Schriftsprache und Schweizer Mundart. In der Parabel vom «Pullover» dachte Vincent über die Verformbarkeit und Pflicht zum Sich-Anpassen nach, im Gedicht «Was Worte können» über das Unausgesprochene.

Trudi Stadelmann wiederum erfand eine witzige Geschichte über Gespenster samt Anspielungen auf Oltner Begebenheiten und Unsitten. Ihre Botschaft: vertreibt der Oltner Nebel mit dem Kilbigespenst. Die insgesamt knapp einstündige Performance rundete Hans Jörg Allemann ab mit Mundartversen, Berner Gedichten und Fabeln aus seinem illustrierten Poesieband «Allzumenschliches aus dem Tierreich». Nach all dem, was die fünf Autorinnen und Autoren an diesem abwechslungsreichen Abend dargeboten haben, ist Christoph Rast beizupflichten: Diese «Literatur unplugged» ist erst der erste Akt zu einer grossen Tradition.