In Nu sind sie vorbei, die fast 170 namenlosen Gesellen auf Rädern, deren Zahnkränze am Hinterrad mir ihrem metallenen Schnurren die Luft erfüllen. Zwischen Ossingen und Büren an der Aare streiten sich die Rennfahrer in flottem Tempo um Sekunden. Statistisches darüber ist schnell erzählt: 5. Etappe der diesjährigen Tour de Suisse, knapp 184 km lang, vier Bergpreise der Kategorien 3 und 4., fünf Bahnübergänge (alle im Kanton Solothurn). Aber was heisst denn da namenlose Gesellen? Aus dem Spalier der etwas aperen Zuschauerreihen löst sich in der Region Olten doch hin und wieder ein Anfeuerungsruf: «Hopp Frank!» Mathias Frank liegt derzeit im Gesamtklassement als bester Einheimischer an 16. Stelle; 34 Sekunden hinter dem aktuellen Leader Tony Martin aus Deutschland. Aber da tut sich noch mehr Fachwissen kund am Strassenbord: «Und dr Bredli (Wiggins), hesch ne gseh?», fragt der Ätti im Poloshirt. «Äbe ned, das isch alles viel z schnell gange», sagt die Frau daneben.

Fünf Viertelstunden zuvor ist an der Froburgstrasse in Olten noch gar nicht von der Durchfahrt der TdS zu spüren. Alles geht seinen gewohnten Gang. Dass die Bauabsperrung am Amthausquai aus irgendeinem Grund auf die Strasse kippt, spielt keine Rolle. Es bleibt genügend Zeit, sie wieder herzurichten und den Weg freizumachen. Dann folgen, kurz nach 14 Uhr, die ersten Wagen der Werbekolonne, halten an, verteilen Süssigkeiten, Strohhüte, Caps, für die Glücklicheren fällt auch eine Eiscreme ab.

Freunde über die Präsenz

Dann folgen Motorräder mit grimmig dreinblickenden Gesichtern hinter hochgeklappten Visieren, die an einem der ganz frühen Besucher vorbeirauschen. Eugen Schmid aus Trimbach gehört zu ihnen. «Ich bin hier, weil ich mich sehr über die Präsenz der Tour in der Region freue. Vor zwei Jahren, als Trimbach Etappenzielort war, gehörte ich auch zu den Zuschauern; das ist doch klar. Zwar gehört Velorennsport nicht unbedingt zu meinen bevorzugten Sportarten, aber wenn die Tour hier vorbeigeht, bin ich einfach dabei», sagt er. Nach der Passage in Olten – so verrät er noch – wird er nach Hause gehen und den Rest der Etappe vor dem Fernseher geniessen.

Käse hat Schmid schon eingesackt, den Strohhut hat er sich aufgesetzt und Süssigkeiten in die Hosentasche gesteckt. Tja, die Werbekolonne: «Werbekarawane» heisst sie im Fachjargon und besteht aus Sponsoren und Partnern der Tour de Suisse, welche der Rennstrecke entlang Samplings mit ihrem Logo den Tour-Begeisterten verteilen. «Für das alljährliche Spektakel lassen sich die Sponsoren immer etwas Besonderes einfallen. Die teilweise ungewöhnlichen Fahrzeuge haben die Sympathie der Zuschauenden gewonnen und ziehen Jung und Alt an den Strassenrand», verrät die Tourleitung auf ihrer Homepage. Knapp 50 000 Werbegeschenke werden an die Kiebitze am Strassenrand verteilt. Zwar wurde man heuer den Eindruck nicht los, die Karawane auch schon grosszügiger bestückt gesehen zu haben. Aber die Tourverantwortlichen reden von immerhin 60 Wagen und rund 40 Sponsoren.

Wegen der allgemeinen Renn-Stimmung ist auch Noëlle Näf mit Miles und Avana an den Strassenrand gestanden. Das Trio aus Wisen schwenkt die Schweizer Flagge. «Die ist mehrfach verwendbar», lacht Noëlle Näf. Ob für Fussball, Eishockey oder eben – Tour de Suisse. Und grundsätzlich sind die Wisner eigentlich immer vor Ort, wenn in Olten ein Event dieser Art über die Bühne geht, was sich vom Ehepaar aus Nordwestengland wirklich nicht sagen lässt. Die beiden sind zum ersten Mal in der Stadt, sind extra auf ihrer Reise von Bern nach Basel in Olten ausgestiegen und finden den Ort «lovely». Aber über der Tour wissen die beiden nicht Bescheid. «Well, not really» wie der Mann in gepflegtem Englisch meint.

Hohe Geschwindigkeit beeindruckt

Anderer Ort, gleiches Szenario: Auch die Wangner kommen in den Genuss, für einige wenige Sekunden einen Blick auf viele stramme Männerbeine werfen zu können. Lange Zeit haben sie dafür freilich nicht – nach dem Gastspiel in Olten flitzen die Radrennfahrer im selben Eiltempo durch die Gemeinde, wo sie von den Einwohnern mit Klatschen und Zurufen zur Höchstleistung angetrieben werden.

Schon bevor die Fahrer überhaupt in Sichtweite sind, prophezeit der neunjährige Leano Hasenfratz hohe Geschwindigkeiten. «Es ist spannend zu erleben, wie schnell die Velos fahren können und wer am Schluss den Sieg einfährt», meint der Bub und schleckt am Eis, das er von einem vorbeifahrenden Werbewagen ergattert hat. Seine gleichaltrige Klassenkameradin Lisa von Arx hat bereits einen Favoriten ins Auge gefasst. «Ich freue mich darauf, Fabian Cancellara zu sehen», lächelt das Mädchen und fragt ein wenig ungeduldig nach der Zeit.

Enttäuscht über die Werbekolonne

Zum Glück gibts da ja die Werbekolonne, die den paar Dutzend Schaulustigen am Strassenrand mit Geschenken das Warten auf die Fahrerkarawane versüsst – zumindest einigen von ihnen: Denn während Sasha Niklaus, 9, die Werbung «schon cool» findet, auf flinken Füssen zum Glace-Wagen rennt, wenig später nach einem Käse greift und somit bald ein buntes Sammelsurium an Werbeartikeln in den Händen hält, macht sich bei Peter Podesser Enttäuschung breit. «Das ist ja Nichts», bedauert der 67-jährige Radsportfan, der als Grund für seine Anwesenheit neben den Fahrern eben auch die Werbekolonne nennt. «Ich habe auch schon einmal die Tour de France live miterlebt. Dort war die Werbekolonne riesig, es wurden Millionen an Geschenken verteilt.» Das eher dürftige Aufgebot wird ihn jedoch nicht davon abhalten, heute Donnerstag ebenfalls am Strassenrand zu stehen und den Fahrern beim Bestreiten der nächsten Etappe zuzujubeln.

Eine ebenso aufmerksame Verfolgerin ist Elisabeth von Arx, die lautstark ihre Begeisterung für den Radsport kundtut. «Ich verfolge immer», betont sie vehement, «die Tour de Suisse, die Tour de France, den Giro d’Italia und allgemein alles, was mit Sport zu tun hat.» Ihr gefalle schlicht das ganze «Drum und Dran» an solchen Anlässen, sagt die rüstige 76-Jährige, die sich zudem als waschechter Fussballfan entpuppt. «Die WM ist schuld daran, dass ich nicht mehr ins Bett komme.» Wenigstens kann sie beim Schauen beider Sportarten dasselbe rufen: «Hopp Schwiiz!»