Auf die Frage, ob er ein geselliger Typ sei, schmiegt er sich an die Stuhllehne. «Also wenn Sie mit Ihrer Frage den Wirt meinen, der den ganzen Tag zusammen mit den Gästen am Tisch sitzt, bei Bedarf eine unvollständige Jassrunde komplettiert, auf Wunsch eines Besuchers in die Küche schlurft und dann um Mitternacht die Eingangstür hinter dem letzten Gast abschliesst — dann Nein.»

Die Antwort von Marius Studer, der noch bis Ende Juni im Hotel Astoria als Hausherr wirkt, fällt wider Erwarten differenziert aus. Ein simples Ja oder Nein kommt dem Mann selten über die Lippen. «Privat bin ich sehr gesellig, unter Freunden, Bekannten.» Im Betrieb empfindet er sich als Gastgeber, hilft, wo Not am Mann ist. «Aber natürlich grüsse ich Gäste, wechsle ein paar Worte, bin freundlich.» So etwas nennt man diskret, nicht aufdringlich. «Ich glaube, die Leute akzeptieren das», sagt er noch. Er sei eben Unternehmer und Gastgeber zugleich. Den Begriff Beiz mag er nicht. Denn er glaubt, für jenen vorher geschilderten Betrieb, die Atmosphäre der klassischen Beiz eben, gebe es keine Dienstleister mehr, die diesen Auftrag so erbringen wollen.

Wie einer Gastgeber wird

Studer ist ein Oltner; waschecht. Zwar weit gereist, vielerfahren, ideenreich, tatkräftig, zielorientiert, aber ein Oltner. Das sagt auch der hiesige Stadtpräsident Martin Wey über ihn. «Der Mann ist sehr innovativ, ist als solcher ein verlässlicher Partner, der in der Stadt die Gastroszene enorm belebt hat. Und er ist ein Oltner.» Waschechte Oltner kehren irgendwann wieder zurück. Auch die Studers.

Dass er, Studer, schon als Bub gern in der Küche hantierte, Häppchen kreierte, buk, erzählt er, ohne in Schwelgerei zu verfallen. Dass er nach der Matura ein Studium der Zahnmedizin begann, ihm dabei aber irgendwie nicht ganz wohl war in seiner Haut, ebenso. «Vielleicht war der frühe Tod meines Vaters Grund für diese, wie soll ich sagen, Unsicherheit», sagt der Gastrounternehmer in einem Nebensatz.

Immerhin: Diesem Studium hat er eine einschneidende Begegnung zu verdanken. «Auf der Zugsreise nach Bern sass mir ein Kapuziner gegenüber. Und offenbar hatte der einen siebten Sinn für meine Verfassung», erinnert sich Mister Astoria, wie man Studer auch nennt. Jedenfalls überredete ihn der Klosterbruder, nicht in Bern auszusteigen, sondern mit ihm ins Welschland zu fahren.

In St. Maurice wurden die beiden Zugsreisenden bewirtet; bei den Kapuzinern natürlich. Studer ist noch heute davon beeindruckt. «Der lange Tisch, die üppige Bewirtung — es fehlte an nichts», erzählt er. Und: Dieses Erlebnis katapultierte ihn Richtung Gastronomie. «Von diesem Moment an und den folgenden berufsberatenden Gesprächen mit dem Kapuziner in Sarnen war mir klar: In dieser Branche wollte ich mich entfalten.»

Er brach das Studium ab, begann ein Praktikum in Genf; im Hotel des Bergues, von dem der Prospekt sagt: «Im Herzen von Genf gelegen, das erste Hotel am Platz und noch immer erste Wahl für Staatsmänner und Weitgereiste.» Noch heute pflegt Studer Kontakte dorthin. Zuhause habe man seinen Entscheid unterstützt, sagt er. Wie er überhaupt immer auf die volle Unterstützung seiner Familie habe zählen können. Es folgten Hotelfachschule, Engagements im Tessin, im Engadin, in Zürich, Weiterbildungen in Unternehmensberatung, Kaderschmieden. Ein Produkt aus Studers Hand in jener Zeit: das Gastrokonzept des Motorschiffs «Siesta», derzeit unterwegs für die Bieler Schifffahrtsgesellschaft. «Ach, das ist schon lange her», sagt Studer.

Varietät der Spaghettisaucen

Erst in den Neunzierjahren bekamen Oltnerinnen und Oltner etwas von seinen Gastrokünsten zu spüren. Zwischen 1990 und 1996 führte er die Spaghetteria am Klosterplatz, von den Gästen noch heute liebevoll Spaghi genannt. «Er brachte uns dort die verschiedensten Saucen näher», weiss Wey, der gleichzeitig von der Erstmaligkeit dieses Erlebnisses erzählt.

Studer machte das nebenher, arbeitete stets noch als Unternehmensberater. «Irgendwann wollt’ ichs doch ganz wissen», kommentiert er heute seinen Entschluss, das Hotel Astoria nach dem Abstecher in die Kramer Gastronomie in Zürich zu kaufen. «Wissen Sie, ich bin kein Hasardeur.» Das war 1998. Er sei mit tiefen Erwartungen eingestiegen, sagt er, spielte gar mit dem Gedanken, die Hotellerie aufzugeben. Aber bereits die erste Saison habe mit überdurchschnittlicher Belegung geglänzt. «Da wusste ich: Dieser Geschäftszweig hat Zukunft.»

«Das muss der Neid ihm lassen», sagt dazu Rathskellerwirt Roger Lang. «Ein innovativer Mann, der aus der verlotterten Bude einen angesehenen Betrieb gemacht hat. Das macht ihm so schnell keiner nach. Und was mir auch gefällt. Er bildet Leute aus.» Und das Magazin, sagt Lang noch, sei halt eine super Idee gewesen.

Eine Erfolgsgeschichte

Eben: Es folgte der Aufbau des Magazins. Innert 13 Jahren hat es sich zum Kultlokal gemausert. Und es folgte der Ausbau des Astoria samt Zugang zum Hübeliparkhaus. Was Studer anpackt, gelingt. «Natürlich kam mir dabei die Erfahrung meiner vielen Berufsjahre entgegen, die Affinität meiner Frau für die Gestaltung von Interieur», sagt er heute. Welche Art der Gastronomie denn erfolgreich sein könne? Studer müsste es wissen. Aber er bleibt vorsichtig. «Es braucht sicher eine gewisse Betriebsgrösse», sagt er. So könne man Synergien nutzen. Und man brauche ein Konzept, das man leben müsse. «Heute rennen viele irgend einem Trend nach und wenn der nicht hinhaut, ändert man nach vier Monaten die Strategie. Das kann gar nicht erfolgreich sein», meint Studer. Auch ein Konzept brauche Zeit, um sich zu entfalten. Und dass manchmal halt auch ein Quäntchen Glück oder Pech im Spiel sei, will er auch nicht verschweigen.

Wie viel Studer steckt im Astoria?

Auch die etwas philosophische Frage, wieviel Studer im Astoria stecke, beantwortet er nicht mit einer simplen Prozentangabe. «Allein kann man sowieso nichts erreichen», macht er auf Understatement. Aber es sei klar: Es stecke viel Energie und Zeit in seinem Lebenswerk, auf das er auch ein bisschen stolz sei. Und er verschweigt nicht: Frau und Kinder mussten aufgrund der Siebentagewoche im Betrieb viel auf ihn verzichten. «Meine Frau war für mich auch eine wichtige Rückendeckung», sagt Studer.

Und jetzt? Nachdem sich niemand in seiner Familie zur Gastronomie bekennen wollte, der Verkauf. Er zuckt mit der Schulter. Das liesse sich eben nicht erzwingen. Er habe keine Nachfolger gesucht, sagt Studer, er habe in Remo Buchser einen gefunden. Und er sei überzeugt, dass das hinhaue.

Studer setzt sich aufrecht hin. «Ich würds wieder so machen», sagt er noch. Vielleicht wären zwei, drei Retouchen notwendig, aber im Grossen und Ganzen sei er zufrieden. Ob er Privates vom Geschäftlichen gut habe trennen können? «Ja», sagt er. Und das tönt eindeutig. Diese Trennung sei notwendig. Sonst verliere man die Balance, sagt Studer.