Sonderschule
Asperger-Kinder eines Oltner Paars fallen durch die Maschen – Hat der Kanton ein Problem mit Autisten?

Zu auffällig für den Unterricht in einer Regelklasse, aber kein Fall für eine Sonderschule. Die beiden Asperger-Kinder eines Oltner Paars fallen durch die Maschen. Ihre Geschichte ist kein Einzelfall.

Noëlle Karpf
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Simone Riner und Roland Jager verbringen Zeit mit ihrem jüngsten Kind, Ilvi, beim neuen Taubenschlag im Garten. Die drei Geschwister von Ilvi sind in der Schule – darunter auch die Asperger Levan und Jorin, die sich lieber nicht fotografieren lassen. Bruno Kissling

Simone Riner und Roland Jager verbringen Zeit mit ihrem jüngsten Kind, Ilvi, beim neuen Taubenschlag im Garten. Die drei Geschwister von Ilvi sind in der Schule – darunter auch die Asperger Levan und Jorin, die sich lieber nicht fotografieren lassen. Bruno Kissling

Bruno Kissling

Es sei kein Weltuntergang, manchmal untypisch zu denken, sagt Simone Riner. Sie ist 40 Jahre alt und hat mit ihrem Mann vier Kinder. Zwei davon sind «neurountypisch», wie Riner sagt. Wenn sie den umgangssprachlich eher ungebräuchlichen Begriff verwendet, lächelt sie. Levan, 11, und Jorin, 7, haben beide das Asperger-Syndrom. Dieses zählt zu den Autismus-Spektrum-Störungen. Asperger nehmen ihre Umwelt anders wahr als «neurotypische» Menschen. Beispielsweise haben sie Schwierigkeiten mit der Kommunikation, Mühe, Ironie einzuordnen und Mimiken zu interpretieren. Sie geraten leicht aus dem Konzept, wenn etwas nicht nach gewohntem Schema abläuft. Dafür können sie sich intensiv mit Details einer Sache beschäftigen, enormes Wissen anordnen, wenn ein Gebiet ihr Interesse geweckt hat. Auch Humor und Ironie können erlernt werden. Viele Asperger sind zudem hochbegabt. Riner sagt zwar lieber «überdurchschnittlich begabt» – schliesslich sei jedes Kind hochbegabt auf seine Weise. Alles in allem aber kein Weltuntergang, dieses Asperger-Syndrom, eine Variante des Autismus. Und doch: Das Syndrom führt dazu, dass es bei beiden Buben von Simone Riner in der Schule nicht klappt. Im Sommer sollen Levan und Jorin aus der öffentlichen Schule austreten.

In der Regelklasse geht es nicht

Bei beiden Buben wurde das Asperger-Syndrom jeweils Anfang Primarschule festgestellt. Stoffmässig kommen sie zwar gut mit. Dafür ist das Lernen in einer lauten Klasse, Spielen mit den anderen Kindern, Hausaufgaben erledigen – wo Lernen doch in der Schule stattfindet – für den Asperger schwierig. Kein Tag vergehe zu Hause ohne Drama, wie Riner sagt.
So erhält Levan während acht Lektionen in der Woche Unterstützung von einer Heilpädagogin. Diese Lektionen finanziert der Kanton im Rahmen der Speziellen Förderung, welche Kinder – von Hochbegabten bis zu Kindern mit Lernschwierigkeiten – zusätzlich unterstützt. Für Jorin gibt es noch keine solche Verfügung; auch er wurde aber abgeklärt.

Das Problem: In der Regelschule klappt es – auch mit Unterstützung – nicht. Levan sollte schrittweise in die Klasse integriert werden. So war der 11-Jährige zu Beginn der vierten Klasse ganz zu Hause, später besuchte er nur die acht Förderlektionen im Einzelsetting, heute macht er zusätzlich vier Lektionen in der Klasse mit. Er habe keine Mühe mit dem Schulstoff, so Riner. Aber: «Faktisch wird er behandelt wie ein Kindergärtler, der nur morgens das Haus verlässt.» So integriere man keine Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten. Zudem sind beide Elternteile berufstätig. Riner arbeitet zu 40 Prozent als Kunsttherapeutin, der Mann zu 70 Prozent als Kinderarzt. Auch mit dem Coaching, das Levan zusätzlich unterstützen sollte, funktioniert es nicht. Hier hat der Kanton jährlich «Fachberatung» im Rahmen von 40 Lektionen gesprochen. Nur: Seit letztem Sommer habe kein Coaching mehr stattgefunden. Die Coaching-Person sei überlastet, behaupte ihrerseits, die Eltern würden Levan überfordern. Jetzt zahlen Riner und ihr Mann selber eine Coaching-Person, die mit beiden Buben arbeitet. «Das ist aber happig», so die vierfache Mutter.

«Lange schon haben wir gesagt, dass das so nicht geht», sagt Riner. Und nichts sei passiert. Mittlerweile fühle sich die Situation «so» an, sagt Riner – und legt sich die flache Hand unter das Kinn, um zu zeigen, dass ihr der Stress bis zum Halse steht. Finanziell ist die Lage anspruchsvoll – sie braucht derzeit aber auch mehr Zeit und Nerven, als Eltern von vier Kindern ohnehin schon investieren.

In Olten gibt es eine Lücke

Zum konkreten Fall kann das zuständige Volksschulamt «aus Datenschutzgründen» keine Stellung nehmen. Dafür heisst es aber allgemein zum Thema: «In den letzten zehn Jahren haben sich die Kinder mit entsprechender Diagnose (gefühlt) verzehnfacht», wie Kurt Rufer, Abteilungsleiter Individuelle Leistungen beim kantonalen Volksschulamt, schreibt. Anspruchsvoll und sehr individuell sei die Beschulung. Ein «Superangebot» für alle Fälle gebe es hier – aber auch in anderen Kantonen nicht.

Es sei aber nicht nur in ihrem Fall etwas schiefgelaufen, so Riner. Auch andere Eltern von Asperger-Kindern hätten Schwierigkeiten. Das Problem laut Riner: «Der Kanton hat die Asperger im Raum Olten vergessen.» Es gebe nicht genügend Angebote und Experten für betroffene Kinder und Familien.

Zwar gibt es auch im unteren Kantonsteil ein heilpädagogisches Schulzentrum, das etwa Kinder mit Behinderung oder massiven Verhaltensauffälligkeiten besuchen. Dort würden die stillen Asperger im breiten Spektrum der Verhaltensauffälligkeiten laut Riner aber untergehen, könnten nicht auf ihrem eigentlichen Niveau gefördert werden. Gleichzeitig besteht zu wenig Zeit und Geld für die Integration in der Regelschule: Asperger fallen also durch die Maschen.

Ein zusätzliches Angebot, wie etwa das Sonderpädagogische Zentrum Bachtelen in Grenchen für Kinder und Jugendliche in kurzzeitigen Krisen oder längeren Schwierigkeiten, gibt es im Raum Olten nicht. Gleichzeitig will Riner mit ihrer Familie nicht wegziehen aus Olten, um näher bei einem solchen Angebot zu leben. So fordert sie eine Asperger-Gruppe, wo Kinder nicht isoliert gefördert werden – aber in einem Rahmen, wo sie ihre Stärken ausspielen können.

Kanton überarbeitet Angebote

Beim Volksschulamt scheint man sich der Problematik bewusst zu sein. Der Kanton hält zwar alle gesetzlichen Grundlagen ein, verfügt und bezahlt spezielle Förderung für Asperger-Kinder. Und doch: «Es stimmt, dass für einen Grossteil der entsprechenden Schülerinnen und Schüler – angesichts deren teilweise überdurchschnittlichen intellektuellen Leistungsfähigkeit – das ‹traditionelle› Angebot einer HPSZ Sonderschule (noch) nicht das ideale Angebot darstellt», schreibt Rufer. Auch spricht er von einem «noch vorhandenem Ungleichgewicht von Sonderschulplätzen» im Kanton. Dies sei aber Thema aktueller Abklärungen des Kantons. Dieser überprüft derzeit seine sonderschulischen Angebote. Thema dabei sei auch der Autismus, so Rufer. Die Regierung wird voraussichtlich in der ersten Hälfte 2020 über die Erkenntnisse der Abklärungen und mögliche Anpassungen befinden.

Derweil betont Rufer, man bemühe sich beim Volksschulamt, bedarfsweise und kantonsweit für jedes Kind eine Schulmöglichkeit zu erarbeiten. Oft sei die Betreuung in der Regelschule in gemeinsamer Arbeit mit einem Coach möglich.

Es fehlt derzeit aber nicht nur an spezifischen Angeboten für Autismus-Kinder – sondern auch an Fachpersonen. Laut Rufer fehlt auch noch eine schweizweit offiziell anerkannte Ausbildung. Aktuell arbeitet der Kanton mit zwei Coaching-Personen, die für bis zu zehn Fälle im ganzen Kanton zuständig sind. Auch laut Bundesrat gibt es in mehreren Kantonen noch Lücken, was die Beschulung und Betreung von Autismus-Kindern angeht.

So soll es künftig neue und vor allem mehr Angebote für Asperger-Kinder geben. Für die Kinder von Simone Riner reicht das zeitlich gesehen aber nicht mehr.

Kinder besuchen Privatschule

«Schritt für Schritt» soll es jetzt weitergehen, sagt Riner. Man habe nun nur noch eine Möglichkeit: Im Sommer wird Jorin, der Jüngere, eine private Institution besuchen, wo er in einer kleineren Gruppe unterrichtet wird. Levan soll ebenfalls eine Privatschule besuchen – aber die Sonderklasse, damit die Kinder in der «normalen» Klasse der Privatschule nicht gestört werden. Dieses Privat-Schulangebot finanziert ebenfalls der Kanton; das ist laut Volksschulgesetz in Ausnahmefällen möglich.

«Hätten wir den ‹Stutz›, so könnten wir uns seinen Bildungsweg in der Privatschule einfach erkaufen», sagt Riner. Und dann fügt sie an: «ZweiKlassen-Gesellschaft.» Man ist aber auf die Finanzierung durch den Kanton angewiesen. Man habe keine andere Wahl. Die Kinder selber zu Hause unterrichten dürfte Riner zudem nur mit einem Lehrer-Patent. Das hat sie nicht.
Also bleibt die Privatschule. Nur: «Wer weiss, ob wir den Buben damit etwas verbauen.» Beim sieben-jährigen Jorin sei die Rückkehr in die Regelschule zwar nicht ausgeschlossen. Noch wisse sie aber nicht, wie er in der Gruppe, die nicht nur aus Asperger-Kindern bestehe, zurechtkomme. Und an der Privatschule, die Levan besuchen wird , habe es bisher keine Fälle gegeben, in denen ein Schüler, zurück an die Regelschule gewechselt, Matura gemacht hat.

Dafür wäre Levan «prädestiniert», sagt Riner. Ihre Vision: Levan macht eine Lehre im geschützten Rahmen, später noch die Matur und kann seine Begeisterung für Grafiken und Computer ausleben. Riners Angst: Levan findet den Weg zurück nicht, verliert seine Wissbegierde und wird zum IV-Fall. Weil er – trotz Begabung und Fördermassnahmen – durch die Maschen fiel.

Bund will Situation von Autisten verbessern – Experten und Zentren fehlen in den Kantonen

Das Thema Autismus bewegt auch auf Bundesebene. So heisst es in einem Bericht des Bundesrats, welcher letzten Oktober veröffentlicht wurde: «Die Situation von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Autismus-Spektrum-Störungen soll verbessert werden.»

Der Bund schlägt darin einige Massnahmen vor – für die Umsetzung sind in den meisten Fällen dann die Kantone zuständig. Es geht hier aber nicht um verbindliche Richtlinien, sondern eine «Aufmunterung» des Bundes an Kantone, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und so einige der Vorschläge umzusetzen.
Dazu gehören etwa der Aufbau eines Kompetenzzentrums für Autismus-Spektrums-Störungen mit Begleitung für Betroffene über die gesamte Lebensspanne hinweg.
Innerhalb der Integration von Autismus-Kindern in die Regelschule gelte es nun bestehende Konzepte umzusetzen. «Auch der UNO-Kinderrechtsausschuss kommt zur Erkenntnis, dass Kinder nicht in allen Kantonen angemessen in die Regelschule integriert werden und zu wenig personelle und finanzielle Ressourcen für ein gut funktionierendes integrierendes Bildungssystem zur Verfügung gestellt werden», heisst es dazu. Zudem sollen Fachpersonen so aus- oder weitergebildet werden, dass sie Kinder und Jugendliche unterstützen können.

Der Verein Autismus Schweiz sagt zum Thema: «Immer wieder geraten Familien mit Kindern aus dem Autismusspektrum in allen Kantonen der Schweiz in die schwierige Situation, dass es keine angemessene Schullösung für ihr Kind gibt. Zu wenig personelle und finanzielle Ressourcen werden für die Integration pro Kind mit Autismus-Spektrum-Störung gesprochen; aus diesem Grund misslingen integrative Beschulungen immer wieder.»

Es brauche auch in separativen Settings autismusgerechte «Unterstützungs- und Fördermassnahmen». «Die integrativ oder separativ beschulten Kinder erhalten dadurch überhaupt eine Chance, später möglichst selbstständig und unabhängig ihr Leben zu meistern.» (nka)