Anita Mendler bespielt den ersten Raum. Die 1957 in Winterthur geborene Künstlerin, die in Beinwil am See lebt, arbeitet in den Bereichen Malerei, Illustration und Grafik, entwirft und gestaltet Bühnenbilder und -projektionen, ist als Lehrbeauftragte und Kunstvermittlerin tätig. Atelierstipendien führten sie nach Paris und Bangalore (Indien).

Wundersam poetische Bilder

Anita Mendler ist eine Sammlerin. In Skizzenbüchern und Schachteln trägt sie zusammen, was ihr auffällt, Gedanken, Erfahrungen, Befindlichkeiten hält sie mit Stift und Farbe in einer ersten flüchtigen Form fest. Eines ihrer Künstlerbücher nannte sie «Weltentdecker». Das ist, was sie tut. Sie tut es nicht mit der Akribie einer Wissenschaftlerin, sondern mit der einfühlsamen Behutsamkeit einer Forscherin, die sich in einem Terrain bewegt, in dem sich Realität, Imagination und Visionen verbinden. Sie erzählt davon in wundersamen poetischen Bildern, in denen sich Urformen, eigentümliche Objekte, Tiere, Pflanzen- und Landschaftsfragmente, wirbelnde und kreisende Energiezentren zeigen.

Luzide, oft mehrschichtige Farbaufträge schaffen eine oszillierende Bildtiefe, setzen feine Glanz-Matt-
Effekte oder modellieren ein faszinierendes Helldunkel – wie etwa in zwei grossformatigen Werken, die den Blick in permanenter Bewegung halten, weil er die Tiefe des wasser- und wolkenartigen Farbauftrags nicht ausloten kann.

Eindrücklich auch ein anderes grossformatiges Bild: Dunkle blattlose Stengel mit verdorrten Blüten schieben sich vor eine torsoartige gelbe Form, deren Oberfläche aus der Nähe betrachtet seltsam schuppig-knöchern wirkt. Trotz des hellen Blau-Gelb-Farbklangs kommen Gedanken an Vergänglichkeit und Tod auf, lösen ein Nachdenken über
«... einiges und immer mehr ...» aus – wie Anita Mendler ihre Bilderauswahl betitelt hat.

Vom Wandel alles Seins

Mireille Gros, geboren 1954 in Aarau, ausgebildet an der Schule für Gestaltung in Basel und an der Cooper Union in New York, lebt in Basel. Ihr Titel «Dream of a Butterfly» bezieht sich auf eine Geschichte aus der 2300 Jahre alten Textsammlung des chinesischen Philosophen Zhuang Zi, der mit bildhafter Sprachkraft über Wandel und Relativität des Seins nachdenkt. Gros lässt ihre betont vereinfachten Schmetterlinge mit kindlich-unschuldiger Unbekümmertheit auf pastelligem Grund fliegen, hat sie mit ausgebreiteten Flügeln auf zum Teil dicken Farbschichten fixiert, auf übermalten alten Werken, und macht sie so zum Sinnbild für den Wechsel aller äusseren Erscheinung.

Ein Atelieraufenthalt in Peking im Jahr 2009 war für sie Auslöser, die chinesische Sprache zu erlernen. Die Schriften von Zhuang Zi wurden ihr zur Offenbarung: «Das Buch der Spontaneität: Über den Nutzen der Nutzlosigkeit und die Kultur der Langsamkeit» inspirierte zu zwei räumlich konzipierten Installationen aus Papier. Es sind eindrückliche Beispiele, dass aus vermeintlich Nutzlosem – aus Notizzetteln, Skizzen, Übungsblättern – etwas Neues, Eigenständiges und Wertvolles werden kann. Wie eine raumhohe papierne Backsteinwand wirkt die eine Arbeit, viele der zusammengeklebten Papierstückchen tragen chinesische Schriftzeichen – es sind alte Übungsblätter der Künstlerin – über die sich nun zart getuschte Pflanzen ranken.

Die andere Installation verbirgt die ursprüngliche Verwendung des Papiers in kleinen Kapseln. Sie hängen in einer lockeren Traube, wie im Zustand eines Reifeprozesses. Von poetischer Feinheit und Leichtigkeit sind die kleinen Aquarelle «inborn nature», ihr Titel ist zugleich ein Credo der Künstlerin: «Es gedeiht, was aus sich selbst heraus entsteht», nämlich dann, wenn Absicht und Wille zurückgebunden werden, um sich «von den Dingen ergreifen zu lassen statt sie begreifen zu müssen».

Licht- und Klangwelten

Den optischen und akustischen Schlusspunkt setzt Christian Kuntner. 1960 in Aarau geboren, wohnt und arbeitet er in Küttingen, ist momentan mit einem Reisestipendium in New York unterwegs. Er arbeitet im In- und Ausland als freischaffender Musiker, Theatermusiker, ist Sounddesigner und Klangarbeiter, Performer und Erbauer von Audioinstallationen. Seine Installation «Audiosphere 2 (Qubus 24)» ist ein tonnenschwerer Kubus, eine Holz- und Stahlkonstruktion von zwei Metern Kantenlänge. Aus dem Inneren strömt geheimnisvolles rotes Licht durch die schmalen offenen Kanten und lässt die massive Form optisch im dunklen Raum schweben. Die feinen roten Lichtstreifen an Decke, Wänden und Boden erschaffen einen immateriellen Raum im Raum, die Spiegelungen im glänzenden Bodenbelag dehnen ihn in unbestimmbare Tiefen aus.

Mit leisen Tönen beginnt die Installation Klangspuren zu legen, verwebt sie nach und nach zu einem dichten Klangbild, das den Raum akustisch für eine weite Imagination öffnet. Christian Kuntner hat die Toncollage spezifisch für dieses Objekt geschaffen, hat Geräusche und Töne vom Aufbau der Installation aufgenommen, sie bearbeitet, analysiert und die Elemente zu einem neuen Klangbild mit neuer Charakteristik zusammengesetzt. Durch die ausgefeilte Technik ist der Kubus sowohl akustischer Raum wie Klangquelle und physikalischer Transformator. Das Klang-, Licht- und Raumobjekt lässt den Betrachter und Zuhörer in fantastische Licht- und Klangwelten eintauchen.

Stadthaus Olten, 10. Stock: Ausstellung geöffnet bis 21. September, Donnerstag 17–20 Uhr, Freitag 17–19 Uhr, Samstag und Sonntag 11–17 Uhr.