Im fiktiven emmentalischen Tröhlbach nennt man ihn auch Goliath, den Hannes Röndler. Kein Tyrann; aber auf dem Grüen Boden, wo sein stattliches Anwesen steht, schimpft er über «d’Wiiber», unterlegt seine Haltung mit gelegentlichen Kraftausdrücken und regiert. Und nicht nur dort. Auch im Dorf lenkt er als Kirchgemeindepräsident die Dinge nach seinem Gusto.

Ein Autokrat, der weiss, was für ihn und alle andern von Gutem sein soll. Vor allem ist ihm der junge Pfarrer David ein Dorn im Auge. Der nämlich soll ihn «verbrüellet» haben ab der Kanzel. Und deshalb soll er fort, der Pfarrer. Blöd nur, dass sich Röndlers Stieftocher Luise just in diesen Pfarrer verliebt hat.

Und nicht etwa in den Büschle-Rüedu, wie Röndler am liebsten wahrhaben möchte. Rüedu nämlich ist in Stini, Magd auf den Grünen Boden, verliebt. Ja, mehr als das. Sie erwartet ein Kind von ihm. Und Rüedu hält zu ihr, bloss fehlt ihm anfänglich der Mut zur Wahrheit.

Probleme zuhauf, also. Aber: Röndler wird am Ende des Stücks «David und Goliath» zwar nicht geheilt, aber doch einsichtiger sein, der Pfarrer bleibt und das Glück für alle kann seinen Lauf nehmen. Dafür hat der Berner Mundartautor Rudolf von Tavel in seiner Novelle gesorgt. Das Heimatschutz-Theater Olten feiert am Donnerstag mit dessen adaptiertem Stück Premiere im Stadttheater.

Die Seele streichelnd

Wer nah am Wasser gebaut ist, soll sich in Acht nehmen. Das 15-köpfige Ensemble gibt zur Ouvertüre «Niene geits so schön u lustig». Vielstimmig, warm, herzergreifend, aber vor allem: gekonnt. Allein dieses Lied ist ein Erlebnis. Und es gibt mehr als eines davon. Der Rest: Theaterkunst von Laien, auf die Spitze getrieben, Detail versessen, aber dennoch mit untrügerischer Leichtigkeit gegeben. «Die Akteure sollen sein, was sie spielen», sagt die freischaffende Regisseurin Barbara Bircher, selbst im Emmental zu Hause. «Aber nicht gebürtig», wie sie nachreicht.

Dass die Darstellenden in Berndeutsch agieren, ist eines dieser Details. «Es fällt nicht allen leicht, sich die fremde Mundart einzuverleiben», weiss Bircher. Aber dies habe auch nicht Priorität. Trotzdem: Das Resultat sprachlicher Arbeit wird deutlich. Denn unterhält man sich mit den Akteuren abseits der Bühne, so reden alle einen andern Dialekt, ihre Mundart. Und die hat mit Berndeutsch – wenn überhaupt – nur wenig Berührungspunkte.

Spartanisch fast die Aufzüge. Ein angedeutetes Fenster, ein Sofa, ein Tisch mit Stühlen, Geschirr, weniger Gerätschaften. Maxime: Es gilt das gesprochene Wort. Gottlob. Und möglichst wenig soll davon ablenken. Das schafft im Publikum Raum für eigene Vorstellungen, Gedankenwelten. Von Detailliebe zeugen auch weitere Requisiten. «Die Militäruniform etwa mussten wir im Theaterfundus besorgen», sagt Heidi Spring, im Stück Stallmagd Martha auf dem Grünen Boden. Denn Röndler ist Wachtmeister. Da musste eine Uniform aus der Zeit her, in welcher «David und Goliath» spielt.

Knapp ein Jahrhundert her

Rund 100 Jahre sind mittlerweile ins Land gezogen. Und dennoch hat das Stück von seiner Aussagekraft nichts verloren. Natürlich, die Sprache ist eine leicht andere geworden: Wer hat heute noch Begriffe wie Ruschtig (Zeug), höuke (foppen) oder schalus (eifersüchtig) im Aktivwortschatz? Macht nichts, man versteht den Inhalt trotzdem, denn damals wie heute kann man sich einer Frau erbarmen, die mit einem kleinen Tyrann liiert ist.

Damals wie heute kann man sich vorstellen, dass unliebsame Personen auf möglichst elegante Art zu entsorgen versucht werden. Und damals wie heute finden sich Paare über alle Hürden hinweg. Es ist das Verdienst Tavels und des Heimatschutz-Theaters, dass hier Archetypen präsentiert werden. Ob sympathisch oder nicht: Mit diesen zu leiden und sich zu freuen lohnt sich. In der Gewissheit, dass es auf der Bühne gut kommt. Halt so beruhigend anders als im wahren Leben.

«David und Goliath» stehen für ein gelungenes Theatererlebnis, in die Neuzeit gerettet. Würde Röndler gefragt, ob dies Stück ein lohnenswertes sei, er würde mit glühenden Augen näher treten und poltern: «Dänk wohl, zum Donner abenang!»