Olten

«Also, Müsterchen weiss ich keine zu erzählen»

Ein paar Tage noch, dann geht Renate Schwitter in Pension.

Ein paar Tage noch, dann geht Renate Schwitter in Pension.

Ende Oktober geht Renate Schwitter als Leiterin Administration Werkhof in Olten in den Ruhestand. Malen, lesen und das Welschland wiederentdecken sind ihre Präferenzen für die Zukunft.

Wer in erfrischender Freiheit zu erzählen weiss, dem sagt der Volksmund nach, mit «einem graden Maul» geboren worden zu sein. Renate Schwitter ist mit einem graden Maul geboren und dennoch sagt sie gleich zu Beginn der Begegnung: «Also, Müsterchen weiss ich keine zu erzählen.» Aha. Langweilig wirds aber trotzdem nicht, denn das Leben besteht ja schliesslich nicht aus Müsterchen. Das weiss die 64-jährige Leiterin Administration Werkhof Olten, die nach über 35 Dienstjahren bei der Stadt Ende Monat in Pension geht, tupfgenau. «Jo, genau», bestätigt sie kurz.

Ärger mit dem «Fuulhorn»

Wenn sie zurückdenkt, an die späten 1970er-Jahre, dann gehört ihr erster Satz dem Umstand, dass ihr damaliger Arbeitsort, das Stadthaus, im Volksmund auch «Fuulhorn» genannt, immer wieder mal zu mehr oder weniger boshaften Neckereien in ihrem Umfeld geführt hat. «Das hat mich geärgert damals», sagt sie ungeschminkt. Warum? Weil es nicht wahr gewesen und noch immer nicht wahr sei, gibt sie zurück. Als Direktionssekretärin beim damals hauptamtlichen Stadtrat der Städtischen Werke (heute Städtische Betriebe bzw. Aare Energie AG) hat sie drei Stadträte erlebt. «Und dabei viel gelernt», wie sie sagt. Dann, kurz nach der Jahrtausendwende, wechselte die eingefleischte Oltnerin («Ich bin hier geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen») zur Baudirektion; erst im Stadthaus, ab 2008 im neu gebauten Werkhof. «Dass Werkhof und dessen Administration nicht mehr örtlich getrennt sind, führt zu einer grösseren Verbundenheit untereinander», stellt Renate Schwitter fest. Sie ist eine der ganz wenigen Frauen im Werkhofteam, was sie keineswegs als etwas Besonderes empfindet. Im Gegenteil. «Ich glaube sogar, Männer sind im Umgang etwas weniger kompliziert.» Sie lacht.

Am Anfang stand Kantonsspital

Begonnen hat die Laufbahn Schwitters als kaufmännische Lehrtochter im Kantonsspital Olten. «Ich war 1967 im KSO die erste Lehrtochter, die kaufmännisch ausgebildet wurde», blickt sie zurück. Es folgten Jahre in Zürich, ehe Olten ab 1979 wieder ins berufliche Zentrum rückte. Eine Karriere habe sie nie vor Augen gehabt. Das gesteht sie ungeniert ein. Vielleicht, weil sie zu wenig mit den Ellbogen zu arbeiten versteht? «Also es stimmt schon: Ich bewege mich lieber auf der harmonisch gestimmten Ebene», sagt die geschiedene Mutter einer erwachsenen Tochter, Liebhaberin sowohl von Opern und Schlagern wie auch von Rock und Pop. Helene Fischer, Andrea Berg, Kastelruther, Hansi Hinterseer kommen Renate Schwitter wie geschliffen aus dem Mund. «Ich mag halt die Breite der Musik; vom Unbeschwerten bis zum Tragischen. Denn wissen Sie: Bei Verdi, da können Sie Gift drauf nehmen, dass die Geschichte nicht gut endet und einer am Ende tot ist.» Sie lächelt.

Nicht vorbereitet

Ende Oktober beginnen für sie nun hoffentlich ruhigere Zeiten. «Ich weiss, man müsste sich auf den Ruhestand vorbereiten. Hab ich aber nicht», gesteht sie. Nicht zuletzt darum, weil eine aufgetretene schwere Lungenkrankheit ihr dafür die Zeit nicht so richtig liess. Mittlerweile scheint die Sache ausgestanden. Das Gefühl sei manchmal aber schon noch ein bisschen mulmig. «Wenns heute irgendwo zwickt, ist das nicht unbedingt beruhigend», räumt sie ein. Item: Jedenfalls habe sie sich vorgenommen, den Ruhestand stressfrei in Angriff zu nehmen. Und was im Berufsleben zu kurz kam, das will sie, nicht nachholen, nein, aber angehen. Als Austrittsgeschenk hat sie sich vom Arbeitgeber ein Generalabonnement gewünscht. «Einfach ein bisschen reisen» wolle sie. Das Welschland habe sie sträflich vernachlässigt. Und lesen will sie. «Im Moment ticke ich auf Krimis von Henning Mankell.» Mit Präferenzen fürs besonders Gruselige. Dann winkt sie ab. «Es wird schon wieder mal anders.» Und auch das Ausdrucksmalen will die zierliche Ruheständlerin in spe wieder vermehrt pflegen. Und geselliges Leben ebenso. «Man muss aufpassen», sagt sie. Wer nicht mehr in einen ordentlichen Alltagsrhythmus eingebunden sei, der könne leicht vereinsamen. Das wäre ihr ein Gräuel.

Keine Lügen bitte

Die Frage, womit man ihr eine Freude machen könne, bringt sie leicht in Verlegenheit. Das brauche nicht viel, meint sie dann. Eine gewisse Wertschätzung ihrer Arbeit von oberster Stelle etwa. Das schon ja. Und sonst? Am linken Mittelfinger funkelt ein Ring. Sie lacht keck. «Schmuck kaufte ich mir meist selber.» Und was sie nicht ertragen könne? Da braucht man auf eine Antwort nicht lange zu warten. «Wenn man mich anlügt», sagt Renate Schwitter in ernsthaftem Tonfall. Das kann man nur allzu gut verstehen bei einer Person, die ein «grades Maul» hat.

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